Soziale Netzwerke : Digitale Eifersucht

Wie soziale Netzwerke im Internet ganz reale Beziehungen gefährden – kaum jemand kann sich dem Sog entziehen.

Anna Corves
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Einträge von anderen Frauen. Netzwerke bieten grenzenlos Kontakte. -Foto: Superbild

Digitale Eifersucht – das klingt eigentlich absurd. Das ist es auch, aber zugleich ziemlich menschlich. Soziale Netzwerke wie Facebook, MySpace oder StudiVZ bieten schier unbegrenzte Möglichkeiten, Kontakte zu pflegen und zu knüpfen. Man kann „Freunde adden“, also zum eigenen Netzwerk hinzufügen, Partyeinladungen verschicken und viel Zeit in virtuelle Spiele stecken. Aber sie bergen auch Eifersuchtspotenzial: Mit wem posiert X auf den letzten Partybildern? Warum sind die Y und der Z denn auf einmal Freunde? Haben die etwa was miteinander? So viel Informationsüberschuss kann tödlich sein: Für die reellen, nichtvirtuellen Beziehungen. „Ich hasse mich dafür: Ich bestrafe meinen Freund jedes Mal, wenn eine fremde Unbekannte einen angeblich rein freundschaftlichen Liebesschwur auf seiner Facebook-Pinnwand hinterlassen hat.“

Bei Mara und ihrem Freund kracht es dann. „Er erklärt mir, wer diese Frauen sind und warum sie was geschrieben haben oder warum er selbst nicht versteht, warum sie was geschrieben haben.“ Beruhigt ist sie danach nicht. Stattdessen pflegt sie die Revanche: Schreibt ihre männlichen Facebook-Freunde an, die auf ihrer Pinnwand antworten – worauf sich ihr Freund über die vielen männlichen Zuschriften wundert. So geht das hin und her. Die 24-Jährige schämt sich dafür. Doch wenn ihre digitale Eifersucht so richtig brodelt, kann sie nicht anders. Gerade ist das Paar deswegen getrennt. Mara ist sich sicher: Das Zerstörungspotenzial von Facebook ist enorm.

Sie ist kein Einzelfall. Kanadische Psychologen haben herausgefunden, dass sich die zunehmende Nutzung von Facebook und digitale Eifersucht bedingen. Das Forscherteam um Amy Muise befragte rund 300 Studentinnen und Studenten und kam zu dem Schluss: Facebook setzt seine Nutzer mehrdeutigen Informationen über ihre Partner aus, zu denen sie sonst keinen Zugang hätten. Und diese neuen Informationen stacheln zum weiteren Facebook-Gebrauch an. Ein ewiger Kreislauf.

Der Theorie nach heizen vier Situationen Eifersucht an: Wenn der Partner Interesse an einer anderen Person signalisiert. Wenn eine andere Person Interesse am Partner signalisiert. Wenn der Partner mit früheren Partnern Kontakt hat. Wenn der Partner in mehrdeutige Szenen involviert ist. Facebook serviert all diese Möglichkeiten auf dem Silbertablett.

„Meinen Freund macht das sehr eifersüchtig“, erzählt Caro. Dabei ist ihre Beziehung durchaus solide: Sie sind verlobt, stehen kurz vor der Hochzeit. Sie merkt, dass er ihr Facebook-Profil und auch ihre Einträge regelmäßig überprüft und fühlt sich kontrolliert. Mit der Folge, dass sie sich selbst zensiert: „Freundschaftseinladungen von Männern, die er nicht kennt, nehme ich nur noch an, wenn er unterwegs ist und ich den Vermerk dieser neuen Freundschaft löschen kann, bevor er ihn sieht.“ Manche Bekannte fügt sie erst gar nicht zu ihren Kontakten hinzu, um Ärger zu vermeiden.

Das Problem sieht Caro darin, dass ihr Freund und sie unterschiedliche Kriterien haben, wen sie in ihren virtuellen Freundeskreis aufnehmen. „Ich will eigentlich jeden hinzufügen, den ich mag und interessant finde. Das können auch Leute sein, die ich nur mal kurz kennengelernt habe. Er fügt aber nur Frauen hinzu, die er schon länger kennt.“ „Kategorien wie ‚Freund’ oder ‚Beziehung’ werden zunehmend anders definiert, gehen nicht mehr so in die Tiefe. Es gibt einen kontinuierlichen Fluss von Freunden, die kommen und gehen“, sagt Mediensoziologe Stephan Humer, der zu digitalen Identitäten forscht. „Die Natur sozialer Beziehungen ändert sich.“ Die sozialen Normen entwickelten sich jedoch zu langsam für diesen Wandel. „Wir haben mit Netzwerken wie Facebook einen neuen Raum mit neuen Möglichkeiten geschaffen. Aber die Spielregeln sind noch nicht ausgehandelt.“ Warum hat zum Beispiel Mara ein schlechtes Gewissen, wenn sie ihren Freund online „stalkt“? Schließlich nutzt sie nur die Möglichkeiten, für die Facebook geschaffen wurde: Sie liest Nachrichten, schaut Fotos an. Oder die verbreitete Unsicherheit, ob man Freunde googlen ‚darf’: „Es gibt einfach noch keine gesellschaftliche Norm, ob das ‚richtig oder falsch’ ist.“

Eine neue Bekanntschaft zu googlen, findet Lena normal. Seit einem Jahr ist die 28-Jährige in Hendrik verknallt, er weiß das aber noch nicht. Seit kurzem sind sie Facebook-Freunde. „Jetzt kontrolliere ich immer, ob er online ist, was er Neues auf seiner Pinnwand hat, ob er Fotos einer Frau kommentiert.“ Auch gezählt hat sie, wie viele weibliche und männliche Freunde er hat – „zu viele Frauen“, sagt sie, halb lachend. Es wundert und nervt sie selbst, dass sie es „total übertreibt“, im realen Leben dürfe ihr Freund auch mit anderen Frauen flirten. „Aber bei diesen netten Kurznachrichten platze ich vor Eifersucht, da geht meine Fantasie rund.“

Gemeinhin gelten vor allem unsichere Menschen als Eifersuchtskandidaten. Daher haben die kanadischen Forscher in ihrer Studie persönliche Faktoren wie das Selbstbewusstsein der Facebook-Nutzer mit abgefragt – und entdeckt, dass digitale Eifersucht auch die betrifft, die eigentlich nicht dazu neigen. Aber, so könnten Facebook-Abstinente einwenden: Sollen sie sich doch einfach abmelden! Doch: Wer würde heutzutage schon sein Handy wieder hergeben? Ist man einmal auf den Geschmack gekommen, ist auch das Bedürfnis, es zu nutzen, geweckt.

„Die Digitalisierung ist nicht aufzuhalten und bietet ja auch Chancen“, sagt Mediensoziologe Humer. Jedoch müsse sich jeder überlegen, wie weit er gehen wolle. „Man muss pragmatisch das Sinnvolle für sich daraus ziehen und sich gegebenenfalls selbst beschränken.“ Ein gesunder Umgang, der, wie Humer einräumt, schwierig ist. Er selbst nutzt Skype und den Yahoo-Messenger, er hat eine Homepage und twittert. „Aber ich merke, wenn es zu viel wird. Dann schalte ich einfach aus und habe die Kontrolle.“ Zu einem ähnlichen Schluss kam Jens: „Ich habe meine Ex-Freundin aus meinem Facebook-Freundeskreis gelöscht“, erzählt er. Sie hatte die Beziehung beendet und einen neuen Freund. „Ich wollte und konnte nicht an Dingen teilhaben, an denen ich im echten Leben auch nicht mehr teilhaben sollte.“ Er habe keine Lust mehr gehabt, mit Kommentaren auf ihrer Pinnwand konfrontiert zu werden – Abstand zu gewinnen, war so nicht möglich. „Facebook sorgt dafür, dass man Dinge wissen muss, die man eigentlich gar nicht wissen will. Es würde mich zwar interessieren, darf es aber einfach nicht.“ Auch Mara handelt nun nach dem Motto ‚Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß’: Sie hat ihren – gerade getrennten – Freund gebeten, weibliche Bekanntschaften mit privaten Mails zu pflegen, die sie nicht via Facebook mitverfolgen kann und muss. Caro hingegen versucht, ihrem Freund die Harmlosigkeit ihrer Facebook-Freundschaften zu erklären. Das soziale Netzwerk aufgeben würde sie des Streitpotenzials wegen nicht. „Niemals, ich habe das sehr lieb gewonnen.“ 

 

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