Welt : Trauer to go

Die Tochter von Maria Schell beschreibt, wie sie nach dem Tod ihrer Mutter von der Boulevardpresse belagert wurde

Marie Theres Kroetz-Relin

Meine Mama ist tot. Die Nachricht riss mich am 26. April morgens um acht aus meinem Alltag und versetzte mir einen Stich wie mit der Messerklinge ins Herz. Zehn Minuten zuvor war sie in ihrem Zuhause eingeschlafen. Ich hatte nicht damit gerechnet, nicht jetzt, wo es ihr die letzten Tage doch wieder besser ging. Meine Gefühle liefen Amok – ich war dankbar, dass sie so friedlich ihre „Zwischenwelt“ verlassen konnte, hatte aber Angst vor der „Treibjagd“, die nun unweigerlich folgen würde. Ich kroch zu meinem Mann ins Bett und weinte. Es waren die einzigen Minuten, in denen ich meine Trauer leben konnte. Danach hatte ich gerade noch genug Zeit, meinen Bruder und meinen Vater zu verständigen, mit meinem Onkel Maximilian den Tag für die Beerdigung für Samstag, den 30. April, festzulegen und meine Abreise für den nächsten Tag zu organisieren. Und es handelte sich nur noch um Stunden, bis die Fanfaren der „Jäger“ ertönen und uns als Freiwild zum Abschuss freigeben würden.

Meine Mama war nicht einmal 24 Stunden tot, da spuckte mein Mobiltelefon eine SMS nach der anderen aus. „Ich denk an dich“ war die erste vertraute Nummer, im Anschluss beherrschten Fremde mein Telefon, und ich hatte keine Sekunde mehr Ruhe: „Hallo, guten Tag. Erst einmal mein herzliches Beileid“, sagt die gut gelaunte Stimme, „die Chefredaktion lässt fragen, ob Sie nicht einen Text über Ihre Mutter schreiben könnten. Abgabetermin wäre morgen.“ Mir stockte der Atem. „Nein, danke, ich bin dazu nicht in der Lage“, würgte ich heraus. Die Jagd begann. Sämtliche Boulevardblätter kotzten ein gieriges „Herzliches Beileid“ ins Telefon, das gab ihnen die Berechtigung, mich anschließend mit Fragen zu löchern. „Wie ist denn nun Ihre Mutter gestorben? Wann? Wo? Und die Beerdigung? Ein Wort zum Nachlass, Onkel, Mann oder Kinder... und das Erbe?“ Ich rasselte unter Tränen meinen vorbereiteten Text runter, immer wieder, und bat die Journalisten, wenigstens jetzt meine Mama noch einmal aufleben zu lassen. Aber Marketing kennt kein Taktgefühl, sorry, für Trauer keine Zeit. „Wir würden Sie gerne am Samstag in unsere Talkshow einladen.“ – „Hä, mit Leiche oder ohne?“, hätte ich am liebsten zurückgeschleudert, „ich habe schon einen Termin: das Begräbnis meiner Mutter!“

Und zu meinem Schmerz gesellte sich eine unbändige Wut. Die ganze Reise nach Deutschland war von diesen widerlichen Anrufen bestimmt, immer mit Trick 17, „Nummer unterdrückt“, damit ich nie wissen konnte, wer mich erreichen will. Bei der Ankunft, am Flughafen und in den Straßen – ich hätte mir den Hut von Pan Tau gewünscht, um unsichtbar endlich Abschied nehmen zu können.

Aber jetzt ging es erst richtig los. Aus dem Nirvana tauchten all die verschollenen guten Freunde meiner Mutter auf und gaben freudig Auskunft. Yeah, jeder kannte Maria und wusste genau Bescheid. Die Trittbrettfahrer des Todes sprangen auf den Zug auf, nach dem Motto „Klappern gehört zum Geschäft“: ein bisschen Talkshow hier, ein Statement dort… Deswegen geht man doch nicht über Leichen, aber nein! Schließlich würdigten doch all diese Lemuren des Showbiz tränenreich meine Mutter. Dass all denen aber das Kleingeld für Blumen oder einen Kranz fehlte – macht doch nix, the show must go on!

Nach so vielen Würdigungen war die Zeit reif für Schmutzwäsche: Eine Boulevardzeitung brauchte eine Story und konfrontierte mich mit Zitaten, die angeblich von meinem Onkel Carl stammen sollten. Ich verweigerte dazu jede Stellungnahme, da ich meinen Onkel 16 Jahre nicht gesehen hatte, und erklärte im strengen Ton, dass ich dieses pietätlose Verhalten der Journalisten widerlich finde und ich das auch öffentlich am Grab meiner Mutter sagen würde. Am Tag vor dem Begräbnis ging der Telefonreigen wieder los: „Familienkrach am Grab. Stimmen die heftigen Vorwürfe gegen Ihren Onkel?“ Wütend rief ich den Journalisten an und schrie: „Wie kommen Sie dazu, meine Zitate zu entfremden und gegen meinen Onkel anzuwenden? Sie wissen genau, dass es gegen euch, die Medien, gerichtet war! Ich würde nie ein Wort gegen meine Familie sagen...“ „Tut mir leid, aber die Story über Vicky Leandros ist ausgefallen, und da hab ich Ihre Antworten vom Band abgetippt...“ Ich war fassungslos: Das Gespräch wurde ohne mein Wissen mitgeschnitten und meine Worte zum reißerischen Aufmacher verdreht.

Als Häufchen Elend kam ich in Kärnten an. Die Fahrt war qualvoll. Wie sollte ich nun meinem Onkel gegenübertreten? Ich schämte mich vor meiner Familie und schämte mich für all die anständigen Journalistenkollegen. Schmerz, Angst, Wut. Ich erreichte die Alm und erhielt einen Anruf von meinem Onkel Maximilian „Wie kannst du nur? Carl sitzt hier und weint!“ Ich brach in Tränen aus, beteuerte meine Unschuld, und wir vereinbarten, uns nach dem Abendgebet für meine Mutter zu einem „Familienrat“ zu treffen, um gemeinsam eine Lösung zu finden. Ich fuhr zum Trauerhaus, wo mich schon die Fotografenmeute erwartete. „High Noon“ – ich stieg aus dem Auto und zog meinen sprachlichen Revolver. „Ich verweise hiermit alle auf das Caroline-Urteil. Ich bin privat hier, um mich von meiner Mutter zu verabschieden!“ Die Kameras wurden gesenkt, und ich trat an den Sarg. Das Gebet schenkte mir einen Moment Stille, und ich verharrte allein mit meinem Bruder eine Stunde länger als die anderen Trauergäste am Sarg, aus Angst, doch noch „abgeschossen“ zu werden. Als die Luft endlich rein war, fuhr ich zu meiner Familie. Heulend fiel ich meinem Onkel Carl in den Arm. Die gesamte Familie war friedlich vereint, und wir machten uns an die Arbeit: Statt uns mit meiner Mama zu beschäftigen, überlegten wir den pressetechnischen Ablauf der Beerdigung. Jeder erzählte von seiner persönlichen Treibjagd der letzten 24 Stunden, die tatsächlich bis ins Leichenschauhaus reichte.

Wir planten genau, bis ins letzte Detail. Mein Onkel Maximilan und ich fingen an, Grabreden zu schreiben, und meine Angst wuchs, trotz der Geborgenheit meiner Familie. Ich konnte kaum schlafen. Wie ein nacktes Huhn am Grill drehte ich mich, mit dem mulmigen Gefühl, bald verbraten zu werden.

Im Konvoi fuhr meine ganze Familie zur Trauerfeier. Geschlossen gingen wir gemeinsam an den Journalisten vorbei, direkt in die Kirche. Am Trauerzug nahmen wir gar nicht erst teil, diesen Präsentierteller wollten wir uns ersparen. In der Sakristei konnte ich nicht mehr. Ich zitterte wie Espenlaub, bekam einen Heulkrampf und wurde von meiner Familie aufgefangen. Doch der Blick aus dem Kirchenfenster gab mir den Rest: Fotografen standen auf den Grabsteinen, jeder bemüht, das beste Fotos zu knipsen. Wir riefen die Polizei, erteilten Friedhofsverbot und kündigten nach der Bestattung eine Pressekonferenz an. Der Gang nach der Messe war der schwerste. Ich war die Erste, die hinter dem Sarg gehen sollte. Ich versuchte, würdevoll zu schreiten, wohl wissend, dass hinter dem Tor die Journalisten lauerten. Ich ließ es geschehen, bog um die Ecke und hoffte auf Ruhe. Aber weit gefehlt: 25 Journalisten und zwei Kamerateams hatten sich jenseits der Friedhofsmauer auf einem provisorischen Gerüst postiert – fünf Meter von meiner Nase entfernt. Ich fühlte mich nackt bis auf die Seele. Als der Sarg in die Erde gelassen werden sollte, ging ein Blitzlichtgewitter los, meine Nerven waren am Ende, und ich bat flehentlich darum, wenigstens für wenige Minuten mit dem Knipsen aufzuhören. Maximilian hielt eine schöne Rede, ich zwang mich auch, meine Worte zu stammeln. Ergreifend war der Moment, als mein Onkel zu einem letzten Applaus aufforderte: Der graue Himmel tat sich auf, und ein Regenbogen erschien.

Die Treibjagd ist beendet, ich verschnaufe und versuche schamvoll, meine nackte Seele zu bekleiden, um endlich Abschied zu nehmen.

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