Umstrittener Impfschutz gegen Grippe : Forderung an Kassen: Vierfachimpfung ermöglichen

Nach dem Vorwurf von Fachleuten, die Krankenkassen würden die Versicherten nur mit Dreifachimpfstoffen versorgen, warnen Politiker: Finanzinteressen dürfen keinen Einfluss haben.

von , und Melanie Berger
Grippeimpfungen: Sind sie ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich?
Grippeimpfungen: Sind sie ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich?Foto: dpa

Nach dem Vorwurf von Virologen, in Deutschland verwendete Grippeimpfstoffe seien nur bedingt wirksam, haben Politiker von SPD und Grünen die Krankenkassen kritisiert und Konsequenzen gefordert. Die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Hilde Mattheis, nannte die Praxis der Kassen, gesetzlich Versicherte nur mit einem preisgünstigen Dreifachimpfstoff zu versorgen, nicht nachvollziehbar. „Diese Verweigerungshaltung ist unsäglich“, sagte sie dem Tagesspiegel. „Gerade jetzt bräuchten wir einen möglichst weitreichenden Impfschutz.“

Die Fraktionsexpertin der Grünen, Kordula Schulz-Asche, forderte, künftig mehr von den teureren Vierfachimpfstoffen zur Verfügung zu stellen. Sollte der Bedarf dafür steigen, sei „sicherzustellen, dass alle – egal ob gesetzlich oder privat versichert – zu den gleichen Bedingungen geimpft werden können".

Zudem müsse schnell geprüft werden, inwieweit besondere Risikogruppen wie Klinikbeschäftigte, Rettungssanitäter oder Polizisten jetzt schon „ohne zusätzliche Eigenkosten“ routinemäßig mit diesem Vierfachimpfstoff geimpft werden könnten.

Zuvor hatten Impfexperten den  Kassen vorgeworfen, ihren Mitgliedern aus Kostengründen einen optimalen Grippeschutz vorzuenthalten. Zur Verwendung kämen fast ausschließlich preisgünstige Dreifachimpfstoffe, die neben zwei Virus-A-Varianten nur eine B-Variante abdecken. Da bei den B-Viren immer öfter zwei Varianten kursierten, nähmen die Kassen eine geringere Wirksamkeit in Kauf.

Vierfachimpfstoffe, die noch gegen weitere B-Viren schützen, seien bei keiner Ausschreibung gewählt worden, bestätigte der Verband forschender Arzneihersteller. Sie würden „demnach auch von den gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland nicht erstattet“. Nur Privatversicherer übernähmen die höheren Kosten.

Weil hierzulande für die kommende Saison nur Dreifachimpfstoffe bestellt worden seien, liefere man den in Dresden hergestellten Vierfachimpfstoff „vor allem ins Ausland“, sagte eine Sprecherin des Pharmakonzerns GlaxoSmithKline – und machte deutlich, dass ihr Konzern das für einen Fehler hält. In einer „normalen“ Grippesaison könnten mit dem Vierfachimpfstoff etwa 400 000 Infektionen verhindert werden, betonte sie unter Berufung auf eine Simulation von Tübinger Wissenschaftlern (wir berichteten).

Beim Gesundheitsschutz der Bevölkerung dürften „weder finanzielle Interessen der Industrie noch der Krankenkassen Einfluss nehmen“, mahnte die Gesundheitsexpertin der Linken im Bundestag, Kathrin Vogler. Letztlich müsse die Wissenschaft entscheiden, welcher Impfschutz am besten geeignet sei. Schutzimpfungen müssten „ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein“, ließ Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) mitteilen. Die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission seien für die Krankenkassen auch beim Abschluss von Rabattverträgen verbindlich.

Die Ausschreibungen für Impfstoffe lägen in den Händen der einzelnen Kassen, „die mit diesem Thema sehr verantwortungsvoll umgehen“, sagte Florian Lanz vom GKV-Spitzenverband. Und der Arzneiexperte der Techniker Krankenkasse, Tim Steimle, betonte, dass diese Ausschreibungen die Verordnungsfähigkeit für einzelne Patienten keineswegs einschränkten. Risikogruppen könnten immer „auch spezielle Impfungen erhalten, wenn sie erforderlich sind“.

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