Südafrika : Im Griff der Verbrecher

Viele Südafrikaner fanden die Verteidigungsstrategie von Oscar Pistorius ziemlich überzeugend, weil die Kriminalitätsrate hoch ist.

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Vor Gericht. Sportstar Oscar Pistorius schildert im Mordprozess um den Tod seiner Freundin Reeva Steenkamp, wie er selbst und seine Familie mehrfach Gewaltopfer wurden.
Vor Gericht. Sportstar Oscar Pistorius schildert im Mordprozess um den Tod seiner Freundin Reeva Steenkamp, wie er selbst und...Foto: Reuters

Wenn Ben abends nach Hause kommt, fährt er immer erst einmal an seinem eigenen Haus vorbei. „Ich will sicher sein, dass mir niemand folgt oder daheim auflauert“, erklärt er seine Vorsicht. Ungewöhnlich ist das vor allem in Johannesburg nicht. Ben ist auf der Hut vor dem, was ihn womöglich daheim erwartet. Er fühlt sich unsicher, mitten in Johannesburg, einer Stadt mit einer der höchsten Verbrechensraten der Welt.

Ben hat seine persönlichen Überlebensregeln nach einem Raubüberfall neu gefasst: Als er in einer kalten Winternacht nach Hause kam, folgten ihm die Täter bis in die Einfahrt und schnitten ihm den Fluchtweg ab. Vor den Augen seines Sohnes fesselten ihn die Verbrecher und schlugen brutal auf ihn ein, bis er ihnen zeigte, wo er seinen Safe versteckt hatte. „Das Verrückte ist“, sagt Ben, „dass ich am Ende auch noch dankbar war, nur bestohlen und nicht erschossen worden zu sein.“ In den Johannesburger Zeitungen las man über den Vorfall keine Zeile.

Viele Südafrikaner fühlen sich zu Hause nicht sicher

Zum Opfer werden im eigenen Haus – das passiert oft in Südafrika. Deshalb hat es zunächst auch fast jeder geglaubt, als der beinamputierte Sportstar Oscar Pistorius behauptete, er habe seine Freundin Reeva Steenkamp am Valentinstag 2013 aus Versehen erschossen, weil er sie für einen Einbrecher hielt. Mitten in der Nacht, durch die verriegelte Badezimmertür. Ein Badezimmer in einem Haus, das von Mauern und Stacheldraht umgeben, von Kameras und Wachleuten geschützt in einer Hochsicherheitsanlage der Hauptstadt Pretoria liegt. Erst einmal hat jeder geglaubt, dass Pistorius sich bedroht gefühlt hat, weil Angst und Misstrauen in der gespaltenen Gesellschaft des Landes so tief sitzen, dass viele Bürger tatsächlich erst schießen – und dann Fragen stellen.

Oscar Pistorius berichtet von Gewalt und Überfällen

Detailliert schilderte Pistorius in seinem Prozess, wie er im Laufe seines Lebens immer wieder Opfer von Gewalt wurde. Während seiner Kindheit habe es mehrere Einbrüche im Haus seiner (früh verstorbenen) Mutter gegeben, die deswegen besessen von Angst war und immer mit einer Pistole unter dem Kopfkissen schlief. Sein Vater sei zweimal Opfer einer Autoentführung geworden. Selbst in seiner Wohnanlage Silver Woods sei man nicht sicher: Eine Haushaltshilfe eines anderen Bewohners sei bei einem Überfall gefesselt worden.

Solange es keine Toten gibt, sind Überfälle auf Privathäuser wie das von Ben deshalb längst keine Nachricht mehr. Schlichte Raubüberfälle gehören genauso wie Autoentführungen zum Alltag und finden allenfalls dann Beachtung, wenn es mal wieder einen Prominenten erwischt. Bei der Polizei ist es nicht viel anders. Nicht nur Einheimische, auch Touristen haben es längst aufgegeben, kleinere Delikte publik zu machen oder auch nur zu melden. Wer beraubt wird, ruft die Polizei allenfalls, um eine Aktennummer für die Versicherung zu bekommen. Südafrikas Detektive sind mit jeweils zwei oder drei Dutzend Mordfällen derart überlastet, dass sie den Diebstahl von Kreditkarten oder Geld als Bagatelle werten – und Ermittlungen als viel zu zeitaufwendig empfinden.

Auf Kritik reagiert die Regierung empfindlich

Ihren vollen Namen möchten viele Bestohlene dennoch nicht genannt wissen. Wie viele Weiße in Südafrika fürchtet sich auch Ben, womöglich bei der in Kriminalitätsfragen extrem empfindlichen Regierung anzuecken. Der Fall eines Topmanagers aus Durban ist vielen noch in Erinnerung. Als bekannt wurde, dass der Mann Zeitungsausschnitte über die Kriminalität an seine Geschäftspartner im Ausland geschickt hatte, wurde er als Nestbeschmutzer öffentlich an den Pranger gestellt. Von mangelndem Patriotismus war die Rede, von Hochverrat, ja von Rassismus. Wenig später musste er gehen.

Dabei spricht jede beliebige Ausgabe einer der Kapstädter Tageszeitungen Bände über das Ausmaß der Gewalt: Vor kurzem berichtete ein Amerikaner, der beim „Cape Argus“ volontiert, wie er und eine Bekannte abends in dem Studentenvorort Observatory in seinem Auto entführt und erst nach einer mehrstündigen Irrfahrt in einem dunklen Feuchtgebiet freigelassen wurden. Die Todesängste seien furchtbar gewesen. Auch kommt es immer wieder zu Überfällen auf Wanderer am Tafelberg und dem gleich daneben gelegenen Lions Head. Immer wieder wird in den lebhaften Leserbriefspalten der Blätter beklagt, dass Südafrika die Tyrannei der Apartheid gegen die Tyrannei einer falsch verstandenen Toleranz gegenüber Kriminellen eingetauscht habe. Nutznießer des neuen Südafrika, so der Tenor hier, seien nicht die Armen, sondern die kriminelle Klasse.

Die Kriminalitätsstatistik ist ernüchternd

Nach der von der Polizei nur einmal im Jahr herausgegebenen Kriminalitätsstatistik findet am Kap heute alle drei Minuten ein Einbruch, alle fünf Minuten ein Überfall und etwa alle 30 Minuten ein Mord statt – der ganz überwiegende Teil davon in den Townships der ärmeren schwarzen Bevölkerung. In den allermeisten Fällen kennen die Opfer den Täter und in fast 80 Prozent aller Fälle ist Alkohol im Spiel. Touristen müssen schon viel Pech haben, um Opfer von Gewalt zu werden.

Sicherlich hat der südafrikanische Präsident Jacob Zuma recht, wenn er zumindest in einem Teil der Gewalt eine Altlast des früheren Systems ausmacht. Die Apartheid habe Südafrikas Gesellschaft nicht nur brutalisiert, sondern auch den Widerstand gegen die Staatsmacht jahrzehntelang glorifiziert, meint etwa Kheha Shubane, ein längjähriger Mitarbeiter am Johannesburger Institute für Policy Studies. Als Entschuldigung für die gegenwärtigen Zustände reicht dieses Argument jedoch nicht mehr aus.

Auch Weiße sind ins Visier der Gangster geraten

Zwar sind bei Gangstern in den Townships unter der neuen Freiheit der Post-Apartheid-Gesellschaft auch die reichen Weißen verstärkt ins Visier geraten, was sich nicht zuletzt in der Ermordung von mehr als 4000 weißen Farmern seit 1994 widerspiegelt. Doch eine ethnische Barriere kennt die Gewalt nicht, zumal die allermeisten Opfer Schwarze sind, die sich nicht wie Oscar Pistorius oder andere wohlhabende Weiße in hermetisch abgeriegelten Siedlungen oder hinter einem ausgeklügelten Sicherheitssystem verschanzen können.

Auf eine effiziente Gewaltbekämpfung durch den schwachen Staat und seine zunehmend korrupte Polizei kann sich in Südafrika niemand mehr verlassen. Kein Wunder, dass private Sicherheitsdienste mit ihren inzwischen mehr als 400 000 Angestellten mehr als doppelt so viel Personal beschäftigen wie die heillos überforderte Polizei. Allein 2012 starben 84 Polizisten im Einsatz. In Deutschland sind zum Vergleich seit 1945 jährlich knapp fünf Beamte im Dienst umgekommen.

Die meisten Südafrikaner sind auf sich selbst gestellt, was ganz konkrete gesellschaftliche Auswirkungen hat: Henk Pistorius, Vater des angeklagten Sportstars, gab dem Gefühl aus Ohnmacht, Angst und Überlegenheit, das unter Buren herrscht, im vergangenen Jahr Ausdruck. Als er das riesige Waffenarsenal seiner Familie erklären sollte, sagte er, die schwarze Regierung unternehme überhaupt nichts zum Schutz der Weißen.

In den Townships greift die Selbstjustiz um sich

Angesichts der weitgehenden Untätigkeit der Regierung setzen sich inzwischen immer mehr Südafrikaner auf unkonventionelle und oft sehr gefährliche Weise gegen die Gewalt zur Wehr. Vor allem in den Townships, wo es derzeit nur allenfalls in zwei von zehn Mordfällen zu einer Verurteilung des Schuldigen kommt, greift Selbstjustiz immer mehr um sich. „Die Regierung betont unentwegt, sie habe die Gewalt im Griff“, klagt John Kane Berman, der frühere Chef des renommierten Institute of Race Relations in Johannesburg, das jedes Jahr die wichtigsten Informationen zur Kriminalität veröffentlicht. „Doch die aktuellen Zahlen und die Tatsache, dass die Gewalt seit Jahren auf einem viel zu hohen Niveau stagniert, sprechen eine andere Sprache.“

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