Titelhandel : Der Doktormacher

Es gibt viele krumme Wege, an einen Doktortitel zu kommen. Nicht nur die Methode Guttenberg. Man könnte sich auch an Paul Jensen wenden. Der weiß nämlich, wo das Promovieren ein Kinderspiel ist.

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Am Ziel. Studenten der Universität Bonn lassen bei einer feierlichen Zeremonie ihre Doktorhüte fliegen.
Am Ziel. Studenten der Universität Bonn lassen bei einer feierlichen Zeremonie ihre Doktorhüte fliegen.Foto: ddp

Hätte das Schicksal Paul Jensen gefragt, was er im Leben werden will, er hätte die Antwort gewusst: Schauspieler oder Opernstar. Aber dann ist Paul Jensen einfach nur „Dr. Paul Jensen geworden“, eine Art Cheflobbyist für Menschen, die unbedingt promovieren wollen. Politiker zum Beispiel.

Für diese Art der Dienstleistung hat Jensen den Promotionswilligen im Hamburger Stadtteil Harvestehude, hübsch ausstaffiert mit historischen Villen und sauberen Grünanlagen, eine ansprechende Bühne bereitet. Sein Institut, das IAAD, „Internationaler Akademischer Austausch Dienst“, ist vornehm und gediegen, man sitzt bequem auf der schwarzen Ledercouch und trinkt aus feinen Tassen. Der Hausherr empfängt den Besucher in braunen Wildleder-Turnschuhen ohne Schnürsenkel, Jeans und hautengem Designerhemd. Wer 10 000 Euro Honorar mitbringt und weitere 20 000 Euro für Studiengebühren bezahlen kann, ist seinem Doktor schon sehr nah.

Dieser Titel, in Deutschland zählt er noch was. Kleider machen Leute, aber Titel eben auch. Das hatte schon Hans-Hermann Weyer, der selbsternannte „schöne Consul“, in den 60er Jahren erkannt. Weyer verkaufte am Anfang seiner fulminanten Hochstapler-Karriere Titel und Orden des fiktiven Fürstentums Thomond. Er wanderte dafür ins Gefängnis und wurde dennoch zu einer der schillerndsten Figuren der Nachkriegszeit. Er blieb ein Titelhändler immer am Rande der Legalität. Weyer war für den „Spiegel“ der Mann, „der den Wirtschaftswunderkindern per Ritterschlag die Minderwertigkeitskomplexe austrieb und ihnen die Blechsterne auf die Ehrendoktorbrust heftete…“ Für Dr. Paul Jensen war er der Mann, der ihn zu seinem Geschäftsmodell inspirierte. Und dieses Geschäftsmodell funktioniert auch in der Politik.

Japan, Atom, Libyen oder der Absturz von Schwarz-Gelb haben den Fall des ehemaligen Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg in den Schatten gestellt. Juristisch aber ist die Geschichte nicht beendet, und die moralische Frage bleibt sowieso im politischen Raum. Der Baron aus Bayern hat sich für seine Doktorarbeit aus dem geistigen Eigentum anderer bedient, aber es gibt auch solche, die andere Wege gewählt haben, etwa mit der Hilfe Jensens, um sich ihren Doktorentitel, sagen wir, anzueignen. In den Landtagen dieser Republik und auch im Bundestag, dort, wo Paul Jensen Kunden akquirieren konnte, sollen einige nervös geworden sein.

Paul Jensen lächelt. Es gehört zum guten Stil seines Berufsstandes, über seine Kunden zu schweigen. Er sagt, er habe nichts zu verbergen. „Mein Job ist doch nur der des Maklers.“ Er vermittelt mit seinen sechs Mitarbeitern Promotionsplätze, sucht eine Universität und den passenden Doktorvater für den jeweiligen Klienten aus, stellt Übersetzer. Sein Honorar erhält er für seine, wie er sagt, „administrativen und organisatorischen“ Erledigungen. Die Studiengebühr werde dann ganz offiziell auf ein Universitätskonto überwiesen. Es sind Universitäten in der Slowakei, Tschechien, Zypern oder Mexiko. Was diese Einrichtungen mit dem Geld machen, ob es sich der Doktorvater in die eigene Tasche steckt, Jensen zuckt mit den Schultern. Weiß er doch nicht, und es kann ihm ja auch egal sein.

Der Vorwurf der Käuflichkeit ist Jensen allerdings nicht egal, er guckt jetzt sehr empört. Kaufen könne man bei ihm keine Titel, man müsse schon Leistung erbringen und wenigstens, wie er sagt, „eine gute Magisterarbeit vorweisen können“. Mit der kann man dann vor Ort den Doktor machen, und das Rigorosum wird in ein paar schnellen Blockseminaren, die jeweils zwei, drei Tage dauern, vorbereitet.

Anderswo kann man Titel kaufen. Es ist ein offenes Geheimnis. Denn das geht noch immer am schnellsten. Und die Kunden wollen, dass es schnell geht. Auch die Politiker. Das bekannteste Beispiel ist die Schweizer Universität Teufen. Seit 1985 gibt es diese Einrichtung, die sich auch Fernuniversität nennt. Sie vergibt Professoren- oder Doktorentitel und auch Diplome, meist an zahlungsfähige Kunden, aber sie ist weder in der Schweiz noch sonst wo auf der Welt anerkannt.

An der Universität Teufen gibt es keine regulären Studenten und auch keine wissenschaftlichen Mitarbeiter, nicht mal eine ordentliche Internetpräsenz. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Dieter Jasper aus dem Münsterland war der letzte prominente Fall, der die Universität ins Licht der Öffentlichkeit rückte. Jasper zog 2009 mit einem Doktortitel der Schweizer „Titelmühle“ in den Bundestagswahlkampf und gewann knapp gegen den Mitbewerber der SPD. Erst danach ließ er selbst prüfen, ob ihm der Titel zustehe, und fand heraus, dass „er dämlich genug war“, Betrügern aufgesessen zu sein. Jaspers Titel war wie alle anderen Abschlüsse nicht anerkannt. In seiner Biografie auf der Bundestags-Seite wird die Teufen-Episode allerdings nicht erwähnt.

Auch der Berliner CDU-Abgeordnete Mario Czaja, heute stellvertretender Fraktionsvorsitzender im Abgeordnetenhaus, kennt Teufen. Czaja dachte gar nicht an die Politik, er hatte sein Abitur trotz einiger schon bestandener Prüfungen geschmissen, wie es manchmal geschieht, wenn die „wilden Jahre“ einen überkommen, sagt er. Später hat Czaja Versicherungskaufmann gelernt und in Teufen von 2002 bis 2005 per Fernstudium sein „Ökonom-Diplom“ gemacht. Keinen Doktor. Doch auch Czaja musste feststellen: Das Diplom war nichts wert.

Als sich Czaja öffentlich entschuldigt hatte, bekam er empörte Mails von angeblichen Doktoren, die ihn beschimpften: Wie könne er das nur tun, nun würde ja alle Welt wissen, was ihre Abschlüsse zu bedeuten hätten. Czaja lernte schnell, dass man auch zum Verräter wird, wenn man sich ehrlich macht. Er hat dann neben seiner Abgeordnetentätigkeit an der TU im brandenburgischen Wildau sein betriebswirtschaftliches Diplom nachgeholt, bestanden mit Auszeichnung.

Czaja sagt: „Ich habe aus meinem Fehler gelernt. Ich weiß jetzt aber auch, dass ich mit dem, was ich bin und mir erarbeitet habe, mich als Politiker nicht verstecken muss. Ich muss keine Kompetenzen vorspielen. Vielleicht muss man als Politiker einfach mehr bei sich selbst sein und nicht auf andere schielen.“

Juristen versprechen sich vom Doktortitel eine bessere Anstellung und Renommee, auch Ökonomen denken an ihre Karriere und mehr Verdienstmöglichkeiten. Politiker glauben in der Regel, dass ein Doktortitel sie glaubwürdiger macht. Das sagt der Berliner Rechtsanwalt und Experte auf dem Gebiet des Titelhandels, Thomas Schulte. Er hat sich intensiv beschäftigt mit der Psychologie der Betrüger und glaubt, bei vielen liege „eine Persönlichkeitsstörung“ vor. Manche wollen dem Vater gefallen, andere wollen ihre Eitelkeit befriedigen oder sich berufliche und finanzielle Vorteile verschaffen.

Schulte stellte fest, dass die Menschen, die sich die „Dunkelheit mancher ausländischer Promotionsverfahren“ zu nutze machen, eher zu den „schlechteren Charakteren“ gehören. Politiker zählen übrigens auch zu Schultes Klienten: Wenn sie sich Ermittlungsverfahren wegen möglichen Titelmissbrauchs ausgesetzt sehen.

Dr. Andreas Scheuer gehört zu den Bundestagsabgeordneten, die sich in die Grauzone des Doktorerwerbs begeben haben. Der junge CSU-Politiker aus Passau, jetzt Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, schrieb seine Magister-Abschlussarbeit an der Universität Passau zum Thema: „Wahlkampf der CSU – eine Betrachtung am Beispiel der Medientouren des Ministerpräsidenten und Parteichefs Dr. Stoiber.“ Scheuer gehörte selbst zum Mitarbeiterstab Stoibers. Die Magisterarbeit wurde mit der Note 3 bewertet. Das war zu schlecht, um in Bayern promovieren zu dürfen.

Im Kampf um ein Direktmandat für den Bundestag in seinem Wahlkreis Passau trat Scheuer 2005 plötzlich als „Dr. Andreas Scheuer“ auf. Seine Arbeit hatte der CSU-Politiker innerhalb eines Jahres an der Karlsuniversität Prag geschrieben, bei dem Dozenten Dr. Rudolf Kucera, der wiederum der CSU über die Paneuropa-Union zumindest sehr nahe steht und der sich trotz mehrfacher Nachfrage nicht äußern wollte. Titel von Scheuers Doktorarbeit: „Die politische Kommunikation der CSU im System Bayerns.“

Scheuer hatte Glück. Ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf unrechtmäßigen Tragens eines Doktortitels wurde eingestellt. Ihm kam zugute, dass eine Ausnahmeregelung in Bayern das Tragen des so gennannten „kleinen Doktors“ erst bei Abschlüssen ab September 2007 unter Strafe stellte.

Ein Fall wie dieser macht die Mitarbeiter der Kultusministerkonferenz (KMK) wütend, auch wenn niemand mit Namen in Erscheinung treten will. „Im Sinne des Verbraucherschutzes handelt es sich bei solchen kleinen Doktortiteln um eine üble Täuschung“, sagt eine hochrangige Angestellte, eben weil die Qualität eine andere sei. Allerdings hat die Erweiterung der EU dazu geführt, dass jede Universität letztlich selbst entscheidet, wen sie und wie sie promovieren lässt. Der Europäische Gerichtshof hat Deutschland untersagt, eine Qualitätskontrolle durchzuführen.

Die KMK geht davon aus, „dass es im Zuge der Öffnung des osteuropäischen Raums, nicht zuletzt auch durch die EU-Erweiterung mit einigen sehr bekannten osteuropäischen Hochschulen einen enormen Aufschwung im Titelhandel gegeben hat“. Und so hat es Dr. Paul Jensen durchaus im Lichte der Legalität geschafft, ein einträgliches Geschäft aufzubauen. Jensen trinkt seinen Kaffee aus dem Glas und raucht entspannt. „Meine Güte. Nirgendwo wird so ein Tamtam um den Doktortitel gemacht wie in Deutschland“, sagt er und schaut unschuldig. Er findet: Wer im Beruf stehe, der müsse das Recht haben, anders als es das strikte Promotionsverfahren in Deutschland vorsehe, trotzdem seinen Doktor machen zu dürfen.

Das sehen die Klienten Jensens genauso, 60 Prozent sind Ökonomen, 25 Prozent Juristen, dann kommen die Ingenieure. Neben den Abgeordneten aus der Politik, deren Namen Jensen nicht nennt, gehörten beispielsweise eine C4-Professorin aus der ökonomischen Fakultät der Uni Heidelberg, ein C3-Professor der Uni Bremen und mehrere Fachhochschul-Professoren zu seinen Kunden.

Jensen selbst hat in Kiel Theologie und Philosophie studiert. Seine Abschlussarbeit, nach eigenen Angaben „ein eher dünnes Brett“, schrieb er über „die religiöse Vorstellungskraft von Adolf Hitler“. Dann las er alles über Hans-Hermann Weyer. Auf einer Feier in Hamburg traf er einen Universitätsrektor aus Bratislawa, der fand, es wäre eine gute Idee, wenn Jensen ihm deutsche Studenten bringen könnte. Er machte nicht nur aus seiner Arbeit in Bratislawa einen Doktor, sondern eröffnete sein eigenes Unternehmen.

Die Hamburger Wissenschaftsbehörde hat versucht, juristisch gegen Jensen vorzugehen. Vergeblich. Jensen kann sich darüber nur amüsieren. Er spricht lieber über Fakten: Sein Team betreue zurzeit 368 Kandidaten, jedes Jahr, behauptet er, „schließen 100 mit einer Promotion ab“. Morgen fliegt er mal wieder nach Zypern, Kunden betreuen, „und weil es da schon so schön warm ist“.

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