Waldbrand in Kanada : Warten auf den rettenden Regen

Die Waldbrände in Kanada sind völlig außer Kontrolle geraten. Flüchtende, die in die falsche Richtung fuhren, werden ausgeflogen. Geplant ist auch ein Rettungskonvoi mit Feuerwehrfahrzeugen durch das Brandgebiet.

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Menschen in einem Evakuierungscenter beobachten die Entwicklung. Das Foto stammt von dem Twitter-Nutzer @SlimCat_23.
Menschen in einem Evakuierungscenter beobachten die Entwicklung. Das Foto stammt von dem Twitter-Nutzer @SlimCat_23.Foto: dpa

In der kanadischen Provinz Alberta kämpfen Feuerwehren verzweifelt gegen die völlig außer Kontrolle geratenen Waldbrände, die die ganze Stadt Fort McMurray zu verstören drohen. Von Hubschraubern und Wasserbombern wird Wasser auf brennende Flächen geworfen. Hilfe aber kann nur ein starker Regen bringen – und der ist vorerst nicht in Sicht.

Die rund 90 000 Bewohner von Fort McMurray, die ihre Häuser verlassen mussten und nun in Evakuierungszentren warten, wissen nicht, wann sie nach Fort McMurray zurückkehren können. „Ich rechne damit, dass das Feuer sich in den nächsten Tagen noch ausdehnen wird“, sagte am späten Donnerstagabend Chad Morrison von der Forstbehörde Albertas. Die Ministerpräsidentin von Alberta, Rachel Notley, machte klar, dass sich die Evakuierten gedulden müssen, bis sie nach Fort McMurray zurückkehren können. „Leider wissen wir, dass es sich nicht nur um ein paar Tage handeln wird“, sagte sie.

Die Zahl der Feuerwehrleute, die die Flammen bekämpfen, ist mittlerweile auf über 1100 gewachsen, hinzu kommen 145 Hubschrauber und 22 Flugzeuge. Die Einsatzkräfte bemühen sich, Wohngebiete und wichtige Infrastruktur wie Wasserwerk, Krankenhaus und Schule zu schützen. „Dies ist ein extremes Feuer. Es wird bei diesen trockenen Bedingungen anhalten, bis uns der Regen helfen wird.“ Ein Forstwissenschaftler erklärte, das Abwerfen von Wasser auf die brennenden Flächen sei, „als ob man in ein Lagerfeuer spuckt“. Nach einem sehr trockenen Sommer 2015 und einem niederschlagsarmen Winter hat ein heißer Frühling mit Temperaturen um 30 Grad das Busch- und Waldland rund um Fort McMurray stellenweise wie eine Wüste austrocknen lassen, heißt es in Berichten aus Alberta.

Der Ölsand im Boden kann nicht brennen

Die verbrannte Fläche wird weiter mit 85 000 Hektar (850 Quadratkilometer) angegeben, mindestens 1600 Häuser und Gebäude wurden zerstört. Die Kanadier haben in den ersten 24 Stunden seit Beginn der Katastrophe am Dienstag bereits mehr als elf Millionen Dollar für die Hilfe gespendet. Premierminister Justin Trudeau teilte im Parlament mit, dass die Regierung nochmals die gleiche Summe bereitstellen wird. Aber der Schaden ist erheblich größer. Erste Schätzungen von Versicherungen belaufen sich auf rund neun Milliarden Dollar. In Wohnsiedlungen wie Anzac und Gregoire Lake südlich der Stadt ist es wegen der Flammenwände extrem heiß. Innerhalb von 24 Stunden hatte sich die verbrannte Fläche von Mittwoch auf Donnerstag fast verachtfacht. Das Feuer schafft seine eigenen Wetterbedingungen mit heftigem Wind und Blitzschlägen. Windböen erschweren die Arbeit der Feuerwehren und machen sie, wenn sich der Wind dreht, äußerst gefährlich. Rund 25 000 der 90 000 Menschen, die Fort McMurray verlassen mussten, flohen nach Norden. Da dieses Gebiet jetzt aber weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten und die Versorgung der Menschen in den Camps auf Dauer schwierig ist, begannen die Behörden, diese Menschen mit Hubschraubern auszufließen. Zudem soll versucht werden, einen von Löschfahrzeugen begleiteten Autokonvoi nach Süden durch Fort McMurray Richtung Edmonton zu geleiten.

Fort McMurray, das Zentrum der kanadischen Ölsandindustrie und bis zum Einbruch der Ölpreise eine „Boomtown“, ist nun eine Geisterstadt. Nicht abzusehen ist, wie lange der Wiederaufbau dauern wird. Kanada produziert 3,7 Millionen Barrel Rohöl pro Tag, davon 2,4 Millionen aus Ölsand. Die Waldbrände haben die Ölkonzerne bereits gezwungen, ihre Produktion zu drosseln. Geschätzt wird, dass etwa 600 000 Barrel weniger gefördert werden. Auch Pipelines wurden vorübergehend stillgelegt. Bis Freitagmorgen schien keine der zahlreichen Förderstätten rund um Fort McMurray akut von Feuer bedroht. Die Unternehmen haben allerdings Personal von den Ölsandminen ausgeflogen und ihre Camps, in denen die Arbeiter wohnen, für Menschen aus Fort McMurray geöffnet, die vor dem Inferno fliehen mussten.

Ölsand ist eine Mischung von Bitumen, eines dickflüssigen, zähen Öls, mit Wasser, Sand und Ton. Liegen die Ölsandvorkommen in einer Tiefe zwischen 30 und 70 Meter, wird der Ölsand im Tagebau gewonnen. Nur rund 20 Prozent der Bitumenvorkommen liegen in einer Tiefe, die im Tagebau erreicht wird. Liegt das Bitumen tiefer, werden „In situ“-Verfahren angewendet, um Bitumen im Erdinneren (in situ) vom Sand zu trennen. „Hitzestimulation“ heißt das Verfahren, bei dem Dampf in den Sand eingeleitet wird, der das Bitumen flüssig macht, sodass es dann gesammelt und abgepumpt werden kann. Somit haben die Bitumenschichten keinen direkten Kontakt zur Oberfläche und können deshalb nicht in Brand geraten.

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