Welt : Stendaler Mordprozess: 13 Jahre Haft sind der Familie nicht genug

Nur 13 Jahre Gefängnis für Mord und sexuellen Missbrauch der achtjährigen Anika? Das Urteil des Landgerichts Stendal löst bei der Familie und vielen Beobachtern am Montag Ungläubigkeit, Entsetzen und Tränen aus. Klaus Jäger soll in wenigen Jahren wieder auf freiem Fuß sein? "Unsere Anika kehrt nie zurück", sagt der fassungslose Vater des kleinen Opfers.

Die Anwälte, die die Eltern des toten Mädchens vertraten, hatten für lebenslange Freiheitsstrafe, die Verteidigung auf acht Jahre plädiert. Richter Hilmar Rettkowski begründete sein Urteil mit dem gesetzlich vorgegebenen Strafrahmen. Danach sei er verpflichtet, die dem Täter von Gutachtern attestierte krankhafte Persönlichkeitsstörung, begleitet von Pädophilie und Alkoholismus, in das Strafmaß einzubeziehen. Auch das umfassende Geständnis berücksichtigte Rettkowski. Das Verbrechen ereignete sich am 9. Oktober vergangenen Jahres im Plattenbaugebiet Stendal-Stadtsee: Der Täter hatte seit dem Morgen bereits eine Flasche Schnaps und Bier getrunken. Einen Blutalkoholwert von 2,4 bis 2,6 Promille bescheinigten ihm später die Experten. Als die Schnapsvorräte am Abend zu Ende gingen, wollte der 40-Jährige Nachschub besorgen und traf auf einem nahe gelegenen Spielplatz die ihm bis dahin unbekannte Anika.

Nachbarn riefen nicht die Polizei

Jäger soll schon öfter daran gedacht haben, kleine Kinder anzusprechen. An dem Abend jedenfalls lud er das Mädchen zum Kartenspiel ein und versprach ihm zehn Mark. Anika folgte ihm in seine Wohnung im zehnten Stock eines Hochhauses, wo der Täter sie tötete.

Das Gericht nimmt an, dass Jäger spontan, aber mit Bedacht tötete, weil das Kind Widerstand leistete und seinen Eltern wohl berichtet hätte von den Zudringlichkeiten, denen es ausgesetzt war. Wenig später verbarg er die Leiche in Plastiksäcken in der Nähe des Hauseingangs und verständigte die Polizei. Er habe die Leiche gefunden, log Jäger. Bei der Vernehmung verstrickte sich der 40-Jährige in Widersprüche und wurde schließlich des Verbrechens überführt.

Vor der Urteilsbegründung hatten die Mütter Susanne Dua und Sandy Kuhnert, Nachbarinnen des Opfers, Richter Rettkowski eine Petition mit rund 1400 Unterschriften überreicht. "Wir fordern härtere Strafen für Kinderschänder. Diese Täter sind nicht krank", heißt es in dem Aufruf.

Etwa 80 Prozent aller Tötungsdelikte und etwa jeder zweite sexuelle Missbrauch geschähen unter Alkohol, sagt Rettkowski. Alkoholiker seien "wandelnde Zeitbomben, die saufen und irgendwann einmal explodieren". Und er fügt hinzu: "Solange man das als Gesellschaft hinnimmt, werden wir immer wieder solche Täter haben!"

Der Richter klagt aber auch die Nachbarn an, die das Verbrechen seiner Meinung nach hätten erschweren oder gar verhindern können. Er erinnert daran, dass zwischen 60 und 80 Prozent aller Sexualtaten in der Familie oder im engeren Bekanntenkreis verübt werden. In Fall der kleinen Anika sei ein Nachbar der Täter gewesen. Wenn gefolgert werde, hier hätte niemand Einfluss gehabt, dann stimme das nicht. Immerhin sei es einem allein stehenden Alkoholiker möglich gewesen, ein Kind mit in seine Wohnung zu nehmen. Und das Mädchen habe laut um Hilfe geschrien. "Es kann keiner sagen, das hätte niemand gehört", sagte Rettkowski und fügte hinzu: "Wenn sich in der Gesellschaft nichts ändert, wird dieser Fall von vornherein nur einer bleiben von vielen, die noch vor uns liegen."

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