Weihnachten : Gefährdet ein Krippenspiel das Abendland?

Offenbar aus Angst vor der NPD hat die Stadt Worms ein Krippenspiel auf dem Weihnachtsmarkt verboten, bei dem die Flucht von Maria, Josef und Jesus nach Ägypten nachgespielt werden sollte. Eine Glosse.

von
Krippenspiel. Zu gefährlich in Worms? Foto: dpa
Krippenspiel. Zu gefährlich in Worms?Foto: dpa

Für die kommenden Tage sind steigende Temperaturen angesagt, und dennoch will einem nicht so recht warm werden ums Herz. Wie war das gleich mit Weihnachten? Josef und Maria, ein Migrantenpaar, suchten eine Herberge, und der Knabe, der da in der Krippe zur Welt kam, wurde später zum Begründer des christlichen Abendlandes. Die beiden hatten Glück, dass die göttliche Fügung sie nach Bethlehem und nicht nach Dresden gelenkt hat, denn das würde heute vermutlich Ärger geben mit den Verteidigern eben dieses Abendlandes.

Allerdings ist auch Worms nicht viel besser. Dort haben die Oberen, also die neuzeitlichen Nachfolger des Pontius Pilatus, jetzt ein für Dienstag geplantes Krippenspiel auf dem Weihnachtsmarkt verboten – wegen angeblicher Gefahr für die öffentliche Ordnung und Sicherheit. Kirchenvertreter wollten dort die Flucht von Maria, Josef und Jesus nach Ägypten nachstellen, aus aktuellem Anlass, wie sich versteht.

In der Verbotsverfügung, so zitiert der Evangelische Pressedienst, heißt es, die Aufführung könne „die Besucher des Weihnachtsmarkts irritieren und insbesondere Kinder verstören“. Ein Krippenspiel irritiert Besucher des Weihnachtsmarktes? Schon klar.

In der Wormser Stadtverwaltung waltet aber offenbar nicht der blanke Irrsinn, sondern eine seltsame Mixtur aus Angst und vorauseilendem Gehorsam. Denn in Worms hat die NPD kürzlich einen Sitz im Stadtrat errungen und hält seitdem sogenannte Mahnwachen ab. Gegen diese richtet sich offenbar auch das Krippenspiel. Gut: Ochs und Esel, dazu ein großer Stern und ein paar zerlumpte Hirten, das wäre grad noch okay. Aber Flucht? Ägypten? Noch einmal ein schöner Satz der Stadtverwaltung Worms: „Nicht genauer definierte Darstellungen einer Krippenszene vor einer Krippe können zu Irritationen führen.“

Es ist dies einer jener Sätze, in die sich schreckliche Juristen verirren, wenn sie den Durchblick verlieren. Möglich, dass nicht jeder von ihnen mit dem Grundgesetz unter dem Arm herumläuft – aber es sollte doch eines dieser handlichen Bücher griffbereit im Regal stehen, falls Zweifel auftauchen.

Noch ist die Sache nicht ausgestanden – möglicherweise lässt der Herr, oder wer immer droben grad das Sagen hat, noch Hirn regnen über die wackeren Beamten. Falls nicht, wäre das ein angemessener Anlass für eine große Protestdemonstration vor dem Weihnachtsmarkt. Man könnte sich dafür sogar das Kürzel „Woveda“ geben: Wormser gegen die Verblödung des Abendlandes. Aber womöglich machen dann aus Versehen auch die Nazis mit.

27 Kommentare

Neuester Kommentar