Zwangsprostitution : Auf den Straßen von Berlin

Sie kommen aus armen Ländern wie Bulgarien oder Nigeria, sie werden mit der Hoffnung auf Jobs nach Berlin gelockt –  und müssen hier auf den Strich gehen. Wie viel Zwangsprostitution gibt es, was geschieht in dieser Grauzone?

von
Prostituierte in Berlin.
Prostituierte in Berlin.Ullstein Bild

Wochenlang hat unsere Reporterin recherchiert und Prozesse besucht. Dies ist der Fall einer 20-Jährigen.

Sveta M.:

"Ich bin 20 Jahre alt und stamme aus einem Dorf in Bulgarien. Dort habe ich bei meinen Eltern gewohnt. Ich hatte schon einen Verlobten. In der fünften Klasse bekam ich Schwierigkeiten mit dem Lernen. Dagegen habe ich Tabletten bekommen. Die Schule in unserem Dorf endet mit der achten Klasse. Um einen Beruf zu erlernen, hätte ich in die Stadt gehen müssen. Meine Eltern besaßen dafür kein Geld. Sie sind Landarbeiter. Bevor ich nach Berlin kam, war ich noch nie von Zuhause weg. Ich kannte keine Städte.

Es war im Winter vor zwei Jahren, als mir meine Freundin Ioana erzählte, dass sie zwei Männer kennengelernt habe, die uns Arbeit besorgen könnten: in Berlin. Damals half ich zusammen mit meinen Eltern auf den Feldern aus. Im Winter gibt es keine Arbeit in unserem Dorf. Ich kannte Ioana erst wenige Monate. Mein Vater und mein Verlobter sagten, sie sei kein guter Umgang. Doch ich mochte Ioana.

Ioana und ich trafen die beiden Männer in einem Café im Nachbarort. Der eine war um die 30, der andere um die 40 Jahre alt. Sie boten uns an, dass wir in Berlin in einer Bar arbeiten könnten. Der Ältere, Bogdan, sagte, dass seine Frau dort auch arbeite: Sie würde Teller spülen, Tische abwischen. Ich habe nicht alles verstanden, weil die Männer manchmal in Roma miteinander sprachen. Meine Freundin kann Roma, ich nicht. Die Männer drängten uns, gleich in der übernächsten Nacht loszufahren. Wir sollten nichts mitnehmen, damit unsere Eltern keinen Verdacht schöpfen. Die Männer sagten, sie würden uns in Berlin neue Kleider kaufen. Ioana redete mir zu: „Los, lass es uns machen!“

Nachts wurden wir zu Hause abgeholt. Eine Freundin der Männer sammelte unsere Pässe ein, angeblich, damit wir sie nicht verlieren. Wir sind mit dem Auto durchgefahren bis Berlin. Zur Mittagszeit des übernächsten Tages kamen wir in einer Siedlung an. Ich weiß nicht, wo genau in der Stadt. Dort hatten die Männer eine Wohnung. Sie schliefen mit uns im selben Zimmer. In einem zweiten Zimmer lebten weitere Männer und Frauen. Anfangs waren die Männer nett. Sie ließen uns zu Hause anrufen. Wir sollten sagen, dass wir in einem Restaurant in Sofia arbeiten, damit unsere Eltern uns nicht vermisst melden würden.

Nach ein paar Tagen besuchte der Jüngere, Simeon, mit uns eine Bar. Auf der Straße davor sah ich Mädchen stehen. Das war der Zeitpunkt, als er mir sagte, dass ich auch dort würde arbeiten müssen. Bogdan ging mit mir einkaufen. Er war für mich zuständig. Ich bekam Leggins und Stiefel. Der Rest der Kleidung stammte von anderen Mädchen. Ich habe gemacht, was die Männer mir sagten, denn ich hatte Angst, dass sie mir sonst etwas antun würden. Bogdan konnte schnell aggressiv werden. Einmal ist er auf mich losgegangen, nur weil er fand, ich hätte ihn böse angeguckt.

In der ersten Nacht hatte ich sehr viele Kunden. Ich weiß, dass ich sie gezählt habe, aber ich habe die Zahl vergessen.“

Leonie Freifrau von Braun, Staatsanwältin:

"Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung – so heißt unter Juristen, was in der Öffentlichkeit unter dem Schlagwort Zwangsprostitution läuft – ist in Deutschland kein Verbrechen, sondern ein Vergehen. Das finde ich verharmlosend. Nur wenn Frauen unter falschen Vorzeichen nach Deutschland gelockt oder wenn sie beispielsweise mit Schlägen zur Prostitution gezwungen werden, wird das Delikt zum schweren Menschenhandel und damit zum Verbrechenstatbestand. Dazu muss nachgewiesen werden, dass die Täter Gewalt, Drohungen oder List angewendet haben.

Seit zwei Jahren bearbeite ich bei der Berliner Staatsanwaltschaft die Verfahren, die Zwangsprostitution betreffen. Seit einem Jahr heißt meine Stelle offiziell „Schwerpunktstaatsanwältin für Menschenhandel“. Anfang diesen Monats habe ich einen Staatsanwalt zur Seite gestellt bekommen. Wir gehören zur Abteilung Allgemeine Organisierte Kriminalität. Dennoch nehmen wir auch Fälle an, die Einzeltäter begangen haben, wenn es sich um schweren Menschenhandel handelt.

Beim Verfahren mit Sveta M. als Hauptzeugin haben wir es mit einer grenzüberschreitend agierenden Gruppierung zu tun: Männer und Frauen, die gute Kontakte zum Berliner Straßenstrichmilieu rund um die Bülowstraße aufgebaut hatten und sich darauf spezialisierten, in ihrer osteuropäischen Heimatstadt Frauen zu rekrutieren, um sie auf den Berliner Straßenstrich zu bringen. Das ist Organisierte Kriminalität.“

Sveta M.:

"Jeden Nachmittag wurden wir mit dem Auto zu unserer Arbeitsstelle gebracht. Gegen vier, fünf, sechs, sieben Uhr morgens wurden wir wieder zurück in die Wohnung gefahren. Selbst als ich einmal Fieber hatte, musste ich arbeiten. Im Schnitt hatte ich pro Schicht fünf bis sieben Kunden. Die halbe Stunde kostete 30 Euro. Ich musste auch ohne Kondom mit Männern schlafen, weil man dann mehr nehmen konnte. Zehn, 20 Euro betrug der Unterschied. Ich durfte von meinem Verdienst nichts behalten.

Ich bin zu den Kunden ins Auto eingestiegen. Es gab auch Zimmer in einem Hotel. Manche Kunden waren betrunken, andere nahmen Drogen. Die meisten waren aber brav. Sie haben sich nicht schlecht benommen. Es waren deutsche Männer dabei, aber auch andere Nationalitäten. Ich konnte nicht mit ihnen reden, weil ich kein Deutsch oder Englisch spreche. Ich hatte aber den Eindruck, dass keiner wissen wollte, ob ich die Arbeit freiwillig mache oder dazu gezwungen werde. Oft musste ich weinen. Da ist es vorgekommen, dass mir Männer einfach so Geld gegeben haben, ohne dass ich etwas dafür machen musste. Auch dieses Geld habe ich abgegeben.

Bogdan und Simeon saßen die ganze Zeit in der Bar in der Nähe und kontrollierten uns. Neben mir auf dem Straßenstrich stand die Freundin der Männer, die uns in Bulgarien die Pässe abgenommen hatte. Sie vermittelte mir Kunden. Anschließend fragte sie die Männer, wie sie mich fanden.

Anfangs lobte Bogdan mich. Später hat er mich mit der Faust und mit seinem Gürtel geschlagen: sogar ins Gesicht. Das tat richtig weh. Ich würde nicht genug Geld verdienen, warf er mir vor. Die Männer haben mich und meine Familie oft mit Schimpfwörtern überzogen. Die waren schlimm und will ich nicht wiederholen. Meiner Freundin konnte ich mich nicht anvertrauen. Sie hätte ja alles Simeon und Bogdan weitergesagt.“

20 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben