Verbrechen im Kloster : Irlands geraubte Kinder

Philomena Lee war 18 und schwanger. Ihren Sohn musste sie 1952 im Kloster zur Welt bringen, katholische Nonnen verhökerten ihn nach Amerika – so wie tausende anderer Kinder auch.

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Die junge Philomena im Film (gespielt von Sophie Kennedy Clark).
Die junge Philomena im Film (gespielt von Sophie Kennedy Clark).Square One/Universum

Sie weiß nicht mehr, wie ihr geschieht. „Fantastic, fantastic, fantastic“, stammelt Philomena Lee dem Fernsehreporter ins Mikrofon, als dieser wissen will, wie sie den ganzen Rummel erlebt. Und gleichzeitig sei es so – so – irritierend.

50 Jahre lang hat sie ihr großes Geheimnis für sich behalten, nicht mal ihren Kindern davon erzählt. Jetzt kennt es die ganze Welt. Eben noch Krankenschwester im Ruhestand, läuft die 80-Jährige heute in Hollywood über den roten Teppich. Einst als gefallenes Mädchen ins Kloster gesperrt, ihrer Freiheit und ihres Sohnes beraubt, empfängt sie der Papst nun zur Audienz.

Vor ein paar Wochen war das, in Rom. Danach hat Franziskus sich den Film über das Leben und Leiden der Philomena Lee im Vatikan zeigen lassen, berichtet der Fernsehsender ABC. Ob der Oberste Hirte geweint hat oder gelacht, ob er in die Knie gegangen ist vor Scham, ist nicht bekannt. Kalt gelassen hat ihn das Werk sicher nicht. Denn die große Sünderin darin ist nicht die Hauptfigur, sondern Irlands katholische Kirche.

Bei der Uraufführung auf dem Festival in Venedig wurde Stephen Frears Film bejubelt, selbst die härtesten Kritiker waren tief berührt von der mit Humor und Wärme erzählten Geschichte, dem Schauspiel von Judi Dench und Steve Coogan, der auch das Drehbuch schrieb. Nächste Woche kommt „Philomena“ hierzulande ins Kino, rechtzeitig zum Start erschien das gleichnamige Buch von Martin Sixsmith, auf dem der Film basiert, auf Deutsch als Ullstein-Taschenbuch.

Auch damals, 1952, wusste Philomena, ein unschuldiges Mädchen vom Land, nicht, wie ihr geschah . Ihre Mutter war gestorben, als sie selber sechs war, der Vater, mit sechs Kindern überfordert, schickte sie zu den Nonnen aufs Internat. Beim Karneval lernte die 18-Jährige, inzwischen bei der Tante Untermieterin, einen netten Jungen kennen, mit dem sie ein paar schöne Stunden verbrachte. Sie wusste nicht, dass man davon schwanger wird, Aufklärung stand in der Klosterschule nicht auf dem Stundenplan.

Ein uneheliches Kind zu bekommen, das war in Irland damals mehr als ein Skandal: eine große Schande für die ganze Familie. In diesem erzkonservativen, erzkatholischen Land gab es keinen Platz für alleinstehende Mütter – außer das Kloster. So kam Philomena ins Mutter-Kind-Heim der Sean Ross Abbey in Tipperary. Schmerzmittel gab’s keine bei der schweren Geburt, die Mädchen sollten büßen für ihre Sünden. Je heftiger, desto besser. Ob sie den Akt denn genossen hätte, wollten die Nonnen wissen, sie ihre Unterhose ausgezogen habe? In der Kloster-Wäscherei musste Philomena schuften; eine Stunde pro Tag durfte sie Sohn Anthony in der Krippe besuchen.

Alles wurde ihr genommen, ihre Kleidung, ihre Freiheit, ihre Identität. Marcella wurde sie nun genannt, das war Teil der Vertuschungsstrategie. Den Mädchen wurde streng verboten, miteinander über ihre Familien zu reden, die meiste Zeit mussten sie ohnehin schweigen. Ohne Zeitung, Bücher, Radio lebten sie von der Außenwelt komplett isoliert. Schließlich wurde Philomena der Sohn genommen. Das war von Anfang an der Plan.

In der kargen Nachkriegszeit, als die Iren so arm wie kinderreich waren und die Kirche noch mächtiger als der Staat, boomte der Export von Babys in die USA. In der Regel wurden diese als Waisenkinder deklariert, obwohl ihre jungen Mütter quicklebendig waren. In den USA war die Nachfrage nach – weißen – Kindern größer als das Angebot. Und die wohlhabenden Amerikaner zahlten gut.

Allerdings mussten die potenziellen Eltern bestimmte Bedingungen erfüllen: fromm sein natürlich und nicht verhüten, was ihnen Pfarrer und Arzt schriftlich bestätigen mussten. Außerdem mussten die Paare sich verpflichten, die Kinder ausschließlich auf katholische Schulen und Universitäten zu schicken.

Nirgendwo in Europa war es so leicht, an die für die „Ausfuhr“ nötigen Papiere zu kommen wie in Irland. Das erfuhr die Öffentlichkeit ausgerechnet durch ein deutsches Boulevardblatt: Hollywoodstar Jane Russell, auf der Suche nach Nachwuchs, hatte den Sohn eines armen irischen Paares bekommen, ihn, so der Vorwurf, gekauft.

Der Riesenrummel führte zur Verabschiedung des „Adoption Acts“ (bis dahin konnten Kinder in Irland selbst nur in Pflege genommen, nicht adoptiert werden). Jetzt mussten die Kleinen mindestens ein Jahr alt sein und die Orden durften keine Gebühren mehr verlangen. Geld floss trotzdem weiter - in Form großzügiger Spenden. Außerdem musste die leibliche Mutter sich schriftlich mit der Adoption einverstanden erklären. Was auch Philomena tat, von den Nonnen gedrängt. Die Mädchen hatten gar keine Wahl: Ihre Familien wollten oder konnten die Quasi-Aussätzigen ja nicht bei sich aufnehmen.

1955 kam eine Amerikanerin nach Tipperary, die schon drei Söhne hatte; ein Mädchen fehlte ihr noch. Das hat sie in Philomenas Kloster gefunden: Mary, die beste Freundin von Philomenas Sohn. Der aufgeweckte Junge stürmte auf die Frau zu und gab ihr einen Kuss. Also nahm sie ihn auch noch mit. Zwei Wochen lang, so der Journalist Martin Sixsmith in seinem Buch, das im Original „The Lost Child of Philomena Lee“ heißt, hat Philomena geweint.

Dann schickten die Nonnen sie nach Liverpool, um in einem Heim für schwer erziehbare Jugendliche zu arbeiten. Bis sie schließlich fortging, Krankenschwester wurde in der Psychiatrie, heiratete und zwei Kinder bekam, sich scheiden ließ und noch mal heirate, und in all der Zeit jeden Tag an ihren Sohn dachte. Aber nicht sprach. Auch darauf schworen die Nonnen die Frauen ein: auf ewig zu schweigen. Weihnachten 2004, ein bisschen beschwipst vom Sherry, vertraute sie ihrer Familie das Geheimnis an. Tochter Jane machte sich sofort auf die Suche nach einem Journalisten, der ihrer Mutter bei der Suche nach Anthony helfen konnte.

Es gibt viele Philomena Lees. Die Mutter-Kind-Heime waren Teil eines umfassenden institutionellen Systems, das „Sünderinnen“, Aufmüpfige, Unbequeme, schwer Erziehbare wegsperrte, seelisch quälte und zu unbezahlter Zwangsarbeit verdonnerte.

Irland hat als keltischer Tiger einen so gewaltigen Sprung nach vorn getan, dass man leicht vergisst, wie erzkonservativ das Land bis vor kurzem noch war, in einigem noch immer ist. Bis 1976 durften Kondome in den Medien nicht mal erwähnt werden, bis 1993 bekam man sie nur in der Apotheke, auf Rezept. Erst seit 1996 sind Scheidungen erlaubt, Abtreibungen gar erst seit letztem Sommer: wenn das Leben der Mutter bedroht ist. Das Gesetz brachte dem Premier Morddrohungen und blutbeschmierte Briefe ein.

Die bekanntesten – und berüchtigsten – Institutionen der kirchlichen Sklaverei waren die Magdalene Laundries. Die klostereigenen Wäschereien waren in gewisser Weise schlimmer als Gefängnisse; dort können die Häftlinge wenigstens regelmäßig Besuch empfangen und wissen, wann sie rauskommen. Die Mädchen dagegen, ohne Prozess und Urteil, lebten in völliger Ungewissheit über die Länge ihres Freiheitsentzugs.

Eine dieser „Maggies“ war Sinéad O’Connor. Nachdem die 15-Jährige ein paar Mal beim Ladendiebstahl erwischt worden war, musste sie anderthalb Jahre lang Priesterkleidung in kaltem Wasser waschen. Allerdings traf sie, wie Philomena, auch eine warmherzige Nonne. Die ihr die erste Gitarre schenkte.

1992 zerriss die Sängerin in der Fernsehsendung „Saturday Night Live“ ein Bild des Papstes, Johannes Paul II. Nicht als blasphemischen Akt – genau wie Philomena Lee hat ihr das Erlebte den Glauben nicht nehmen können –, sondern um eine Diskussion zu provozieren über den systematischen, brutalen Missbrauch (einschließlich des sexuellen) von Kindern.

Damals kannte kaum einer die Magdalene Laundries. Da viele der Kirchensünden im Verborgenen stattfanden, war der Schock groß, als 1993, beim Verkauf eines Klostersgeländes an einen Immobilieninvestor, plötzlich 155 Frauenleichen entdeckt wurden: Insassen der Magdalenenheime, anonym verscharrt. Ein Jahr später sang Joni Mitchell ihren Song „Magdalene Laundries“.

Jetzt taten Überlebende sich zusammen, gründeten Interessenvertretungen, gingen an die Öffentlichkeit, kämpften für die Anerkennung des Unrechts, das ihnen angetan worden war, für Entschuldigung und Entschädigung. Vor einem Jahr war es endlich so weit: Im Februar 2013 trug der irische Premier Enda Kenny im Parlament die Ergebnisse eines Untersuchungsberichts über „das schreckliche Geheimnis dieses Landes“ vor, erzählte von seinen Begegnungen mit „Maggies“, von ihren horrenden Erfahrungen, diesem „brutalen Irland“, entschuldigte sich wieder und wieder. Am Ende des Vortrags brach ihm die Stimme. Nach ein paar Anläufen brachte er die Rede zu Ende und setzte sich schnell hin. Die applaudierenden Abgeordneten standen irgendwann auf: um den Überlebenden der Magdalene Laundries, die an diesem Tag ins Parlament gekommen waren, Respekt zu zollen.

Ohne ihren hartnäckigen Kampf und das Drängen des UN-Komitees gegen Folter hätte es wohl weder den Untersuchungsbericht gegeben noch die offizielle Entschuldigung oder den Fonds, mit dem den Überlebenden, wie Kenny ankündigte, möglichst schnell und unbürokratisch Entschädigungen ausgezahlt werden sollen. Und die brauchen die mittlerweile alten Frauen: Allein weil sie damals ohne Lohn und Sozialversicherung arbeiteten, entsprechend niedrige Renten haben. Die katholische Kirche hat den Fonds begrüßt, einzahlen will sie nicht.

Die Erschütterung des Premierministers wirkte echt – und hängt sicher mit dem eigenen Schuldbewusstsein zusammen. Denn der Staat hat dieses Unrechtssystem nicht nur geduldet – er hat es unterstützt, ja, selbst davon profitiert. Es war das Außenministerium, das den amerikanischen Adoptiveltern auf unbürokratische (und verborgene) Weise Pässe für die Kleinen ausstellte. Das Land zahlte der Kirche auch Unterhalt für die Insassen. Das kam immer noch billiger, als selbst für sie zu sorgen. Ein Viertel der Mädchen wurde von staatlichen Stellen eingeliefert, wenn Insassen wegliefen, fing die Polizei sie wieder ein und brachte sie zurück. Ja, teilweise ließen sich offizielle Stellen in den Laundries auch ihre Wäsche waschen. Zum allmählichen Niedergang und der Schließung der letzten Laundry 1996, sagt eine Historikerin, ist nicht allein die allgemeine Liberalisierung der Gesellschaft verantwortlich, sondern auch die Verbreitung der Waschmaschine.

Philomena – „Die der Liebe treu bleibt“, bedeutet der Name im Griechischen treffenderweise. Mutter und Sohn hätten sich treffen können: Beide sind nämlich mehrmals ins Kloster gefahren, um den anderen zu finden, einmal im Abstand von nur drei Wochen. Aber beide kriegten von den Nonnen das Gleiche zu hören: Sie könnten ihnen nicht weiterhelfen, hätten keine Informationen. Ja, Anthony alias Michael A. Hess wurde gesagt, seine Mutter habe ihn als ganz kleines Baby weggegeben. Als diese ihn fand, war er tot.

Anthony-Michael Hess hatte Jura studiert und bei den Republikanern Karriere gemacht, Bush senior machte ihn zu seinem juristischen Berater. Was der US-Präsident so wenig wie seine Parteigenossen wusste: Michael Hess war schwul, hatte eine feste Beziehung und viele Abenteuer. 1995 starb er an Aids. Beerdigen ließ er sich – gegen eine großzügige Spende – auf dem Friedhof des Klosters, in dem er geboren wurde. In der Hoffnung, dass seine Mutter ihn doch noch finden würde, ihn trotz des fremden Namens am Geburtsdatum erkennen würde.

Philomena Lee, offenbar so handfest und humorvoll wie Judi Dench sie in dem für vier Oscars nominierten Film portraitiert, nutzt die riesige Aufmerksamkeit, die das Thema nun hat. In Washington, Dublin und Rom macht sie sich stark für die Freigabe der Adoptionsakten. Damit Familien sich wiederfinden können, hat sie mit ihrer Tochter das „Philomena Project“ gegründet, in Zusammenarbeit mit der Adoption Rights Alliance. Denn im Jahr 2014 sind die Unterlagen noch immer unter Verschluss.

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