Welt : Warum ließ die Polizei den Täter laufen?

Peggys Mörder war der erste Verdächtige – aber erst als er weitere Kinder missbrauchte, wurde er weggeschlossen

Rainer Maier[Lichtenberg]

Es werden viele Fragezeichen bleiben hinter dem Verschwinden der kleinen Peggy aus dem oberfränkischen Lichtenberg.

Am Dienstag präsentierte die Sonderkommission in Hof den Tatverdächtigen, der den Mord an der seit dem 7. Mai 2001 vermissten Neunjährigen gestanden hat: ein 24-jähriger geistig Behinderter aus der unmittelbaren Nachbarschaft des Opfers.

Damit ist der Fall aber noch lange nicht geklärt, wie Polizei und Justiz glauben machen wollen. Ulvi K. hat die Tat gestanden und ausführlich geschildert. ,,Für alle Angehörigen der Soko gibt es keinen vernünftigen Zweifel am Wahrheitsgehalt der Aussage des Tatverdächtigen', sagte der Leiter der Sonderkommission ,,Peggy', Kriminaldirektor Wolfang Geier, am Dienstag auf der Pressekonferenz in Hof. Die Schilderung habe die Feststellungen der Polizei voll untermauert.

Hofs Leitender Oberstaatsanwalt Dr. Ernst Tschanett unterstrich, dass auch ein psychiatrischer Sachverständiger das Geständnis des Verdächtigen überprüft habe. Dieser Gutachter komme zu dem Ergebnis, dass das Geständnis ,,mit hoher Wahrscheinlicheit in einem Erlebnis begründet ist'. Daran ändere sich auch dadurch nichts, dass der Lichtenberger dem Gutachter gegenüber sein Geständnis zurückgenommen und behauptet habe, es stimme alles nicht, was er der Polizei erzählt habe. Tschanett: ,,Der Beschuldigte hat im Juli bei drei getrennten Vernehmungen die Einzelheiten übereinstimmend geschildert.'

Die Sonderkommission hat außer dem widerrufenen Geständnis bislang kein einziges objektives Indiz aufspüren können. Auch die Leiche fehlt weiterhin.

Das ist kein Ruhmesblatt für die Ermittler. Unangenehme Fragen musste sich vor allem Soko-Chef Wolfgang Geier anhören: Der jetzt Beschuldigte war bereits kurz nach Peggys Verschwinden der erste Verdächtige, der ins Visier der Ermittler geriet. Er saß seit September 2001 wegen mehrfachen sexuellen Missbrauchs von Kindern in der psychiatrischen Abteilung des Bezirkskrankenhauses Bayreuth. Kurz vor seiner Einweisung hatte er auch ein Sexualvergehen an Peggy Knobloch gestanden. An einen Zusammenhang mit dem Verschwinden des Kindes glaubte die Polizei zu der Zeit allerdings nicht. „Sein Alibi ist lückenlos", hieß es noch im Januar.

Doch nachdem vom Bayerischen Innenministerium die zeitweise 75-köpfige Sonderkommission neu besetzt worden war, wurden doch Zweifel daran laut. Vor allem ein Zeuge wurde jetzt interessant: Er wollte den Beschuldigten am 7. Mai genau dort gesehen haben, wo auch Peggy zum letzten Mal auffiel, nur wenige Meter von Peggys Wohnhaus entfernt.

Minute für Minute rekonstruierte die Polizei danach, was wirklich geschehen sein könnte an jenem diesigen Mai-Tag. Peggy soll auf dem Nachhauseweg gewesen sein, als sie zwischen 13 Uhr 14 und 13 Uhr 20 mit dem 24-Jährigen zusammentraf. Aus Schreck, ihrem Peiniger zu begegnen, der sie erst vier Tage zuvor sexuell missbraucht haben soll, flüchtete das Kind ins unwegsame Waldgebiet. Er holte sie ein, als sie hinfiel. „Sie hat geschrien, ihm gedroht, alles ihren Eltern zu sagen", rekonstruierte Geier den Tatablauf: „Da hat er ihr Mund und Nase zugehalten, bis sie sich nicht mehr rührte." Danach soll er zu seinem Vater gelaufen sein, um ihn um Hilfe beim Beseitigen der Leiche zu bitten. Der habe für den fraglichen Zeitraum kein Alibi. Der bereits mehrmals vernommene Vater bestreitet die Tat. Nicht nur deshalb sind die Ermittlungen mit der Überführung eines Täters noch lange nicht abgeschlossen. 20 nicht angezeigte Fälle von sexuellem Missbrauch von fünf- bis zehnjährigen Jungen und Mädchen zwischen 1996 und 2001 haben die Beamten zu Tage gebracht, bereits im Jahr 2000 hatte er sich wegen exhibitionistischer Handlungen selbst angezeigt. Warum gegen den Mann dennoch nicht ermittelt wurde, muss die Soko nicht zuletzt der Mutter von Peggy erklären. Die hatte schon im Januar gefragt: „Was wäre, wenn man ihn schon damals aus dem Verkehr gezogen hätte? Könnte Peggy dann noch bei uns sein?" Noch eine Frage bleibt unbeantwortet. Zwischen dem Missbrauch Peggys und ihrem Tod liegen vier Tage. Das Mädchen hat seiner Mutter nichts von dem Missbrauch erzählt. Die anderen Kinder hatten ebenfalls nicht ihren Missbrauch den Eltern offenbart. Welches Klima herrscht in den Familien dieses Ortes, dass Kinder sich nicht trauen, sich ihren Eltern zu offenbaren? Haben sie Angst vor Strafe?

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