Elena Senft schaltet nie ab : Selfies? Ich will nur Lady Gaga sehn!

Wer es noch nicht gehört hat: Das Oxford English Dictionary hat das englische Wort des Jahres 2013 gekürt. Es lautet: „Selfie“. Das klingt wie ein lustiger, weicher Pullover.

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Elena Senft.
Elena Senft.Foto: Mike Wolff

Oder wie ein Wort, das sich Deutsche ausgedacht haben, weil es wie Englisch klingt (vgl. Handy). Selfies existieren zwar nicht erst seit diesem Jahr, allerdings hat der Gebrauch des Wortes in den letzten zwölf Monaten eine dramatische Nutzungssteigerung um 17 000 Prozent hingelegt.

Für wen sich der letzte Halbsatz so anhört, als würde man über die dramatische Zunahmerate einer schweren Infektionskrankheit sprechen, der hat nur ein bisschen unrecht. Denn waren es vor einigen Jahren nur dralle amerikanische Teenager-Mädchen mit antoupierten Hinterköpfen, die anzüglich geschminkte Visagen am ausgestreckten Handy-Arm in die Kamera hielten, schmollen einem heute bei Facebook auch befreundete Executive Producer von großen Firmen in Dirndls vom Oktoberfest entgegen.

Selfies also sind Fotos, die Menschen mit dem Smartphone von sich selber schießen und in den Galerien sozialer Netzwerke ausstellen. Es sind diese Bilder, auf denen selbst lang befreundete Menschen einen Gesichtsausdruck haben, den man in Natura an ihnen noch nie gesehen hat. Ein Ausdruck, dem man ansieht, dass er geübt wurde. Ein wichtiges Kennzeichen ist ein seltsam nach vorn gestülpter Mund sowie die leicht eingezogenen Wangen.

Das Phänomen der Selfies hat mittlerweile derart um sich gegriffen, dass das Oxford English Dictionary auch noch auf die diversen Derivate verweist: Ein „Helfie“ ist ein Bild mit Fokus auf die eigene Frisur, ein „Belfie“ betont den eigenen Hintern, ein „Welfie“ zeigt den Fotografen beim sportlichen Work-out und äußerst beliebt ist der „Drelfie“, der ein betrunkenes Selbstporträt zeigt.

Ikonen der Selfies sind Stars wie Rihanna, die schon seit einer gefühlten Ewigkeit entengesichtige, leicht gelangweilte Porträts von sich auf Instagram absondert. Man kann es ihr ja nicht verübeln. Es schafft eine gewisse Nähe zu Fans, ein gewisses Gefühl der Nahbarkeit. Fanbindung. Intimität. Und was sollen Menschen wie Rihanna denn auch sonst machen, während sie auf Auftritte warten oder zwischen zwei Terminen mal Zeit haben? Sie können schließlich nicht noch kurz durch die Fußgängerzone von Dortmund latschen und sich bei Douglas mit Parfum einsprühen.

Es gehört eine große Portion realistischer Selbsteinschätzung dazu, sich darüber bewusst zu werden, dass nicht jede Situation jedes x-beliebigen Menschen unbedingt festhaltenswürdig ist. Es ist interessanter, Justin Biebers Schnute im Taxi zu sehen als Claudia aus Lichterfelde, die im 186er gerade auf dem Weg in die Berufsschule ist.

Ich verstehe es, wenn Menschen sich selber mit dem Handy fotografieren. Wenn hinter ihnen der Sonnenuntergang auf Capri geschieht. Oder eine brisante Verkehrssituation in Mumbai. Oder wenn man ein Obstkostüm trägt. Wenn man jemandem beweisen will, dass man nach dem Abend und den drei Gallonen Wein sehr wohl am nächsten Morgen auf der Joggingstrecke steht. Wenn man eigentlich das unappetitlich knutschende Paar im Hintergrund ablichten will, aber alibihaft noch etwas im Vordergrund benötigt. Wenn man Heino im Flugzeug trifft.

Stattdessen beliebte Hintergründe: das Innenleben des anthrazitfarbenen Seats am Kamener Kreuz mit einem genervten Duckface, das im Stau steht. Oder der furnierte Computertisch und ein CD-Regal Benno. Das komische Gesicht ist die Hauptattraktion. Und das ist sehr ermüdend, wenn man nicht Lady Gaga heißt und man ihr dabei in den Ausschnitt gucken kann.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Esther Kogelboom und Jens Mühling.

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