Stummer Aufschrei : Twitter-Nutzer bedrohen Feministin

Weil sie sich für Frauen auf Banknoten einsetzte, wird die Journalistin Caroline Criado Perez im Internet angegriffen. In Großbritannien protestieren Nutzer des Kurznachrichtendienstes Twitter mit einem Tag voller Schweigen gegen Beleidigungen und Gewaltandrohungen im sozialen Netzwerk.

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Caroline Criado-Perez (rechts) mit Notenbankchef Mark Carney sowie Unterstützerinnen mit der neuen Banknote.
Caroline Criado-Perez (rechts) mit Notenbankchef Mark Carney sowie Unterstützerinnen mit der neuen Banknote.Foto: Reuters

Sag Bescheid, wenn du bereit dafür bist, dich in deine Schranken weisen zu lassen.“, so steht es in einer öffentlichen Twitter-Nachricht an Caroline Criado Perez. Andere Nachrichten wiederholen auf den 140 zur Verfügung stehenden Zeichen lediglich ein Wort: Rape - Vergewaltigung. Repetition als Stilmittel. Die Journalistin sieht sich seit einigen Tagen massiven Beschimpfungen und Vergewaltigungsandrohungen ausgesetzt – alles wegen eines Geldscheines, auf dem eine Frau abgebildet sein soll. Die britische Schriftstellerin Jane Austen wird ab 2017 auf der Zehn-Pfund-Banknote zu sehen sein und damit einen Patz "in der ausgewählten Gruppe historischer Persönlichkeiten" auf den englischen Geldscheinen einnehmen, so kündigte es der Präsident der Bank of England, Mark Carney, an. Dieser Entscheidung war ein monatelanger Streit vorausgegangen, bei dem sich Caroline Criado-Perez und ihre Mitstreiterinnen von der Frauenbewegung "The Womensroom UK" öffentlich dafür eingesetzt hatten, die Frauenquote auf den englischen Geldscheinen nicht noch weiter zu dezimieren.

Criado-Perez selbst spricht nun davon in dem sozialen Netzwerk „getrollt“ zu werden. Trollen, bezeichnet im Jargon eine besonders destruktive Kommunikationsweise, die lediglich auf Provokation ausgerichtet ist. Im Zuge der Vergewaltigungsandrohungen ein Euphemismus für die Äußerungen, die einige User unter dem Deckmantel der Anonymität von sich geben: Denn wer sich genau hinter Nutzernamen wie WelfareWTF, Sultan of Ping oder Beccas verbirgt, ist meist nur schwer festzustellen. Zur Anmeldung reicht eine valide E-Mailadresse.

Meinungsfreiheit wird bei Twitter groß geschrieben

Twitter, weltweit eines der größten sozialen Netzwerke, gibt seinen Nutzern jedoch nicht nur in Bezug auf den Nutzernamen und den damit verbundenen Grad der Anonymität viel Spielraum. Auch Meinungsfreiheit wird bei dem Microbloggingdienst groß geschrieben. Das Netzwerk "respektiere" die Eigentumsrechte seiner Nutzer an den Inhalten, die sie teilen, heißt es von Twitter-Seite aus: "Jeder Nutzer ist für die Inhalte verantwortlich, die er oder sie bereitstellt. Aufgrund dieser Prinzipien kontrollieren wir die Inhalte unserer Nutzer nicht aktiv und zensieren diese grundsätzlich nicht."

Von dieser generellen Regelung ausgenommen sind unter anderem explizite, spezifische Gewaltandrohungen und straferechtliche verfolgbaren Aussagen. Zwei Dinge, die im Netzwerk jedoch größtenteils ungeahndet stattfinden: Weltweit verfügt Twitter nach eigenen Angaben über 200 Millionen aktive Nutzer, die täglich bis zu 400 Millionen Tweets veröffentlichen. Eine Kontrolle der Inhalte ist somit faktisch ohnehin unmöglich. Die Verantwortlichen setzten daher derzeit auf ein kompliziertes Reporting-System. In Deutschland ist ein Melden beispielsweise erst über das umständliche Aufsuchen eines Formulars im Hilfe-Sektor möglich – falls man dieses findet.

Hilfe zur Selbsthilfe

Twitter gibt dafür auf seinem Support-Blog Hilfe zur Selbsthilfe: "Es können auf Twitter immer Menschen auftreten, die du nicht magst oder die Dinge sagen, mit denen du nicht einverstanden bist oder die du anstößig findest. Bitte bleibe stets höflich, auch wenn andere Menschen es nicht sind", fordert das Netzwerk seine Nutzer beispielsweise auf. Twitter untersucht zwar Meldungen zu aggressiven Drohungen und behält es sich vor, Accounts ohne vorherige Ankündigung sofort zu löschen. Wann genau eine Prüfung stattfindet und auf welchen Kriterien diese sich beruft, ist jedoch nicht bekannt. Bis dahin bleibt dem einzelnen Nutzer auch bei massiven Anfeindungen nur die Möglichkeit die betreffenden Nutzer sperren, sodass keine Kommunikation über Twitter mehr stattfinden kann. Da es sich hierbei jedoch lediglich um eine persönliche Einstellung handelt, können diese Personen problemlos weiter agieren. - Bis zur offiziellen Sperrung von Twitter sind Accounts mit gewaltverherrlichenen oder sogar strafrechtlich verfolgbaren Inhalten weiterhin frei erreichbar.

Mangelnder Schutz auch im geschäftlichen Sektor

Aber nicht nur im Bezug auf den Schutz von Privatpersonen hat Twitter mit einigen Sicherheitsproblemen zu kämpfen. Erst vergangene Woche war der offizielle Twitterkanal der Nachrichtenagentur Reuters Opfer eines Hackerangriffs geworden, zudem sich die Syrian Electronic Army bekannte. Einige Monate zuvor hatte die selbe Gruppierung bereits über die amerikanischen Nachrichtenagentur AP die Twitter-Meldung verbreitet, Präsident Barack Obama sei durch Explosionen im Weißen Haus verletzt worden. Der US-Leitindex Dow Jones sackte daraufhin binnen Minuten um knapp ein Prozent ab. Ein Sicherheitsleck, welches Twitter dazu zwang, Schutz-Maßnahmen zu ergreifen.

Bedrohungen sind "nicht akzeptabel"

Auch im Zuge der Anfeindungen und Vergewaltigungsdrohungen gegen Caroline Criado Perez wird das soziale Netzwerk handeln: Eine Petition, die in Großbritannien nach den Hassreden gegen Caroline Criado Perez ins Leben gerufen wurde und eine stärkere Präsenz eines "Report Abuse"-Buttons an allen öffentlichen Meldungen fordert, hat innerhalb weniger Tage bereits über 124. 000 Unterschriften gesammelt. "Belästigungen auf Twitter kommen leider viel zu oft vor. Und häufig werden sie ignoriert“, heißt es in der Petition. Twitter müsse deutlich machen, dass so etwas nicht toleriert werde
Nach BBC-Angaben untersucht die Polizei in Großbritannien außerdem derzeit acht Fälle von Drohungen gegen Frauen. Tony Wang, der britische Twitter-Chef, entschuldigte sich bereits am Wochenende öffentlich bei Nutzerinnen für Beleidigungen in dem Kurznachrichtendienst und erklärte, Bedrohungen seien „einfach nicht akzeptabel.“ Er versprach zudem, mehr dagegen zu unternehmen und bestätigte, dass das Unternehmen im September auch auf der Webseite eine „Missbrauch melden“-Schaltfläche einführen werde.

Stummer Aufschrei

Am vergangenen Wochenende hatten sich Nutzer zusammengeschlossen und das Netzwerk für 24 Stunden mit Schweigen gestraft. Ziel der Aktion sei es, so die Initiatoren, den Verantwortlichen zu zeigen, in welche Richtung sich das Netzwerk mit seiner derzeitigen Politik entwickle. Das soziale Netzwerk müsse sich wieder auf seine soziale Komponente besinnen.

Ob und wie Twitter sich jetzt tatsächlich bewegt, und in welchem Maße das Netzwerk zukünftig Verantwortung für die Handlungen seiner User übernehmen kann wird sich zeigen.

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