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Ukraine : Geteiltes Leid

Er könnte weggehen aus der umkämpften Region im Donbass, zurück in seine sichere Heimat. Doch Vater Wasyl will bleiben – und hilft nun Abertausenden, die fliehen mussten. Wer Schuld hat an dieser Tragödie? Er kann es nicht sagen. „Jeder hier hat eine andere Wahrheit“.

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Weinen um die Heimat: Seit ihrer Flucht aus dem Kriegsgebiet im Donbass lebt diese Frau in einem Flüchtlingslager im ukrainischen Mariupol.
Weinen um die Heimat: Seit ihrer Flucht aus dem Kriegsgebiet im Donbass lebt diese Frau in einem Flüchtlingslager im ukrainischen...Foto: Sergey Vaganov/p-a

Vater Wasyl, der im Allgemeinen auf Gott vertraut, hat sich beim Autofahren zwei irdische Vorsichtsmaßnahmen angewöhnt. Seit der Krieg durch seine Stadt gezogen ist, fährt er so schnell wie möglich, und er schnallt sich nicht an. Langsame Autos sind leichter in Brand zu schießen, aus brennenden kommt man ohne Gurt schneller raus, deshalb rast nun durch die Nacht von Kramatorsk ein roter Lada Niva, dessen Fahrer über dem Priestertalar ein Kreuz trägt, aber keinen Gurt.

Der Niva, ein sowjetischer Geländewagen, ist bereits das zweite Auto, das Wasyl Iwanjuk, 48, durch diesen Krieg steuert. Das erste hat er ausgetauscht, nachdem es im letzten Frühjahr, als Kramatorsk vorübergehend den ostukrainischen Separatisten in die Hände fiel, wiederholt beschossen worden war. Irgendjemand, glaubt Vater Wasyl, hatte den Schützen zugeflüstert, dass da kein Orthodoxer am Steuer sitzt, sondern ein Katholik, ein Zugezogener aus dem Westteil des Landes, der lieber Ukrainisch spricht als Russisch, einer von der Sorte, die die Separatisten zu ihrem Feindbild erklärt haben.

Vater Wasyl könnte weggehen aus der umkämpften Donbass-Region, zurück in seine alte Heimat, die Stadt Lwiw am anderen Ende des Landes, wo einer wie er weniger auffiele. Er wäre nicht der Einzige, den der Krieg vertriebe, in den frontnahen Regionen der Ukraine sind derzeit viele auf der Flucht, noch mehr sind unsicher, auf welcher Seite der Waffenstillstandslinie sie ihre Zukunft sehen. Die weltanschaulichen, sprachlichen, nationalen und religiösen Unterschiede, mit denen die Menschen hier lange gut leben konnten, hat der Krieg verschärft und zugespitzt, sie haben reale Grenzen geschaffen, an denen das Land sich nun scheidet.

Vater Wasyl aber will bleiben. Erst recht seit jenem Tag während der Besatzung im Frühjahr, als er an einer Straßensperre von bewaffneten Separatisten aus dem Auto gezerrt wurde. Irgendjemand hatte ihn als „ukrainischen Nationalisten“ angeschwärzt, er blickte in einen Gewehrlauf, hörte Todesdrohungen. „Ja, ich bin Ukrainer“, antwortete er den Männern. „Aber ich lebe seit 23 Jahren im Donbass, ich habe hier sechs Kirchen gegründet, zwei Häuser gebaut und vier Kinder großgezogen. Wer von euch mehr geleistet hat, der soll mich erschießen.“ Die Männer schwiegen einen Moment. Dann senkten sie den Gewehrlauf, entschuldigten sich und ließen Vater Wasyl ziehen.

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