Krimi-Autorin Sabine Thiesler im Interview : „Das Potenzial zum Mörder hat jeder“

Sabine Thiesler schrieb Pointen für Harald Juhnke und trat mit Wolfgang Gruner auf. Warum sie Berlin den Rücken kehrte und heute vor dem Mittelmeer warnt.

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Die Krimiautorin Sabine Thiesler
Die Krimiautorin Sabine ThieslerFoto: Christian Thiel

Frau Thiesler, wir treffen uns in Pisa, ist Ihr Haus weit entfernt?

Ungefähr zweieinhalb Stunden. In Italien sagt man: quasi um die Ecke.

Auf einem Foto sah ich Sie auf Ihrer Terrasse neben einem ziemlich großen Rottweiler sitzen ...

Wir haben sogar zwei. Ganz liebe Schmusehunde. Sie wissen nicht, dass sie Rottweiler sind, und wir haben es ihnen nicht verraten.

Der Blick von Ihrem Berg soll fantastisch sein. Allerdings liegt das Haus auch sehr einsam. Fürchten Sie sich manchmal da oben?

Ich fürchte mich vor vielem, weil ich so eine extrem kriminelle Fantasie habe. Daher kommen ja auch die Ideen zu meinen Büchern. Nehmen Sie eine einsame Straße, Sie finden die vielleicht romantisch. Ich stelle mir vor, wie mich ein gespanntes Drahtseil zum Anhalten zwingen würde. So in der Art. Und da ich solche Gedanken habe, fürchte ich mich eben mehr als andere. Aber auf meinem Berg fühle ich mich sicher.

Sie haben in den letzten acht Jahren 1,7 Millionen Krimis verkauft ...

… ja, im deutschsprachigen Raum. Allein mein Roman „Der Kindersammler“ ist in 15 Sprachen übersetzt worden.

Alle spielen in der Toskana. Und es kommt vor, dass der vermeintliche Hauptdarsteller ziemlich schnell aus seinem erfolgreichen Leben gerissen wird. Ganz schön gemein.

Das ist es, was mich interessiert: wie es passieren kann, dass ein Normalbürger zum Mörder wird. Das Potenzial dazu hat doch jeder. Das ist das Spannende. In meinem aktuellen Thriller „Versunken“ wollte ich die Geschichte eines Mannes erzählen, der alles verloren hat und sich nur dadurch retten kann, dass er einen anderen umbringt und dessen Identität annimmt. Und ganz nebenbei sind solche Geschichten eine gute Therapie gegen die Angst, von der wir gerade sprachen.

Seit wann haben Sie diese Neigung zur kriminellen Fantasie?

Die hatte ich schon als Kind. Vielleicht weil meine Eltern mich vor allem Möglichen gewarnt haben. Ich bin im Dunkeln nur unter Androhung der Todesstrafe zum Mülleimer auf den Hof gegangen. Und ganz schlimm wurde es, nachdem ich als Kind eine Folge „Aktenzeichen XY“ gesehen hatte, in der eine Frau in den Keller ging, um irgendwelche Vorräte zu holen. Die Frau tauchte nie wieder auf. Und der Keller sah aus wie unserer.

Einmal lassen Sie eine Frau ihren Mann unter dem Olivenbaum hinter der Terrasse vergraben. Sind Sie glücklich verheiratet?

Seit 35 Jahren. Aber schon auf unserer Hochzeitsreise in Griechenland haben wir uns am Strand überlegt, wenn einer von uns den anderen umbringen will, und er hat ein dickes Motiv, wie schafft man das? Wie plant man den perfekten Mord?

Die Autorin Patricia Highsmith schreibt wie Sie aus der Perspektive des Täters. Nur ist ihr Tom Ripley nicht nur böse, er kommt auch noch immer davon.

Natürlich ist es reizvoll, in der Fantasie Grenzen übertreten zu dürfen, in den Kopf von jemandem zu schlüpfen, der anders denkt, als man es in der Realität darf. Ich will jedoch, dass beim Leser keine Fragen offenbleiben. Das finde ich extrem frustrierend. Meistens jedenfalls. Beim „Kindersammler“ wollte ich den Mörder davonkommen lassen.

Einen Kindermörder?

Ich dachte, der ist eine charismatische Figur, da könnte es eventuell eine Fortsetzung geben. So etwas wie „Das Schweigen der Lämmer“. In diesem einzigen Fall hat der Verlag gesagt, nein, das hält kein Leser aus, der muss weg.

Hatten Sie selbst schon mal das Verlangen, auszubrechen, etwas Verrücktes zu tun?

So einsam zu wohnen, wie wir das tun, ist ja schon nicht ganz normal. Die Italiener könnten so nicht leben. Die möchten, wenn sie aus der Tür heraustreten, sofort anfangen, mit den Nachbarn zu reden, und möglichst in fünf Schritten die nächste Bar oder den nächsten Bäcker erreichen. Wenn uns Italiener besuchen, sagen sie: „Complimenti, che bello!“, und insgeheim denken sie: „Oddio, bin ich froh, dass ich hier nicht leben muss!“

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