• Vor 300 Jahren in Frankreich: Ein Glücksspieler und Mörder gründete die erste Zentralbank

Vor 300 Jahren in Frankreich : Ein Glücksspieler und Mörder gründete die erste Zentralbank

Vor 300 Jahren wurde in Frankreich die erste Zentralbank gegründet - von John Law. Er leitete das Prinzip der Notenbank vom Glücksspiel ab.

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Portrait von John Law (1671-1729).
Portrait von John Law (1671-1729).Foto: imago/Leemage

Irgendwann kommt jemand und erfindet die Welt neu. Aber wie kommt es, dass ausgerechnet ein Spieler, Mörder und Frauenheld den modernen Finanzkapitalismus erfindet, der heute die Welt beherrscht? Der Schotte John Law (1671 – 1729) war professioneller Glücksspieler. Der gutaussehende, äußerst redegewandte und teuer gekleidete Charmeur trieb sich in den Salons Europas herum und animierte die Menschen um sich herum zum Glücksspiel. Er war fasziniert von Mathematik, rechnete blitzschnell seine Vorteile im Spiel aus und war damit den anderen überlegen. Er erkannte, dass er noch mehr verdiente, wenn er die Spielbank repräsentierte. Er erkannte zudem, dass Menschen, die eingewechseltes Spielgeld setzten, riskanter und animierter vorgingen, als wenn sie mit eigenen, sauer verdienten Münzen hantierten.

Sein lockerer Lebenswandel brachte es mit sich, dass er eines Tages zum Duell aufgefordert wurde und den Gegner tötete. Er wurde dafür wegen Mordes zum Tode verurteilt. Das Ganze war eine Intrige einer Kurtisane des Königs gewesen, die den Getöteten loswerden wollte. Sie rettete Law aus dem Gefängnis und brachte ihn außer Landes.

John Law erkannte: Je mehr Papiergeld gedruckt wird, desto mehr wächst die Wirtschaft

An den Spieltischen der Welt erkannte er das Wesen des Geldes: Dass es eine Funktion hat, die man steuern kann. Das offenbarte sich ihm auch in Amsterdam, als die Bank der Stadt Papiergeld ausgab, das mit Grund und Boden besichert war. Das war ein revolutionärer Schritt, nicht nur wegen der Ausgabe von bedrucktem Papier als Geld, sondern, weil damit die Geldmenge begrenzt ausgeweitet werden konnte. Aber John Law sollte später einen entscheidenden Schritt weiter gehen.

Der Sohn eines Goldschmieds hatte früh erkannt, was Kredite bewirken können. Kredite aufnehmen war damals schwierig. Goldschmiede wie sein Vater erlaubten es damals Händlern, Münzen gegen Zins später zurückzuzahlen.

Law fragte sich: Wie stark lässt sich der Handel und die Produktion ausweiten, hätte man die Möglichkeit, mehr Geld in Umlauf zu bringen?

Das war die entscheidende Erkenntnis. In seiner Schrift „Money and Trade Considered with a Proposal for Supplying the Nation with Money“ legte er 1705 seine Geldtheorie vor. Die zentrale These: Der Handel steigt mit der Geldmenge, die in Umlauf ist. Damit steigt der Wohlstand.

Er brachte Prostituierte nach New Orleans, damit die Männer härter arbeiten

Mit seiner Idee einer staatlichen Bank, die Papiergeld ausgibt, um die Wirtschaft anzukurbeln, blitzte er bei allen Regenten ab. Erst bei Ludwig XIV., Frankreichs König, fand er ein offenes Ohr. Der Sonnenkönig hatte mit Versailles sowie aufwendigen Kriegen sein Reich in den Bankrott getrieben und brauchte Geld. Aber erst bei seinem Nachfolger durfte Law seine „Banque Générale“ gründen. Das war vor 300 Jahren, im Mai 1716. Doch der König war misstrauisch. Law durfte zunächst keine Staatsbank gründen, nur eine Privatbank. Aber Law flößte den Menschen Vertrauen ein. Sie akzeptierten das Papiergeld. Das war das Wichtigste. Papiergeld funktioniert nur, wenn die Menschen der Sache vertrauen.

Law hatte verkündet, dass das Papiergeld mit einer großen Menge Münzgeld gedeckt sei, also Gold und Silber, aber das war gelogen. Nur ein winziger Teil war gedeckt, faktisch handelte es sich um frei erschaffenes Papiergeld. Genau das, was Law und seine Erfindung so bahnbrechend bis in die heutige Zeit macht.

Die Menschen waren begeistert von dem Papiergeld. Und es trat genau das ein, was Law beabsichtigte. Die Geldmenge wuchs und mit ihr Handel, Produktion, Konsum, es entstanden Arbeitsplätze, die Löhne stiegen. Die Steuern konnten mit Papiergeld bezahlt werden, Law wurde zum Bankier des Staates. 1718 war Law endgültig am Ziel. Seine „Banque Générale“ wurde zur „Banque Royale“, zur offiziellen Staatsbank. Law gründete die Mississippi-Kompanie, um auch die überseeischen Kolonien in seine Finanz- und Geldverwaltung einzugliedern – eine Globalisierungsphantasie.

Verlockung, Gier und harte Arbeit

Weil die französischen Kolonisten nicht sehr fleißig waren, brachte Law französische Prostituierte nach New Orleans und gründete Spielbanken. Er hatte die Vorstellung, dass die Männer für Frauen und Spiel mehr Geld verdienen wollen und fleißiger werden. Law wollte die Männer in ein Hamsterrad aus Verlockung, Gier und harte Arbeit pressen, auch das ein Konzept, das sich weltweit durchsetzen sollte.

Der Geldumlauf in Frankreich sowie die Aktienkurse der Mississippi-Kompanie stiegen in ungeahnte Höhen. John Law machte Küchenmädchen zu Millionärinnen. Er kannte keine Grenzen. Er übernahm das Eintreiben der Steuern und kontrollierte Frankreichs Staatsgebiet und die Kolonien mit Handelsmonopolen. Er hatte die gesamten französischen Staatsfinanzen unter sich. Er, der Schotte.

Bis die Blase platzte. Menschen stürmten die Bank, die Straßen von Paris füllten sich mit Menschenmengen, die sich um ihr Vermögen geprellt sahen und Law an den Galgen wünschten. Es war die erste große Finanzkrise des Geldsystems. Sie ruinierte Frankreich auf Jahrzehnte.

Law konnte nach Venedig entkommen, wo er einen Lebensabend als Glücksspieler verbrachte.

Die Finanzkrise und die Tatsache, dass Law ein Berufsspieler, Mörder und Hasardeur war, ließen ihn fast in Vergessenheit geraten, die Nachwelt spottete allenfalls über ihn. Erst später wurde er gewürdigt, so von dem Nationalökonom Joseph Schumpeter. Der Finanzwissenschaftler Aaron Brown arbeitete heraus, welche Rolle das Glückspiel für Laws Konzept einer Notenbank hatte. Und die Wirtschaftshistorikerin Stephanie Albring bezeichnet Law als verkanntes Genie, das ein System etablierte, das dem heutigen entspricht.

Ob das Gutes bedeutet?

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