Vierfachmord in Frankreich : Ein Berg von Verschwörungstheorien

Steckt der Irak hinter den Anschlägen gegen die irakischstämmigen Briten in den französischen Alpen? Die Ermittlungen werden immer komplexer. Bestimmte Stichworte rufen Verschwörungstheoretiker auf den Plan.

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Die Morde in den französischen Alpen wurden gestern noch rätselhafter, als Polizisten die reiche Nachbarschaft des Wohnhauses der irakischstämmigen britischen Familie Al-Hilli in Claygate – das liegt in der englischen Grafschaft Surrey – absperrten und Sprengstoffexperten der Armee anrückten. Anwohner mussten ihre Häuser verlassen. Polizisten hatten in einem Werkstattschuppen des Hauses in der Oak Lane verdächtige Objekte entdeckt. Am Nachmittag wurde Entwarnung gegeben.

In dem Haus lebte die Familie des 50jährigen Ingenieurs Saad Al-Hilli, die Opfer des Anschlags im Wald über dem Lac d’Annecy wurde. Seit Samstag suchen hier die französische und britische Polizei nach Motiven für die Tat, die nicht nur Briten und Franzosen bewegt, sondern auch Verschwörungstheorien ins Kraut schießen lässt.

Saad, ein Unternehmer mit Geschäftsinteressen in seiner Heimat Irak, arbeitete für das englische Satellitenunternehmen Surrey Satellite Technology. Aber auch von einem Geheimauftrag für das Luftfahrt- und Verteidigungsunternehmen EADS ist die Rede. Einigen Quellen zufolge soll Al-Hilli an einem Teilchenbeschleuniger für die Atomindustrie gearbeitet haben.

Berichten zufolge wurden Geheimdienste eingeschaltet. Französische Behörden sollen die irakische Regierung über ihre Botschaft in Paris um Amtshilfe gebeten haben. „Diese Morde tragen die Handschrift eines regierungsunterstützten Anschlags“, zitierte die „Sunday Times“ den ehemaligen Chef der Scotland-Yard-Sondereinheit „Flying Squad“, John O’Connor. Britische Sicherheitskreise dagegen betonten, Al-Hilli sei nicht „von Interesse“ für sie gewesen.

Al-Hilli, seine Frau Iqbal und die Töchter Zeena (4) und Zainab (7) waren im August zum Campingurlaub in die französischen Alpen aufgebrochen. Am 5. September kurz vor 16 Uhr wurden sie an der abgelegenen „Route forestière de la Combe d’Ire“ oberhalb des Dörfchens Chevaline durch Schusswaffen niedergestreckt. Die drei Erwachsenen in dem Auto, die Eltern und die 74-jährige Schwiegermutter Suhaila Al-Allaf aus Stockholm, erhielten jeder mindestens zwei Schüsse in den Kopf. Ein Fahrradfahrer, Sylvain Mollier, 45-jähriger Vater dreier Kinder, wurde durch sieben Schüsse niedergestreckt. Die Polizei nimmt an, dass er sterben musste, weil er Zeuge der Morde wurde. Verschwörungstheoretiker halten es für bedeutsam, dass auch Mollier in der Atomindustrie beschäftigt war. Er arbeitete für eine Tochter des französischen Akw-Bauers Areva. Dass es sich bei dem Massaker im abgelegenen Wald um einen Raubüberfall handelte und die Familie von Exilirakern nur zufällig Opfer wurde, scheint eher unwahrscheinlich zu sein. Andererseits erhielt die Theorie, ein Team professioneller Killer sei auf die Al-Hillis angesetzt worden, gestern einen Dämpfer: Alle 26 Schüsse wurden den französischen Ermittlern zufolge aus einer einzigen Waffe abgegeben. Dass die beiden Töchter Al-Hillis wundersamerweise überlebt haben, gibt der Polizei nun Hoffnung, eine Spur zu den Tätern zu finden.

Spurensuche. Am Montag wurde das Haus der Opfer im englischen Claygate durchsucht. Foto: AFP
Spurensuche. Am Montag wurde das Haus der Opfer im englischen Claygate durchsucht.Foto: AFP

Vor allem das Schicksal der vierjährigen Zeena erschütterte die Briten. Im Chaos des Anschlags und der Schüsse versteckte sie sich im Fußraum des BMWs unter dem Rock der Mutter. Acht Stunden lang verharrte sie regungslos zwischen ihren toten Familienangehörigen und wurde erst um Mitternacht gefunden, leblos erstarrt vor Angst und Kälte. Die französische Polizei hatte mit der Untersuchung des Autos auf die Experten von der Spurensicherung gewartet und erst nach dem Mädchen gesucht, als sie auf die Existenz des Kindes hingewiesen wurde. Seit Sonntag ist Zeena in England unter Obhut von Sozialarbeitern und der Schwester ihrer Mutter. Die siebenjährige Zainab befand sich zum Zeitpunkt außerhalb des Autos. Sie erhielt einen Schulterschuss und einen Schädelbruch durch einen schweren Schlag – möglicherweise waren dem Attentäter die Kugeln ausgegangen. Der zweite Fahrradfahrer, der den Mordanschlag entdeckte und ihr erste Hilfe gab, hat ihr vermutlich das Leben gerettet. Dass es ein Brite mit Zweitwohnsitz in den Alpen und ehemaliger Offizier der Royal Air Force war, regte ebenfalls Verschwörungstheorien an.

Am Sonntag erwachte Zainab im Krankenhaus in Grenoble aus dem medizinisch herbeigeführten Koma. Nun wartet die Polizei, bis das traumatisierte Kind vernehmungsfähig ist. Sie könnte Licht in den Tathergang bringen und erklären, warum die Familie sich in das von ihrem Campingplatz weit entfernte Waldtal aufmachte, das vor allem von Radfahrern und Wanderern besucht wird.

„Ich wunderte mich, was die Briten dort oben wollten. Es ist nicht eine Gegend, die Familien mit Kindern und ältere Menschen normalerweise aufsuchen“, sagte ein Anwohner, Laurent Fillion-Robin, der den BMW an seinem Haus vorbeifahren sah. Wurden die Al-Hillis in eine Falle gelockt?

Aufmerksamkeit wird in britischen Zeitungen auch einer angeblichen Familienfehde zwischen Saad und seinem Bruder Zaid geschenkt, bei der es um das Erbe des im letzten Jahr verstorbenen Vaters geht. „Zaid und ich kommunizieren nicht mehr“, schrieb Saad im letzten Jahr an eine Familienfreundin in den USA. Er bezeichnete ihn als „Kontrollfreak“, der „hintenherum“ gegen ihn gearbeitet habe. Nun wolle er ihn „aus seinem Leben löschen“. Doch Zaid meldete sich letzte Woche bei der britischen Polizei und beteuerte, es habe keinen Zwist gegeben. „Wenn normale Menschen Killer anheuern wollen, geraten sie meistens an Undercover-Detektive“, kommentierte Ex-Polizist John O’Connor.

In Frankreich stehen die Fahnder vor langen und komplexen Ermittlungen, wie Eric Millaud, der Staatsanwalt von Grenoble erklärte. In den Ortschaften im Umkreis des Tatorts überprüfen die Ermittler die Gästelisten von Hotels und Campingplätzen, in Schutzhütten suchen sie nach Spuren, die der oder die Täter hinterlassen haben könnten. In Mobilfunknetzen werden die Daten von Anrufen untersucht, die eventuell von den im Auto der Ermordeten gefundenen Handys getätigt wurden. Analysiert werden auch die Videoaufnahmen aus den Überwachungskameras, die vor Banken, Postämtern oder Apotheken in den umliegenden Gemeinden ungewöhnliche Bewegungen aufgezeichnet haben könnten. Aufschlüsse versprechen sich die Ermittler auch von der weiteren ballistischen Analyse der am Tatort gefundenen Patronenhülsen. Es soll sich um Geschosse vom Kaliber 7,65 mm handeln, die aus einer halbautomatischen Waffe mit einer Kapazität von acht bis zehn Schuss in Folge abgefeuert wurden. Am Computer haben die französischen Ermittler den Tatort in 3D modelliert, um sich eine Vorstellung von dem Hergang zu machen.

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