Ranga Yogeshwar - Digitale Kindheit : Lernt programmieren!

Unser prominenter Autor fragt sich, wer einsamer ist: Kinder mit oder ohne Smartphone? Seine Botschaft für Eltern

Ranga Yogeshwar
Ranga Yogeshwar
Ranga YogeshwarFoto: Imago/Future Image

Ich war als Jugendlicher schüchtern, aber immer verliebt. Einen Liebesbrief zu schreiben, wie manch andere das taten, habe ich mich damals nicht getraut. Heute hätte ich es wohl leichter: Die Einstiegsschwelle ist mit Whatsapp, Facebook und so weiter deutlich gesunken. Und bevor man darüber urteilt, ob das gut oder schlecht ist, sollte man sich die einfache Frage stellen, welcher Jugendliche sich wohl einsamer fühlt: Derjenige, der im Urlaub weit weg ist von seinen Freunden, aber ständig online, oder jener, dem Mama zu Hause das Smartphone abgenommen hat?

Natürlich sind wir inzwischen in der Erwartung der Erreichbarkeit angekommen. Das ist oft bei Technik so, sie verspricht am Anfang Freiheit, doch sehr bald erwächst daraus der Zwang, sie ständig nutzen zu müssen. Unsere Kinder sind ein bisschen so wie Flugzeuge auf dem Radarschirm eines Fluglotsen. Wenn das Signal auch nur für wenige Minuten verschwindet, werden die Eltern nervös. Die Nichterreichbarkeit erzeugt Ängste.

Eltern müssen lernen damit umzugehen, dass Kommunikation nicht mehr die gleiche ist wie früher, als sie erzogen wurden. An Stelle des „Fasse dich kurz!“, der präzisen Anweisungen oder dieses „Ich habe das und das gesagt“, tritt ein Nebel an permanentem Input. Es kommt nicht mehr nur auf den Inhalt an, sondern auf die Tatsache, dass überhaupt kommuniziert wird. Whatsapp ist wie ein Seismograf, der einfach nur zeigt, hey, wir sind alle noch da. So ähnlich wie ein Wolf nachts einsam anfängt zu heulen und alle Artgenossen in dieses Konzert einstimmen. Es ist eine Vergewisserung der Existenz. Ich bin „on“, also bin ich.

Kinder lernen schnell in digitalen Kategorien zu denken

Was nun den Umgang mit den digitalen Möglichkeiten angeht: Kinder haben keine Hemmschwellen, die können das aus sich heraus. Dabei hilft ihnen, dass viele dieser Geräte und Apps außerordentlich intuitiv benutzbar sind. Kinder lernen sehr schnell in digitalen Kategorien zu denken. Während wir Ältere noch etwas nachschlagen, fragen meine Kinder ihre Freunde. Das geht oft schneller und aus Belehrung wird Beziehung. Die Gefahr dabei ist, dass wir und speziell unsere Kinder nur noch zu Konsumenten dieser digitalen Revolution werden.

Es ist daher wichtig, das Gestalten zu lernen, sich einzubringen. In einigen Bereichen funktioniert das super. Etwa beim Umgang mit Medien. Meine Kinder filmen per Smartphone, schneiden und vertonen das Video und stellen es ins Netz. Ältere Kollegen beim Fernsehen tun sich mit derselben Aufgabe schon mal schwerer. Trotz dieser digitalen Kompetenz geht es darum, auch die nächste Stufe zu schaffen: die Gestaltung eigener Apps und Programme.

Wir brauchen eine Kompetenz in der Sprache des 21. Jahrhunderts. Das bedeutet, die Kinder müssen programmieren lernen. Sie müssen nicht zu Nerds werden. Das Programmieren selbst ist gerade dabei, revolutionäre Sprünge zu machen, weg von diesen kryptischen Codes hin zu neuen Konzepten, bei denen visuell programmiert wird, Module zusammengesetzt werden. Die Chancen sind groß, doch was uns in Deutschland noch immer fehlt, ist eine Sensibilität hierfür. Wir sind kein Land von Programmierern.

Ein Großteil der Lehrer hat nicht die Fähigkeit dazu

Wo aber lernen die Kinder diese Fähigkeit? Nicht in der Schule, jedenfalls nicht momentan. Das deutsche Schulsystem betrachtet dies nur sehr mangelhaft als eine Aufgabe. Hinzu kommt, ein Großteil der Lehrer hat gar nicht die Fähigkeit dazu. Zum Glück kommt da die Selbstverstärkung der digitalen Revolution zum Tragen: Im Netz finden sich Tutorials auf allen möglichen Gebieten. Das Internet selbst sorgt dafür, immer mehr Menschen hineinzuziehen. Doch unsere Gesellschaft muss diese Chance noch erkennen.

Wir werden noch einmal sehr ernst darüber nachdenken müssen, was eigentlich die wahre Zielsetzung der Bildung sein soll. Meine Großmutter konnte den gesamten Rilke auswendig rezitieren. Doch Schönschreibschrift und Auswendiglernen sind passé. Alles steht im Netz. Die Schriftkultur wird sich verändern, hin zu einer oralen Kultur, wie es sie vor der Erfindung des Buchdrucks einmal gab. Spätestens in 20 Jahren werden Computersysteme Sprachbefehle wirklich gut nachvollziehen, wir werden mit unseren Maschinen so kommunizieren, als wären sie einer von uns und diese digitalen Avatare werden zu unseren ständigen Begleitern. Der Trend beginnt bereits: Kein Mensch liest lange Betriebsanleitungen, wenn er auf Videoschnipsel oder auf digitale Hilfsassistenten und Hilfe-Foren zurückgreifen kann.

Die neue Kultur beruht eher auf der Kompetenz im Abrufen von Informationen. Der medizinische Beipackzettel wird durch die Kommunikation im Forum ersetzt. Bei Risiken und Nebenwirkungen fragt man das Netz.

Ich habe das Beispiel Videogestaltung genannt, wo Kinder bereits heute Filme erstellen, womit sich früher ganze Fernsehanstalten befassten. Auch in vielen anderen Bereichen erleben wir diese Verdichtung der Kompetenzen. Wir erledigen vor dem Urlaub komplexe Buchungsverfahren, die früher ganze Reisebüros beschäftigten.

Wo bleibt der Platz für die Eltern?

Und wo bleibt für Eltern der Platz in dieser Welt? Wie es eigentlich immer der Fall war, werden sie drei verschiedene Aufgaben haben. Sie sind noch immer die emotionalen Stabilisatoren der Kinder. Das wird bleiben. Erziehung ist nicht digital, sondern geprägt von Nähe, von Gefühlen, von Wärme, von Geborgenheit, von Altruismus, von Zuverlässigkeit. Die zweite Herausforderung besteht darin, dass wir unseren Kindern im Kosmos unzähliger Möglichkeiten Orientierung anbieten müssen, nicht unbedingt im Inhaltlichen, aber in der Haltung, in den Werten und Zielen. Das wird zunehmend wichtiger, denn die digitale Welt agiert mitunter als Verstärker: Wenn zum Beispiel andere Kids gemobbt werden, verstärkt die digitale Kultur diesen Konflikt, und es braucht ein starkes analoges Korrektiv.

Drittens aber müssen Eltern mithalten. Früher war das Alter auch der Ausdruck von Kompetenz, doch gewachsene Erfahrungswerte lösen sich in der Welt des Wandels auf, denn wir erleben einen einzigartigen Generationenbruch. Die tradierten Rollen kehren sich um: Dass Eltern ihre Kinder fragen, wie etwas geht, wird immer normaler. Logischerweise ändert das die Machtverhältnisse. Wenn wir den Kontakt zur Welt unserer Kinder behalten wollen, müssen wir Eltern offen sein und lernfähig bleiben. Das ist sowohl eine intellektuelle als auch eine emotionale Herausforderung für beide Seiten. Wenn wir sie annehmen, wird es aufregend.

Protokolliert von Andreas Austilat

Ranga Yogeshwar, Physiker und Wissenschaftsjournalist, hat 2014 die Initiative „Jeder kann programmieren“ mitbegründet (www.start-coding.de)

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