Welt : Suche nach Peggy: Fahnder im Höllental

Rainer Maier

Peter Mannigel kennt die Unterwelt im Höllental wie seine Westentasche. Der Bergwerks-Experte aus dem nahen Naila weiß genau, wo in der Umgebung des kleinen Städtchens Lichtenberg im oberfränkischen Landkreis Hof aufgelassene Stollen und Bergwerksschächte zu finden sind. Hierher führt er die Suchmannschaften der Polizei, die nun schon eine Woche lang nach der spurlos verschwundenen neunjährigen Peggy Knobloch fahnden. Hier kriecht er, den Polizei Suchhund im Schlepptau, durch die engen, dunklen Gänge.

Oberirdisch ist längst jeder Winkel abgesucht im Umkreis von vier Kilometern um die alte Bergwerks-Stadt, über deren Stollen einst als junger Mann Alexander von Humboldt die amtliche Aufsicht hatte.

Doch die Möglichkeit, dass die kleine Peggy in einen alten Schacht gefallen sein könnte, bezeichnet die Polizei als sehr vage. Immer wahrscheinlicher dagegen wird die Annahme, dass die aufgeweckte Neunjährige einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist. "Wir können einen Unfall so gut wie ausschließen", sagte Polizeisprecher Dieter Czerner. Mit Blick darauf, dass es nach einer Woche Suche noch keine konkreten Spuren gibt, sagte er: "Die Anzeichen mehren sich, dass Peggy einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist." Die Mutter des Mädchens sei mittlerweile in stationärer Behandlung. Sie habe sich nach ihrem Auftritt bei einer Pressekonferenz am vergangenen Freitag in eine Fachklinik in Oberfranken begeben.

Die Polizei gestern begonnen, auch mit Tornados der Bundeswehr nach Peggy zu suchen. Drei mit Spezialkameras ausgerüstete Flugzeuge starteten am Dienstagvormittag in Schleswig-Holstein und überflogen das Gebiet um Peggys Heimatort in Oberfranken. Die Ermittler erhoffen sich von den Bildern der Bodenbeschaffenheit Hinweise auf das Schicksal des Mädchens.

Sollten die Fotos von den Tornado-Flügen Hinweise auf ungewöhnliche Objekte ergeben, müssen Beamte am Boden die Stellen überprüfen. Wann die endgültige Auswertung vorliege, sei aber unklar, sagte Polizeisprecher Czerner. Von Interesse seien Bilder von einem sechs Mal sechs Kilometer großen Gebiet rund um Lichtenberg. Eine erste Auswertung brachte bis gestern abend kein Ergebnis. Die Auswertung der Luftbilder gestalte sich wegen des stark bewaldeten und zerklüfteten Geländes sehr schwierig, sagte Polizeisprecher Herbert Gröschel nach der ersten Sichtung der Bilder. "Das Material kann uns fast nicht weiterhelfen."

In der 1200-Einwohner-Stadt macht sich Ratlosigkeit breit. Seit Dienstag vergangener Woche sind hunderte von Polizisten und freiwilligen Helfern im Einsatz. Der ganze Ort wurde auf den Kopf gestellt, die Wälder durchkämmt, die Gewässer von Tauchern erkundet - ja selbst die Mülltonnen der Stadt wurden allesamt entleert und ihr Inhalt durchsucht. Doch von Peggy Knobloch gibt es nicht einmal den Hauch einer Spur.

In der Johanniskirche steht Peggys Bild auf dem Altar, davor brennt eine Kerze für sie. Im Muttertags Gottesdienst haben die Gläubigen am Sonntag für ihre wohlbehaltene Rückkehr gebetet. Doch die Hoffnung verliert mit jedem Tag an Kraft.

Auf dem Heimweg von der Schule war Peggy am Montagnachmittag zum letzten Mal mit Sicherheit gesehen worden. Am Nachmittag wollen zwei Kinder beobachtet haben, wie sie in ein rotes Auto stieg - vermutlich einen Mercedes mit tschechischem Kennzeichnen -, davon fuhr, kurz danach aber zurückgebracht wurde. Gegen 19 Uhr will sie dann noch ein Klassenkamerad mit ihrem Tretroller am Ortsausgang gesehen haben. Doch der Roller steht im Flur des blauen Hauses am Lichtenberger Marktlatz, wo Peggy wohnt. Dafür ist ihr pink-gelber Schulranzen spurlos verschwunden.

Die vierzigköpfige Sonderkommission hat inzwischen die tschechischen Behörden um Hilfe bei der Suche gebeten. An den Grenzübergängen werden zweisprachige Handzettel mit Bildern und der Beschreibung des Mädchens ausgeteilt. Und einige der bisher rund 500 Hinweise sind auch schon aus dem etwa zwanzig Kilometer entfernten Nachbarland gekommen. Doch konkrete Anhaltspunkte, Peggy könnte nach Tschechien gebracht worden sein, gibt es nicht.

Peggys Mutter Susanne Knobloch, die vor zwei Jahren aus Halle nach Lichtenberg gezogen ist und hier mit ihrem Lebensgefährten und Peggys dreijähriger Schwester Jasmin lebt, hat sich mit einem eindringlichen Appell an die Bevölkerung gewandt, die Polizei bei der Suche zu unterstützen. "Ich will nur, dass sie wieder heim kommt", sagte die 28jährige Altenpflegerin am Freitag mit tränenerstickter Stimme vor der Presse.

Das bayerische Landeskriminalamt hat für sachdienliche Hinweise eine Belohnung von 50 000 Mark ausgesetzt, die "Frankenpost" legte weitere 5000 Mark drauf. Polizei-Einsatzleiter Harald Osel hat angekündigt, man werde die Suchmaßnahmen unvermindert fortsetzen und "alle personellen und logistischen Ressourcen ausnützen".

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