Video "First Kiss" : Zu schön, um wahr zu sein

Fremde Menschen, welche sich zärtlich, gar leidenschaftlich küssen. Das Video von Tatia Pilieva verbreitete sich über Nacht im Internet mit über 20 Millionen YouTube-Klicks. Doch was auf den ersten Blick verzaubert, entpuppt sich auf den dritten als Werbespot. Aber ist das schlimm?

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Küssen kann man nicht allein, sang schon Max Raabe.
Küssen kann man nicht allein, sang schon Max Raabe.Foto: Screenshot

Verzaubernd - so lässt sich die Wirkung von Tatia Pilievas Video "First Kiss" am Besten beschreiben. Fremde Menschen, die vor laufender Kamera zu einem ersten Kuss aufgefordert werden. Verschämt sind die ersten Annäherungsversuche, bevor sich die Protagonisten teils schüchtern, teils enthemmt, küssen.

Publiziert auf YouTube brachte das Video in den ersten 48 Stunden über 20 Millionen Klicks mit 133.000 Likes und 16.000 Kommentaren. Auf der Künstlerplattform Vimeo sieht es von den Zahlen zwar bescheidener aus (5.100 Likes mit 160 Kommentaren), doch der Tenor der Kommentare ist stets ähnlich: Oh, wie süß.

In Auftrag gegeben wurde das Video von der Frauenbekleidungsfirma "Wren" aus Los Angeles. Das Label der Gründerin Melissa Coker wirbt in diesem Spot für ihre kommende Herbst-Kollektion. Ein bisschen Charme verliert das anfangs auch von uns mit Zuckerguss übergossene Video daher schon, auch wenn Melissa Coker beteuert, dass die Darsteller ins kalte Wasser geworfen wurden. "Nichts war gestellt, es gab kein Drehbuch und keiner hat den Darstellern gesagt, was sie zu tun hätten“, sagt die Firmengründerin, "die Paare haben sich zum ersten Mal gesehen und ihre Reaktionen waren absolut echt." Zudem, so Coker, seien die Protagonisten eine Mischung aus Schauspielern und Angestellten der eigenen Firma. Alle nahmen unentgeltlich teil, Pilieva schaltete die Kamera ein und schnitt später die besten Szenen zusammen.

Ist es also wirklich schlimm, dass sich ein anfänglich als künstlerisch wahrgenommenes Projekt als ein virales Marketingvideo entpuppt? Auf Twitter kommt wiederholt die Frage auf, ob Werbung, die als solche nicht erkannt wird, überhaupt Werbung sei.

Erst der Nachbrenneffekt, die Entzauberung des Videos, erfüllt den gedacht Zweck als Marketingstrategie.

Selbstredend muss die Funktion des Videos als Werbespot kenntlich gemacht werden, von Seiten der Künstler als auch von jenen, die es verbreiten, wie Blogger und Journalisten. Das Zerlegen mit Worten, das Unterste zu Oberst kehren ist unser Job, Transparenz und Sorgfalt unsere Pflicht. Merken, für das nächste Mal.

Max Raabe kennt die Antwort

Doch nach allem "Hätten wissen müssen, dass..." bleibt ein fader Nachgeschmack, wieder ein bisschen Zauber aus der Welt genommen zu haben: Max Weber nannte dieses Phänomen die "Entzauberung der Welt". Ein schöner Begriff für die Rationalisierung und Intellektualisierung des Menschen, den Verlust der (naiven) Kinderaugen.

Schämen sollte man sich also ob der eigenen Verzückung nicht. Denn auch wenn "First Kiss" ein Werbespot ist, eine Botschaft, die weiterhin mitschwingt, ist gleich geblieben: Küssen kann man nicht alleine. Das sang ja schon Max Raabe.

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