Kolumne: Jens Mühling lernt Türkisch : „Evlerimde“ heißt „in meinen Häusern“

Türkisch ist eine sogenannte agglutinierende Sprache. Keine Angst, das ist nichts Ansteckendes. Grob übersetzt bedeutend agglutinierend so etwas wie „anklebend“ – Türken bekleben ihre Wörter mit allerlei Zusatzsilben, um die Wortbedeutung zu erweitern. Oft können sie dadurch mit einem einzigen Wort Dinge ausdrücken, für die andere Sprachen mehrere Wörter benötigen.

Jens Mühling
Jens Mühling.
Jens Mühling.Foto: Mike Wolff

Ein Beispiel:

Ev – Haus.

Evim – mein Haus.

Evlerim – meine Häuser.

Evlerimde – in meinen Häusern.

Und so weiter. In einem türkischen Online-Sprachforum habe ich neulich das unglaubliche Wort „öpüstürüldüler“ entdeckt, das ist eine fünffach agglutinierte Version des Verbs „öpmek“ (küssen), die bedeutet: „Sie wurden veranlasst, sich gegenseitig zu küssen.“ Sieben Wörter im Deutschen, ein einziges im Türkischen!

Nun ist natürlich auch die deutsche Sprache dafür bekannt, sehr lange Kettenwörter bilden zu können, man denke nur an den berühmten Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän, der sich durch Hinzufügen immer weiterer Untereinheiten auch zum Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitänskajütentürknaufpolierlappenaufbewahrungskasten erweitern lässt, ein prinzipiell unendliches Verfahren. Bloß funktioniert das im Deutschen nur mit aneinandergehängten Substantiven, während im Türkischen ganz unterschiedliche Satzfunktionen an ein einziges Wort drangeklebt werden können.

Warum ich das alles erzähle? Wegen Erdogan.

Am 10. August wird in der Türkei ein neuer Präsident gewählt. Der chancenreichste Kandidat ist der bisherige Premierminister Recep Tayyip Erdogan. Warum Erdogan antritt, ist nicht ganz leicht zu begreifen, da in der Türkei das Präsidentenamt eher repräsentative Funktion hat, ähnlich wie in Deutschland liegt die wirkliche Macht beim Regierungschef. Warum also will Erdogan Gauck werden, wo er doch auch weiterhin Merkel sein könnte?

Vermutlich, weil er in Wirklichkeit beides sein will, Präsident und Premier. Im Falle seiner Wahl zum Staatsoberhaupt muss er formal zwar das Amt des Regierungschefs abgeben, wie auch die Führung seiner Partei. Informell, mutmaßen Beobachter, dürfte er beide Funktionen aber auch weiterhin ausüben. Anders ausgedrückt, und damit komme ich zum Ausgangspunkt zurück: Erdogan pflegt ein stark agglutinierendes Politikverständnis. Er sammelt Ämter und klebt sie an seine Person, je mehr, desto besser.

Wussten Sie, dass Erdogan in seiner Kindheit Sesamkringelverkäufer war? Und später Profifußballer? Und danach Autor, Darsteller und Regisseur eines Theaterstücks namens „Mas-Kom-Yah“? Noch später wurde er Oberbürgermeister von Istanbul, er ist außerdem Mitgründer und amtierender Chef der „Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung“, Ehrendoktor der nach ihm benannten Erdozan-Universität in Rize, zusätzlich Ehrendoktor von Universitäten in Algier, Schanghai, Sarajevo, Moskau und New York, Ehrenbürger von Teheran, Seoul und Prizren, Träger des „Internationalen Muammar-al-Gaddafi-Preises für Menschenrechte“ und vieles mehr.

All diese Ämter, auch die formal längst abgelegten, kleben an Erdogan, er kann sie nicht abschütteln, auch als Präsident wird er glauben, weiter persönlich verantwortlich zu sein für die Reglementierung des Sesamkringelhandels, des Profifußballs, der Theaterkunst, der Stadt Istanbul, der türkischen Wissenschaft und der internationalen Menschenrechte, der Partei, der Regierung und des Staates. Erdogan ist die fleischgewordene Agglutinierung.

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