Wahrscheinlichkeit : Der Schwarze Schwan und das Risiko

Gerade dort, wo besonders auf Risiken geachtet wird, ist die Gefahr am größten, sagt der Risikoforscher und Mathematiker Nassim Taleb. Zur Wahrscheinlichkeit von Katastrophen.

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Der Schwarze Schwan steht bildhaft für seltene extreme Ereignisse.
Der Schwarze Schwan steht bildhaft für seltene extreme Ereignisse.Foto: Arco Images

Wie kann es sein, dass sich in einer der technisch höchstenwickelten Gesellschaften ein Reaktorunfall ereignet? Japan ist nicht nur technisch und wirtschaftlich hochstehend, sondern auch besonders sensibel bei Risiken. Die Risikovorsorge beispielsweise gegenüber Erdbeben gilt als vorbildlich. Der New Yorker Risikoforscher und Mathematiker Nassim Taleb vertritt in seinem bahnbrechenden Werk „Der Schwarze Schwan“ die These, dass sich Katastrophen nicht durch Wahrscheinlichkeitsrechnungen vorhersagen lassen. Sein Bild vom „Schwarzen Schwan“ steht für extrem seltene Ereignisse, die sich die Menschheit nicht vorstellen will, die sich aber gleichwohl ereignen. In Europa konnten sich die Menschen früher nicht vorstellen, dass es schwarze Schwäne geben könnte. Sie waren alle weiß. Erst als in Australien schwarze Schwäne entdeckt wurden, konnte die überkommene Vorstellung korrigiert werden. Verzerrte Wahrnehmung, selektive Aufmerksamkeit und die Verdrängung der Möglichkeit, dass sich eine Katastrophe ereignen könnte, würden ein falsches Bild von der Realität und der Zukunft erzeugen, sagt Taleb. Gerade dort, wo besonders auf Risiken geachtet werde, sei die Gefahr am größten, weil menschliche Gesellschaften sich vor der Möglichkeit einer Katastrophe verschließen und irrtümlich annehmen, die vorhandene Vorsorge vor bekannten Risiken werde ausreichen.

Bis die Katastrophe dann da ist. Ein Beispiel für Wahrnehmungsverzerrungen ist unser Verständnis von Wahrscheinlichkeiten. Ein Gau bei einem Atomkraftwerk droht laut Wahrscheinlichkeitsrechnung innerhalb einer Million Jahre. Das sagt die bundeseigene deutsche Gesellschaft für Anlage- und Reaktorsicherheit (GRS). Ob diese Wahrscheinlichkeitsrechnung stimmt, kann nicht zuverlässig überprüft werden. Trotzdem wird sie behauptet und von vielen Menschen geglaubt. Der Anschein gegenwärtiger Ereignisse lässt an ihrer Richtigkeit zweifeln. Aber selbst wenn diese Wahrscheinlichkeitsrechnung stimmen würde, heißt das nicht, dass nur alle eine Million Jahre das Ereignis eintritt. Es kann genauso gut fünfmal hintereinander alle 25 Jahre passieren und dann ein paar Millionen Jahre nicht mehr. Jeder Test mit einem Zufallsgenerator – Experten sprechen von einer sogenannten Monte-Carlo-Simulation – zeigt, dass sich Ereignisse zeitlich nicht gleich verteilen.

Die Lehre von Nassim Taleb lautet, dass trotz aller Sicherheitsmaßnahmen irgendwann Katastrophen eintreten, die wir uns nicht vorstellen können und wollen. Wir wissen nur nicht, welche Katastrophe es sein wird und wann sie eintritt. Was aber kann der Mensch angesichts dieser Aussicht tun?

Eine befriedigende Antwort darauf gibt es nicht. Die Erkenntnis, dass man in Erdbebengebieten keine Atomkraftwerke bauen sollte, ist vermutlich richtig, reicht aber nicht aus. Das nächste Mal kann ein Unglück in einem Reaktor andere Ursachen haben als ein Erdbeben mit anschließendem Tsunami. Niemand weiß es.

Nassim Taleb selber blieb die Antwort lange schuldig. In einem kürzlich erschienenen Ergänzungsband empfiehlt er „Robustheit“. Was heißt das? Das Gegenteil von dem, was der Begriff zunächst suggeriert. Fragile Systeme sollten möglichst früh zerbrechen. Systeme dürfen nicht so groß werden, dass ihr Zusammenbruch katastrophale Folgen für das Ganze hat.

Auf Dinge wie Atomkraftwerke sollte man demnach wohl ganz verzichten. Übertragen könnte man sagen, Banken dürften nicht zu groß werden und zu große Risiken eingehen dürfen. Schulden dürften nicht zu groß werden. Staatsschulden, private Schulden. Der „Economist“ hat vor einer Woche fast eine halbe Ausgabe der Frage gewidmet, welche große Gefahr es für Individuen wie für die Weltwirtschaft bedeutet, wenn sich viele Menschen für ein eigenes Haus verschulden oder in Immobilienfonds investieren. Schulden und Anlageblasen verschärfen Katastrophen, wenn sie eintreten.

Sollte der Mensch also in Zukunft alles Risikobehaftete kleiner planen? Er müsste gegen seine Natur handeln.

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