Karaoke im Mauerpark : "Die Boxen überlebten, der Laptop starb"

Gareth Lennon aka Joe Hatchiban hat eine Karaokeshow zur Touristenattraktion gemacht. Ein Gespräch über Scham, talentierte Holländer und Regen-Solidarität im Mauerpark.

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Seit 2009 bringt Joe Hatchiban den Mauerpark zum Klingen.
Seit 2009 bringt Joe Hatchiban den Mauerpark zum Klingen.Foto: Alamy Stock Photo

Ein Freitagvormittag in Schöneberg. Gareth Lennon, 42, hockt in seiner Küche, zwischen Stapeln von Kinderspielzeug, das seiner fünfjährigen Tochter Lilly gehört. Er hat das rechte Bein zum Kinn hochgezogen und trinkt einen Milchkaffee nach dem anderen. Er überlegt lange, was er sagt, wägt ab, entscheidet sich um. Lennon studierte Germanistik, arbeitete als Koch in Portugal. Weil er sich bis heute nicht gern festlegt, hat er viele Jobs: er arbeitet als Fahrradkurier, moderiert Events und Betriebsfeiern und veranstaltet sonntags zwischen 15 und 20 Uhr seine „Bearpit-Karaoke“ im Amphitheater des Mauerparks.

Herr Lennon, die Karaokeshow, die Sie unter dem Namen Joe Hatchiban moderieren, steht in Reiseführern. Mal tanzen da hunderte Menschen auf der Bühne Macarena, mal macht einer einen Heiratsantrag. Müssen Sie inzwischen Autogramme geben?

Tut das überhaupt noch wer? Selfies sind die neuen Autogramme. Wenn ich irgendwo esse oder vorbeifahre, winken mir manchmal Leute zu. Das ist schön. Es sagt ja niemand: Oh, sieh mal, das Arschloch aus dem Mauerpark.

Wir sitzen hier in Ihrer Küche, Sie entscheiden: Englisch oder Deutsch?

We can misch it up.

In Dublin haben Sie Deutsch studiert.

Nach der Schule hatte ich keine Idee für die Zukunft, Deutsch war eine Option, seit ich an einem Austausch nach Hemsbach an der Bergstraße teilgenommen hatte. Wenn man Geisteswissenschaften studiert, hat man doch nie einen Plan. Ich konnte mal richtig gute Sätze konstruieren. Ich erinnere mich an die mündlichen Prüfungen – gefühlt sieben Verben hintereinander zum Satz aufgestapelt. Punktlandung, als wäre mein Kopf eine Flugsicherungszentrale. Ich kann das noch. Aber ich muss dazu gezwungen werden.

Ihr hartnäckigster Fehler?

Natürlich: der, die, das. Ich habe Strategien dagegen, benutze einfach immer nur Worte, deren Artikel ich kenne. Lange Zeit habe ich „chen“ an jedes Ende gehängt, dann wusste ich sicher: Neutrum. Nur die Sache mit dem Umlaut habe ich nie begriffen. Warum Tasche und Täschchen, aber nicht Masköttchen, sondern Maskottchen?

Sie sagten mal, Sie hassten das „r“ in „anrufen“.

Bei Englisch-Muttersprachlern klingt es immer so bemüht, ich höre mir selbst nicht gern dabei zu. Ich mag auch nicht, wie es sich im Mund anfühlt. Bei einem Deutschen stört es mich natürlich nicht. Ihr sagt dafür das englische „a“ in apple komisch – Eppel oder Ippel, damit ärgere ich meine Freundin, wenn sie über den Computer redet.

Viele Berliner beschweren sich über die Invasion der Englischsprechenden.

Über Englisch kann man das leicht sagen, ohne dass einen jemand des Rassismus verdächtigt. Man sagt ja nicht: Boah, in ganz Neukölln höre ich nur Türkisch. Die hässliche Implikation ist wahrscheinlich, dass die Englischsprechenden besser seien als die Türken und deshalb eine Beleidigung nie rassistisch gemeint sein könnte.

Sie haben eine fünfjährige Tochter. Was singen Sie ihr abends vor?

Wenn ich sie glücklich machen will, „The rocky road to Dublin“, ein altes irisches Volkslied. Wenn ich sie ärgern will, eine dunkle, Tom-Waits-artige Variante von „Pippi Langstrumpf“.

Sie leben seit 14 Jahren hier. Gibt es für Sie eine Berlin-Hymne?

Als Kind war Nenas „99 Luftballons“ so ein Lied. Ich hörte die englische Version, trotzdem war mir seine Fremdheit bewusst. Es ist ein Winterlied für mich, ich sehe kalte Luft und die verschneite Berliner Mauer. Aber: Können wir aufhören, über die Stadt zu reden, in der wir leben?

Das langweilt Sie?

Ich finde es komisch, wenn man seine Stadt als Ware betrachtet, als Marke. „Berlin ist so und so“, „das ist typisch Berlin“ – es gibt nichts Schlimmeres. Obwohl ich zugestehe, dass es eine besondere Stadt ist. Registrieren, weiterreden.

Dann lassen Sie uns über Sonntage sprechen. Sie haben keine. Keine Ausflüge, kein Kaffeeklatsch. Um 15 Uhr stellen Sie im Mauerpark Ihr Fahrrad mit integrierten Boxen auf und laden Leute ein, Karaoke zu singen.

Ich stehe auf, schaue, was das Wetter macht. Wenn kein Regen runterpeitscht, gehe ich los.

Die Leute schreien nach Ihnen: Komm her, der Regen ist halb so wild. Das sind Ihre Fans!

Nicht von mir, von der Veranstaltung. Ich gehöre halt zum Inventar. Viele Reisende bauen das in ihr Berlin-Wochenende ein.

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