Leben auf Amrum : Der alte Mann und das Meer

Er hat alles über Nordfriesland im Kopf und 100 000 Fotos im Schrank. Georg Quedens und sein Amrum.

Georg Quedens
Georg Quedens, geboren 1934, ist Naturschützer, Heimatforscher, Buchautor und Fotograf. Mit seiner Frau Karen lebt er in Norddorf...Alexander Babic

Es war Spätherbst. Ich muss zehn oder elf Jahre alt gewesen sein. Wie fast jeden Tag war ich von vier Uhr morgens an in den Dünen unterwegs. Möweneier suchen. Karnickel jagen. Mit der Angelleine ins Watt. Es gab nichts Schöneres. Außer natürlich, Strandgut aufzuspüren. Wenn es nachts stürmte, wenn die Fenster klapperten, musste ich raus und nachsehen, ob etwas Wertvolles angeschwemmt wurde.

An diesem Morgen im Spätherbst war ich stundenlang barfuß durch den Sand gelaufen, der eisig kalt war vom Frühreif. Mit Schuhen wäre ich nicht schnell genug gewesen. Ich kannte damals jede Karnickelhöhle auf Amrum, und ich hatte keine Berührungsängste, wenn ich die Tiere zu fassen kriegte. An den Hinterläufen aus dem Loch gezogen, ein Handkantenschlag hinter die Ohren, zack, in Sekundenbruchteilen waren sie tot. Die Jagd ist wie eine Droge. Ich spürte damals nicht, wie die Kälte in meine Beine kroch. So holte ich mir eine bakterielle Entzündung in Knie und Hüftgelenk.

Die Erkrankung hat mein Leben verändert. Die Ärzte hatten nicht die Ausbildung wie heute, viele waren bessere Sanitäter. Mein linkes Bein blieb steif, ein Dutzend Operationen später hatte ich keine Gelenkpfanne mehr, dafür ein verkürztes Bein, irgendwann war auch noch eine Niere weg. Wer weiß, was aus mir geworden wäre. Vielleicht hätte ich studiert. Doch wegen der vielen Krankenhausaufenthalte war ich selten in der Schule und absolvierte nur sechs Klassen. So bin ich Fotograf geworden wie mein Vater, er hatte sich mit einem Fotoladen selbstständig gemacht. Dazu betrieb er eine Autovermietung. Diese Geschäfte sollte ich übernehmen.

Übernommen hat sie letztlich mein Bruder, der zunächst zur See fuhr und Kapitän werden sollte, aber diese Karriere wegen eines Augenfehlers nicht fortsetzen konnte. Für meinen Berufs- und Lebensweg war es ein Glücksfall, dass er schließlich die väterlichen Geschäfte fortführte. So hatte ich die Möglichkeit, mich selbst zu erfinden.

Ich konnte zwar nicht mehr so laufen wie vorher, doch meine Leidenschaft trieb mich weiter in die Dünen. Nur dass ich meine Objekte nun mit der Kamera erbeutete. Stundenlang kauerte ich in meinem Zelt. Man muss die Vögel täuschen, etwa indem jemand mitkommt, der dann das Zelt wieder verlässt. Mit der Zeit baute ich ein Archiv auf. Bis zu 300 Diavorträge halte ich im Jahr: über die Nordsee, das Wattenmeer, die Amrumer Vogelwelt und Amrum in der guten alten Zeit.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben