Philosoph Rüdiger Safranski : „Manche Tote sind lebendiger als Lebende“

In der Kunst wird nichts wirklich Neues erfunden, sagt Rüdiger Safranski. Warum Goethe heute Gastgeber einer TV-Sendung wäre und Schiller mitmachte.

von
Der Philosoph Rüdiger Safranski
Der Philosoph Rüdiger SafranskiFoto: Arno Burgi/pa/dpa

Im Kino läuft zurzeit ein Film von Dominik Graf über Schiller, und an deutschen Theatern ist „Faust“ von Goethe seit Jahren das am häufigsten inszenierte Stück. Herr Safranski, was haben uns die Klassiker Schiller und Goethe heute noch zu sagen?

„Faust I“ ist der Mythos des Sinn suchenden Menschen. Das Stück ist einfach gebaut, populär – es war ja mal ein Puppenspiel – und doch tiefsinnig. Eine unnachahmliche Mischung, wie sie in der Weltliteratur nur in wenigen Stücken gelingt. Zum Beispiel Homer mit der „Odyssee“: Da will jemand nach Hause und muss Riesenumwege machen.

Der erfolgreichste Kinofilm des vergangenen Jahres war die Teenager-Komödie „Fack ju Göthe“. Offenbar traf auch der Titel einen Nerv.

Da Goethe noch immer auf einem Podest steht, gibt es natürlich eine antiautoritäre Verweigerungshaltung gegen ihn.

Teilten Sie diese Haltung?

Erst später, als die 68er-Zeit losging. Ich studierte hier an der Freien Universität in Berlin. Genauso, wie man damals die lebenden Autoritäten angriff, so tat man es auch mit den Toten. Gegen den offiziellen Kanon brachte man die weniger beleuchteten, doch ebenfalls genialischen Dichter wie Büchner oder Lenz in Stellung.

Jede Kleinstadt hat ihr Goethe- und ihr Schiller-Gymnasium. Es gibt in Deutschland zwölf Goethe- und sogar 19 Schiller-Denkmäler. Ist diese Wertschätzung nicht übertrieben?

Jedes europäische Land hat so ein Icon oder zwei: In Italien sind es vielleicht Dante und Petrarca, in Frankreich Voltaire und Sartre. Meistens sind es nur wenige Figuren, die die Tradition einer Nation verkörpern. Man könnte zu analysieren versuchen, warum es in Deutschland ausgerechnet Goethe und Schiller sind und nicht Kleist. Es gibt nachvollziehbare Gründe dafür, doch es spielt auch Zufall eine Rolle, und Eigendynamik.

Sahra Wagenknecht von den Linken zeichnete in einem Essay für die „FAZ“ Goethe als antikapitalistischen Helden. Demnach ist Goethe sogar linksparteifähig.

Ich saß mal mit Sahra Wagenknecht auf einem Podium. Sie hat, was mir sympathisch ist, offenbar einen Narren an Goethe gefressen. In „Faust II“ ist bereits die ganze Problematik des modernen Unternehmertums dargestellt, zugleich bewundernd und kritisch. Faust endet als Global Player. Er will Land urbar machen, das alte Ehepaar Philemon und Baucis steht dem im Wege. Beide werden plattgemacht. Das ist doch sehr aktuell.

Sie schreiben seit einem Vierteljahrhundert Biografien. Erst Ihre letzte handelte von Goethe. Der Reihenfolge nach zu schließen, scheint der für Sie nicht der wichtigste deutsche Dichter zu sein.

Das kann man so nicht sagen. Ich bin schon früher um ihn herumgeschlichen. Schopenhauer, die Hauptfigur meines zweiten Buches, hatte in jungen Jahren eine Begegnung mit dem alten Goethe. Anschließend schreibt ihm Goethe ins Stammbuch: „Willst du dich deines Werts erfreuen, so musst der Welt du Wert verleihen.“ In dem Satz steckt das Betriebsgeheimnis von Schopenhauer und zugleich von Goethe. Schopenhauer, der sein Selbstbewusstsein in fast feindseliger Abgrenzung zur Welt zu gewinnen versucht. Dagegen sagt Goethe: „So geht das nicht. Du musst der Welt Wert verleihen, damit du dich selbst wertschätzen kannst.“ Damit formuliert Goethe sein Lebensprinzip: Grüblerische Selbstversenkung bringt nichts. Man kann sich selbst nur im Spiegel der Welt begreifen. Goethe war unheimlich tätig. Es kam gar nicht so sehr auf die Ergebnisse an, sondern darauf, dass man etwas Produktives mit sich anstellt. Mir war damals schon klar: So toll seine Werke sind, noch spannender ist, wie er sein Leben gestaltet.

Konnten Sie schon als Schüler etwas mit Goethes Werken anfangen?

Wir lasen am Gymnasium in Rottweil „Iphigenie auf Tauris“ ...

… ein ursprünglich aus der Antike stammendes Stück über eine von Göttern verfluchte Familie.

Wir haben uns fürchterlich gelangweilt. Unsere Lehrer haben die falsche Wahl getroffen: Der „Werther“ ist viel frischer.

„Iphigenie auf Tauris“ wird noch heute häufig gespielt.

Sehr verwunderlich. Schon zu Goethes Zeiten war die einschläfernde Wirkung des Stückes beträchtlich. Es war ja ursprünglich dafür gedacht, der Herzogin in Weimar, die soeben geboren hatte, einen nicht allzu aufregenden Abend zu verschaffen.

Wäre es nicht lohnender, wenn für das Theater neue Stücke zu zeitgenössischen Themen entwickelt würden, anstatt immer dieselben Klassiker aufzuführen?

In der Kunst wird ohnehin im Grunde nichts wirklich Neues erfunden. Es werden vorliegende Muster variiert. Aus Altem wird Neues gemacht. Ich sehe es ja an mir selbst: Mir fällt am meisten ein, wenn ich mich mit historischen Figuren befasse.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben