Interview : „Rockmusik ist 80 Prozent Freiheit“

János Kóbor ist Sänger der ungarischen Band Omega, die seit ihrer Gründung 50 Millionen Tonträger verkauft hat. Die Band war auf Augenhöhe mit den Rolling Stones – und innovativer als Steve Jobs.

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Janós Kóbor gab mit seiner Rockband "Omega" 1962 sein erstes Konzert.
Janós Kóbor gab mit seiner Rockband "Omega" 1962 sein erstes Konzert.Foto: imago/VIADATA

Herr Kóbor, Sie sind Rockstar und haben die halbe Welt gesehen, wissen Sie, wo Sie hier gerade sind?

Ja, ja.

Die Bühne, auf der Sie heute singen werden, steht auf dem Zeltplatz, wo in den 90er Jahren die halbe Kelly Family gemeldet war. Historischer Boden.

Ach.

Sie kennen die Kellys?

Hab’ ich mal gehört. Vor allem aber hab’ ich mal Franz Liszt gehört.

Weil der wie Sie Ungar war?

Weil meine Eltern dafür gesorgt haben, dass ich klassische Musik kennenlerne. Und weil der ein Rocker gewesen ist. Sagt Ihnen Barbarossa was?

Sie wissen tatsächlich, wo Sie sind.

Ich habe nur andere Koordinaten.

Die Nazis benutzten eines von Liszts Werken, um im Radio und der „Wochenschau“ die Berichte vom Überfall auf die Sowjetunion einzuleiten, „Unternehmen Barbarossa“ nannten sie den Angriff 1941.

Wir haben seit ein paar Jahren auch so ein bisschen Liszt im Repertoire …

János Kóbor

János Kóbor, 74, geboren 1943 in Budapest, genannt „Mecky“, steht an einem Spätsommernachmittag am Rand einer Open-Air-Bühne auf einem Campingplatz im Süden SachsenAnhalts. Schwarze Hose, schwarzes Hemd, weiße Badelatschen, Soundcheck für das Festival „Rockgiganten“. Vor der Bühne Rasen, hinter ihr das Kyffhäusergebirge, nebenan die Kleinstadt Kelbra. Kóbor lauscht den Musikern seiner seit 55 Jahren existierenden Band Omega, die als wohl einzige aus einem sozialistischen Land stammende Rockgruppe einst Stadien im Ostblock und Hallen im Westen füllte.
Ihr offizielles Gründungsdatum: der 23. September 1962 . Kóbor selbst wird während der dreiviertelstündigen Prozedur keinen Ton ins Mikrofon singen, er schaut und lächelt, nimmt mal den Keyboarder in den Arm, mal sagt er dem Mann am Mischpult Sachen ins Ohr.
Der Soundcheck endet gegen 15 Uhr, der Auftritt wird erst nach 23 Uhr beginnen, mit dem Radetzkymarsch. Kóbor hat also Zeit. Am 27. September tritt Omega im Berliner Admiralspalast auf.

Der Omega-Sänger wollte eigentlich nie Musiker werden.
Der Omega-Sänger wollte eigentlich nie Musiker werden.Foto: imago/Andreas Weihs

… und Kaiser Barbarossa soll hier im Kyffhäuser, in diesem Gebirge hinter uns, herumspuken. Wenn die Sage stimmt, sitzt er dort auf einem Elfenbeinstuhl an einem Marmortisch.

Die Welt ist klein. Man kann sie sich nicht aussuchen.

Aber genau das konnten Sie doch immer. Sie lebten in einem sozialistischen Land und konnten trotzdem im Westen arbeiten. Die ersten großen Erfolge hatten Sie dort. Sie hatten die Wahl.

Mindestens einmal aber nicht, komischerweise gleich am Anfang. Die erste Band, die wir gegründet haben, das war in der Mittelschule, 15, 16 waren wir da, 1959. Und 1962 haben wir dann diesen Namen bekommen, Omega.

Weil Sie sich selber vorher keinen ausgedacht hatten. Der Chef des Klubs, in dem Ihr erster Auftritt stattfand, fragte, was er auf die Plakate drucken solle. Sie zuckten mit den Schultern. Er soll dann gesagt haben: „So, ihr heißt jetzt Omega.“

Ja, 55 Jahre ist das her, ab da zählen wir. In dem Jahr haben auch die Beatles und die Rolling Stones ihre ersten Schritte gemacht.

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