Münster : Westfälischer Unfriede

Markus Berges von der Band Erdmöbel ist gebürtiger Westfale. Dann floh er aus Münster. Heitere Menschen traf er erstmals in Köln. Ein Stadtgespräch über westdeutsche Mentalitäten.

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Katholisches Herzland: Münsteraner Prinzipalmarkt mit Lambertikirche.
Katholisches Herzland: Münsteraner Prinzipalmarkt mit Lambertikirche.Foto: Caro / Oberhaeuser

Herr Berges, kennen Sie den? Treffen sich ein Rheinländer und ein Westfale. Der Westfale trägt einen Papagei auf der Schulter. Fragt der Rheinländer: „Kann der sprechen?“ Darauf der Papagei: „Keine Ahnung.“

Nicht schlecht! Vergleicht man das Leben in Rhein- und Münsterland, gibt es große kommunikative Unterschiede. Das fängt schon morgens beim Bäcker an, ob man ein paar nett-grobe Worte oder gar keine hat. Und in der Regel wechselt man im Münsterland keine.

Der Münsteraner zeigt stumm auf die Auslage?

Ein typischer Dialog geht so: „2 Croissants“ – „1,50“. Das war’s dann für den Tag. Sie als Berliner kennen das natürlich nicht, weil bei Euch die grobe Plauderei vorherrscht. Jede Gelegenheit, den erstbesten Menschen anzupflaumen, wird genutzt. Das kennt man bei uns nicht so, weder im Wortkargen noch im Redseligen.

Sie und der Rest Ihrer Band zogen Mitte der 90er Jahre von Münster nach Köln …

… in Köln muss ich Rentnerinnengekeife mit anhören. Einmal ging es um eine Schwiegertochter, die sei „doch wohl kriminell!“ Und mit dem selbst verordneten Kölner Lokalpatriotismus muss man das begeisterte Beschimpfen auch schön finden.

Kölner neigen zum Übertreiben – und es ist ganz wichtig, dass man begeistert ist von Köln. Richtig?

Richtig. Diese offensive Selbstbegeisterung ist sehr schön, wenn man neu in die Stadt kommt. In Münster hatten wir das Gegenteil erlebt: den provinziellen Selbsthass. Eine Überzeugung, dass das, was von dort kommt, einfach nicht gut sein kann.

Ein Minderwertigkeitskomplex.

Den hat man mit der Zeit verinnerlicht. In Köln spürte ich zum ersten Mal: Etwas ist allein schon deshalb toll, weil es hierherkommt, das war überwältigend. Es wirkt andererseits reichlich seltsam, gerade in dieser merkwürdigen, auch hässlichen Stadt immer zu behaupten, es sei der schönste Ort der Welt. Man muss sich einfach locker machen können dafür, das kann ich nicht immer. Während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 war ich im Stadion, da wurde erstmal „Wir sind Kölle“ gesungen. Es war Tschechien gegen Ghana!

Wann ist es schwer, sich locker zu machen?

Nüchtern, ich bin ja nicht jeden Tag betrunken. Wenn man unsicher ist, sich nicht als König fühlt. Dann hat man keine Lust auf die ganzen anderen Großmaul-Könige um einen herum.

Sie leben fast 20 Jahre in Köln. Das sind 20 Rosenmontage, 20 Kostüme. Was waren die Highlights?

Mein Highlightkostüm ist der Gentleman-Penner. Da habe ich so eine Art zerfetzten Frack an.

Die beste Musik, um eine Polonaise zu starten?

Als Musiker ist man ja gerne musikgeschmäcklerisch unterwegs. Da muss man auch neidlos anerkennen, dass eine Band wie Brings einfach den besseren Gassenhauer geschrieben hat: „Nä, wat wor dat dann fröher ne superjeile Zick“. Ein furchtbares Lied, doch in der entsprechenden Stimmung kann man sich nicht entziehen. Wenn du mit der Haltung in den Karneval gehst, gute Musik hören zu wollen, kannst du nur verlieren. Mir gelingt es, den Kopf auszuschalten und mitzuschwimmen.

„Herr, nimm auf dieses Mädchen, in der ganzen Welt bekannt als Marilyn Monroe“. Löst dieses Zitat Erinnerungen bei Ihnen aus?

Das war mein erster Song, die Vertonung eines Gedichts von Ernesto Cardenal: „Gebet an Marilyn Monroe“. O Gott, da war ich elf! Das haben wir in der Schule gemacht, ich war gerade dabei, Gitarre zu lernen. Ich hatte gleich den Impuls, einen Song zu schreiben, mir fehlte nur ein Text. Ich konnte vielleicht zwei Akkorde spielen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie meine Eltern darauf reagiert haben mögen.

Woher hatten Sie Ihre erste Gitarre?

Meinen ersten Bass habe ich mir in einem Musikgeschäft gekauft. Aber die Gitarre? Keine Ahnung. Das Spielen habe ich mir selber beigebracht. Mit einem Songtextbuch, der „Mundorgel“.

In Telgte, wo Sie aufwuchsen, gab es Peter Janssens, der als Mitbegründer des Sacro-Pops gilt. Er hat Bibelverse mit einer funky Hammondorgel unterlegt. Ein Einfluss?

In Telgte kannte man den natürlich. Janssens hatte eine Band, mit der er vornehmlich in Kirchen BeatGottesdienste veranstaltete. Ich bin selber auf einer katholischen Schule gewesen, wo gelegentlich Sacro-Pop gesungen wurde: „Wir knüpfen aneinander an, wir knüpfen aufeinander zu. Schalom! Ein Liebesnetz“.

Was genau ist ein Beat-Gottesdienst?

Im Grunde ist das ein Gottesdienst, bei dem eine Band auftritt und neuere Kirchenmusik spielt. Mich hat das nicht sehr inspiriert, eher im Gegenteil. In der katholischen Schule, die ich besuchte, wurde man ewig lange morgens in den Gottesdienst gezwungen. Nachmittags haben wir Punkrock gehört. Irgendwie ging das zusammen.

Punkrock war das Gift gegen den Katholizismus?

Überhaupt gegen das Reglementierte und das Kleine in der Kleinstadt. Im Übergang von 70ern zu 80ern war es zum Beispiel für meine Eltern von großer Bedeutung, ob ich das Hemd über der Hose trug oder drin. Heute schwer vorstellbar, aber damals waren das ernste Pubertätskonflikte.

Was haben Ihre Eltern beruflich gemacht?

Mein Vater war technischer Angestellter, meine Mutter Schuhverkäuferin im besten Haus in Münster, dem Schuhhaus Zumnorde am Prinzipalmarkt.

Das Haus ist legendär, weil es in ihm eine riesige Holzrutsche für Kinder gibt, die vom Erdgeschoss ins Kellergeschoss führt.

Darauf bin ich ziemlich oft gerutscht.

Erfüllte sich mit Münster für jemanden, der aus Telgte kam, der Traum von einer großen Stadt?

Münster ist eine gediegene, wohlhabende und mit seinen vielen Fahrrädern auch alternative Stadt. Eigentlich eine angenehme Stadt, um dort zu leben, wenn man nicht sehr hungrig ist.

Angenehm ist stark untertrieben, wenn man bedenkt, dass Münster 2004 von der Umweltorganisation der Vereinten Nationen und der Internationalen Vereinigung der Gartenbauamtsleiter zur „lebenswertesten Stadt der Welt“ gekürt wurde.

Ich weiß nicht. Wenn ich in Münster bin, schnürt es mir schnell die Kehle zu. Ich hab’ gleichzeitig das Gefühl, das ist sehr ungerecht. Ich hab’ viele Freunde in der Stadt, und die können gut erklären, warum sie da wohnen. Aber ich habe das Gefühl, dort zu lange gelebt zu haben. Und ich habe das Gefühl, ich hätte etwas verpasst deswegen. Ich habe immer noch keinen Frieden damit gemacht, obwohl ich schon so lange weg bin.

Ihr Gefühl, wenn Sie am Münsteraner Hauptbahnhof ankommen und das Fahrradparkhaus sehen?

Enge. Mir wird’s dort eng ums Herz. Selbst wenn ich das sehe, was neu ist. Da ist vieles, das neu ist, was eigentlich das Leben schöner gemacht hätte, wenn es das zu meiner Zeit schon gegeben hätte. Trotzdem ist es einfach so. Ich kann die Schönheit, die es dort hat, nicht richtig genießen. Ich kann die nur sehen. Irgendwie ist da so eine Glasscheibe.

Was fürchten Sie, verpasst zu haben?

Es war für mich ein extremer Lebensabschnitt, 1995 nach Köln zu gehen. Vieles hat für mich da noch einmal angefangen. Da bin ich aber schon fast 30 gewesen. Ich hatte unheimlich viel Zeit und hab die Stadt erobert, eigentlich toll. Das wäre nur schon früher fällig gewesen.

Herr Berges, Sie haben Ihre Wahl für Köln getroffen. Jetzt müssen Sie sich noch mal entscheiden: Binnenschiffer oder Bergmann?

Binnenschiffer! Ganz klar! Die Binnenschiffer gehören in Köln zum Alltag. Es ist wunderschön, denen hinterherzuschauen, ihren Weg zu verfolgen. Ich hatte eine Freundin, deren großer Traum es war, einmal mit einem Lastkahn den Rhein runterzufahren. Aber als ich erfahren habe, dass man solche Fahrten tatsächlich buchen kann, waren wir schon nicht mehr zusammen.

Katholisch oder evangelisch?

Katholisch.

Belgien oder Holland?

Ganz klar Belgien. Ich bin großer Brüssel-Fan. Eine schöne Stadt, die interessante Aspekte hat. Das königliche Kolonialmuseum zum Beispiel. Da kann man ziemlich unverstellt den Kolonialismus und Rassismus des 19. und frühen 20. Jahrhunderts erleben. Es gab mal einen kurzen Moment in den 70ern, wo sie versucht haben, das Museum umzubauen. Dabei ist es dann auch geblieben. Ein bitterer, interessanter Ort der Erinnerungen.

Die beleuchteten Autobahnen, die nach Brüssel führen …

… sind wunderbar. Ich habe sie kürzlich gefilmt. Schön, wenn die Lampen kommen und wieder verschwinden. Inzwischen ist die Autobahn in Belgien nicht mehr durchgehend beleuchtet. Dieses Hell und Dunkel während der Fahrt, das gelbe Leuchten gehört zu meinen frühesten Erinnerungen. Das klassische Urlaubsgefühl.

WDR 2 oder Eins live?

Eins live, weil ich für die mal als Telefonist gearbeitet habe. Hey, gutes Wetter, grillt ihr schon? Dann riefen die Hörer an, und ich stellte sie zu den Moderatoren durch.

Rheinischer Kapitalismus oder rheinischer Sauerbraten?

Rheinischer Kapitalismus. Neulich wurde ich in einen Marx-Club eingeladen. Da lesen wir zusammen „Das Kapital“. Der rheinische Kapitalismus ist eine milde Form des Kapitalismus, es gelang ein Ausgleich zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Die Idee der sozialen Marktwirtschaft ist in den ausgehenden 90er Jahren und um die Jahrtausendwende nur noch belächelt worden. Nach der Finanzkrise hat Marx eine Renaissance erlebt.

Was war die größte Überraschung bei der Marx-Lektüre?

Die Beschäftigung mit der sozialen Frage und den ungebremsten frühkapitalistischen Verhältnissen – zu welcher Klarheit einen das führt. Wenn ich mir heute die wirtschaftlichen Verhältnisse angucke, denke ich, scheiße, ist das kompliziert. Marx ist es gelungen, durch sein Modell die verschiedenen Interessen auseinanderzuhalten und Ausbeutungsverhältnisse ganz klar zu benennen, wo sie für uns nur mit großer Anstrengung gesehen werden können.

Auf dem neuen Erdmöbel-Album „Kung Fu Fighting“ singen Sie : „Nicht in Kölle geblieben, sondern im Erftkreis“. Hegen Sie schon wieder Fluchtgedanken? Nach Bergheim?

Eine Flucht in den Erftkreis kann ich mir nicht vorstellen. Das Wort singe ich gern. Das „r“ in Erftkreis ist interessant.

Sie singen Wörter, die eigentlich gar nicht gesungen werden können: Thrombosestrumpfhose, Silageplane, Tidehub, Schiffsschraubenschaum, Funktionshose. Ist es ein Geschicklichkeitssport geworden, obskure Begriffe ins Liedgut einzuführen?

Beim neuen Album ist es eher nicht mehr so. Da ging es gerade darum, dass ich mir vieler Dinge schon bewusst war und es mich gelangweilt hat, es noch mal zu wiederholen.

Besitzen Sie eine Kladde, in der Sie solche Begriffe sammeln?

Ja. Ich notiere aber weniger Wörter, sondern Themen, Sätze, Wortzusammenklaubungen, die mir gefallen. Teilweise trage ich die jahrelang mit mir rum und oft, wenn ich die dann ausprobiere, komme ich auf weitere Ideen. So dass manche Songs langsam zusammenwachsen. So eine dünne Kladde, die hält Jahre.

„Wort ist das falsche Wort / Es ist mehr Akkord“. Heißt das: Es geht Ihnen nur um den Klang, nicht um die Bedeutung?

Der Klang ist total wichtig. Aber nicht nur. Es ist ja die Bedeutung in einem musikalischen Zusammenhang. Bedeutung als Musik. Und das macht alles zusammen den Akkord aus: das Bild, der Klang, die Musik dazu. Dass es eben gesungenes Wort ist.

An diesem Sonntag läuft wieder der „Tatort“ aus Münster. Er ist überdurchschnittlich beliebt beim Publikum. Spiegelt der Ihr Münster?

Die machen ja auf ganz milde Westfalen-Satire, die Leiche hat Törtchen gegessen und so. Ich fand das bei den ersten Münster-Tatorten ganz lustig. Aber kennste einen, kennste alle. Ich hab das Tatortgucken drangegeben.

Wo ist Berlin ein bisschen wie Münster?

Prenzlauer Berg könnte man schon eine gewisse Prinzipalmarkthaftigkeit unterstellen.

Erdmöbel stellen am 21. 10. im Heimathafen Neukölln ihr neues Album „Kung Fu Fighting“ vor. Diesen Sonntag läuft der Münster-Tatort (ARD).

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