Internetphänomene : Wenn die Ratte mit der Pizza...

Ein Kleid mit unklarer Färbung, eine Mainzer Uni-Tür und jetzt ein hungriges Nagetier: Ständig hört man, dass irgendetwas "gerade das Internet erobert". Ist ein anständiges Leben ohne Internetphänomene noch denkbar?

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Treppenwitz. Ratte zerrt Pizza.
Treppenwitz. Ratte zerrt Pizza.Screenshot: Youtube

Müsste ich eine Rangliste der Dinge erstellen, die ich gleichzeitig liebe und hasse, befände sich unter den Top drei neben „Dschungelcamp“ und fettigem Essen sicher auch – das Internetphänomen. Bis heute gibt es keine akkurate Definition davon, was genau ein solches Phänomen ausmacht. Vielleicht so: Ein Internetphänomen ist ein Ulk, über den klassische Medien behaupten, er „erobere“ gerade „das Internet“ und bringe „die Netzgemeinde zum Lachen“. Manchmal ist aber auch von einem „abgefahrenen Hype“ die Rede.

Diese Woche war es das Video einer Ratte, die in New York ein Stück Pizza vier Treppenstufen hinunter zerrt. Die Größe eines Internetphänomens misst sich an der Anzahl von Klicks, im Fall der Ratte sind es bis jetzt drei Gigantilliarden. Wer das Video noch nicht sehen konnte (Urlaub, eigenes Leben, Alice-Router), braucht das allerdings nicht nachzuholen, denn die Ratte ist quasi schon wieder durch, vergessen, ausgehypt.

Dies gehört nämlich ebenso zur Definition des Internetphänomens. Eine Woche später wird kein Mensch mehr darüber sprechen, und zwar zu Recht. Man schaue sich bloß an, was 2015 bereits als Phänomen gehandelt wurde: ein Kleid, das manchen schwarz-blau, anderen weiß-gold erschien. Eine defekte Tür an der Uni Mainz, die zunehmend mit Zetteln beklebt wurde. Ein fliegender Grünspecht mit Wiesel auf dem Rücken. Barack Obama, wie er beim Weißbierfrühstück „Grüß Gott“ sagt. Die neue Frisur von Kim Jong Un. Irgendwas mit Kim Kardashian.

Internetphänomene sind eine gigantische Zeitvernichtungsmaschine. Ich wüsste gern, wie oft ein Heilmittel gegen Alzheimer bereits nicht gefunden, wie oft der Nahostkonflikt nicht gelöst wurde, weil Menschen mit dem Weiterleiten von Internetphänomenen beschäftigt waren.

Sie sind ja auch unterhaltsam. Vor allem sind sie soziales Schmiermittel, Icebreaker beim Smalltalk. Wer sich sonst nichts zu sagen hat, kann es immer noch mit der Redewendung „Hast du das Youtube-Video gesehen, wo ...?“ versuchen (alternativ klappt das auch mit Netflix-Serien).

Ich wünschte, ich würde mich nicht für Internetphänomene interessieren. Manchmal beschließe ich, sie ab sofort zu ignorieren, doch der Vorsatz hält nur wenige Tage, so lange, bis das nächste Faultier durchs Dorf getrieben wird.

Ups, da kommt es ja schon. Ein neuer abgefahrener Hype, der gerade das Internet erobert: Männer, die sich von Freunden dabei filmen lassen, wie sie in aller Öffentlichkeit und ohne Vorwarnung der Umstehenden einen Spagat hinlegen. „Splitting“ heißt das angeblich. Krass. Bald auch in Berlin?

Nun steht die Internetphänomenforschung noch ziemlich am Anfang. Wichtig wäre etwa zu klären, ob die Belanglosigkeit eines Themas Voraussetzung dafür ist, dass es überhaupt zum Phänomen werden kann. Und warum ganz wenige Phänomene die Monatsfrist überdauern, dann aber nie mehr verschwinden.

Ein deutsches Ur-Internetphänomen hat gerade runden Geburtstag gefeiert. In der „Münsterschen Zeitung“ hatte eine Praktikantin 2010 geschrieben, vor dem örtlichen Seniorenheim sei von Unbekannten ein Buchsbaumbehälter beschädigt worden. Überschrift: „Großer Blumenkübel zerstört“.

Die Nachricht wurde im Netz gefeiert, bald auch außerhalb. Am Ende meldete das ZDF in der „heute“-Sendung, sogar CNN habe über den Vorfall berichtet. Vielleicht wäre das auch ein spannender Forschungsansatz: Ist das Phänomenale an einem Internetphänomen am Ende gar nicht der Betrachtungsgegenstand selbst, sondern nur die Tatsache, wie viele Ahnungslose ihm Aufmerksamkeit schenken?

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