Tödlicher Schuss in Kentucky : Wo Fünfjährige scharfe Waffen tragen

Die US-Firma Crickett stellt schussbereite Waffen für Kinder her. Der Werbeslogan: "Mein erstes Gewehr". Damit hat nun ein Fünfjähriger in Kentucky seine kleine Schwester erschossen. "Es war Gottes Wille", sagt die Großmutter.

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In Kentucky tragen mitunter schon kleine Kinder scharfe Waffen.
In Kentucky tragen mitunter schon kleine Kinder scharfe Waffen.Foto: dpa

Im US-Bundesstaat Kentucky hat ein Fünfjähriger seine zweijährige Schwester mit einem Kindergewehr erschossen, das er zum Geburtstag bekommen hatte. Die erste Reaktion der Großmutter: „Es war wohl ihre Zeit zu gehen. Es war Gottes Wille.“ Der Tod des Mädchens wird von den Behörden als Unfall behandelt. „Es ist in diesem Teil des Landes nicht unüblich, dass Fünfjährige Waffen haben“, sagte Billy Gregory von der Kentucky State Police im Interview mit CNN. „Meistens bekommen sie ein Gewehr von ihren Eltern.“ Auch der kleine Junge, der jetzt seine Schwester tötete, bekam sein Crickett-Gewehr von den Eltern.

Der Hersteller Crickett vermarktet seine Produkte kindgerecht mit dem Slogan „Mein erstes Gewehr“. Das putzige Logo zeigt eine Grille, die Pinocchios Freund und Gewissen Jiminy Cricket ähnelt – sie trägt ein Gewehr. Crickett-Gewehre gibt es in den USA ab 115 Dollar bei Walmart und bei verschiedenen Internethändlern – in Tarnfarben für Jungs, in Pink für Mädchen. Die „Kid´s Corner“ auf der Webseite des Herstellers zeigt Kinder, die stolz ihre Gewehre präsentieren.

Seit seinem Geburtstag haben die Eltern das Gewehr ihres Sohnes laut Polizei an einem Platz aufbewahrt, „den sie für sicher gehalten hatten“. Die Mutter habe ihre Kinder nur für einen Moment aus den Augen gelassen – lange genug für den Kleinen, sich sein Gewehr zu schnappen und einen Schuss abzufeuern, der seine Schwester tödlich traf. „Das ist einfach tragisch“, sagte David Mann, der Onkel der beiden Kinder. „Auf so etwas ist man nicht vorbereitet.“

Dass man „so etwas“ einfach verhindern könnte, indem man Kindern keine Waffen schenkt, kommt vielen Leuten in Kentucky und anderen Staaten des erzkonservativen Bibel Belt nicht in den Sinn. Im Nachbarstaat Tennessee tötete kürzlich ein Vierjähriger eine 48-jährige Frau, als er eine geladene Waffe seines Vaters auf dem Bett liegend fand. In New Jersey tötete ein Vierjähriger versehentlich seinen sechsjährigen Spielkameraden, als er ihm eine Pistole zeigen wollte.

2010 ereignete sich eine Tragödie, die derzeit Amerika in Atem hält. Der damals zwölfjährige Paul Henry Gingerich erschoss den Stiefvater eines Freundes und wurde dafür – nach Erwachsenenstrafrecht! – zu 25 Jahren Haft verurteilt. Jetzt soll der Fall neu verhandelt werden. Das Leben des jungen Paul, der bis dahin als freundlich und unauffällig galt, nahm an einem Apriltag eine dramatische Wende. Damals träumten er und zwei Freunde davon, von zu Hause auszureißen und „nach Arizona zu gehen“. Die drei befürchteten, dass der Stiefvater des ältesten Jungen „so etwas nie erlauben würde“. Ein Plan war schnell gefasst: Der zwölfjährige Paul und sein drei Jahre älterer Freund warteten im Wohnzimmer auf ihr Opfer. Als der 49-jährige nach Hause kam, schossen beide auf ihn.

Im Dezember kassierte ein Berufungsgericht das Urteil samt Geständnis des mittlerweile 15-jährigen Paul. Das damals zuständige Jugendgericht habe den Fall voreilig an ein Strafgericht für Erwachsene verwiesen, die Zuständigkeit müsse neu geprüft werden. Diese Entscheidung birgt gewaltige Risiken für den Jungen. Wenn erneut entschieden wird, Paul nach Erwachsenenstrafrecht zu richten, droht ihm eine Verurteilung wegen Mordes mit einer Haftstrafe von 65 Jahren. Er käme dann nicht vor seinem 77. Geburtstag frei.

Paul selbst gilt seit seiner Verhaftung als Musterhäftling. Lehrer in der Jugendvollzugsanstalt bezeichnen ihn als „Musterschüler“, der sich gut verhalte und hart arbeite, um bessere Noten und später einmal „einen guten Job“ zu bekommen.

Die Vorgänge fallen in eine Zeit, in der Amerika über verschärfte Waffengesetze diskutiert – ohne Erfolg. Vor zwei Wochen haben die Republikaner im Senat neue Gesetze, unter anderem eine strengere Überprüfung von Waffenkäufern, verhindert.

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