Jugendliche und Internetpornos : „Youporn erschwert eine sichere Identität“

Jugendliche und Sexualität: das scheint heute problematischer als je zuvor zu sein. Stimmt das? Ein Gespräch mit dem Sexualmediziner Klaus Michael Beier über die Auswirkungen von Internetpornografie und den Gruppenzwang unter jungen Menschen.

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Wie geht das? Früher mussten junge Menschen selbst rausfinden, wie Sex funktioniert. Heute liefert das Internet detaillierte Anleitungen.
Wie geht das? Früher mussten junge Menschen selbst rausfinden, wie Sex funktioniert. Heute liefert das Internet detaillierte...Foto: alekseykh Fotolia

Herr Beier, wenn über die Sexualität von Jugendlichen gesprochen wird, gibt es zwei Klischees: Sie sind entweder verwahrlost oder massiv verunsichert. Was stimmt denn nun?

So pauschal stimmt beides nicht. Zweifelsohne sind aber die Eltern heutiger Jugendlicher ganz anders aufgewachsen. Pornografie war für sie in dem Umfang nicht verfügbar. Heutzutage sind Angebote im Internet so präsent und selbstverständlich, dass sie als Rollenvorgaben dienen können. Bilder sind wirkmächtiger als Worte. Sex war bisher ein Lebensbereich, der nicht durch Zuschauen erlernt wurde. Heute sehen Jugendliche sexuelle Handlungen im Internet, bevor sie selbst eigene Erfahrungen machen. Kulturgeschichtlich ist das völlig neu.

Was bedeutet das konkret?

Die Pubertät beginnt im Schnitt mit elf Jahren. Geschlechtshormone schieben die körperliche und psychische Sexualentwicklung an. Untersuchungen zeigen, dass Kinder in diesem Alter beginnen, sich im Internet pornografische Bilder anzusehen, sie aufs Handy zu laden und gegenseitig zuzuschicken. Schon mit 12, 13 Jahren haben die meisten täglichen Zugang zu einschlägigen Seiten. Einige sehen auch sexuell abweichende, manche strafbare Inhalte – etwa Sex mit Tieren oder Kindesmissbrauch. Es gibt Zwölfjährige, die haben Vergewaltigungsdarstellungen gesehen.

Der Sex-Experte. Professor Klaus Michael Beier ist Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité.
Der Sex-Experte. Professor Klaus Michael Beier ist Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité.Foto: Charité

Haben die drastischen Bilder denn schon spürbare Auswirkungen?

Dazu fehlen Untersuchungen. Aber es ist vorstellbar, dass dadurch sexuelle Störungen entstehen können. Neurobiologisch werden beim Betrachten dieser Bilder die Spiegelneurone aktiviert. Sie bewirken, dass das Betrachten eines Vorgangs im Gehirn die gleichen Neurone aktiviert, als hätte der Betrachter die Handlung selbst durchgeführt. Diejenigen Kinder, die sich entsprechende Pornos anschauen, lernen an diesen wie an Modellen.

Welche Folgen hat das?

Das wissen wir noch nicht. Aber Fakt ist, dass die Fantasien von Erwachsenen durch das Internet ungefiltert auf die Kinder und Jugendlichen treffen. In einer Phase, wo sich unveränderliche Weichenstellungen ergeben – denn die sexuelle Präferenzstruktur manifestiert sich im Jugendalter und bleibt dann bis zum Lebensende unverändert bestehen. Aus meiner Sicht ist es ein großes Experiment an unserer Jugend – mit derzeit eben nicht einschätzbaren Auswirkungen.

Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Ein 14 Jahre alter Junge kam kürzlich in Begleitung seiner Mutter. Er hatte wochenlang ein Computerspiel im Netz gespielt, mehrmals auch im Beisein eines sechsjährigen Jungen aus der Nachbarschaft. In dem Spiel geht es um eine Frau, die Männer oral stimuliert. Je öfter sie das macht, desto mehr Punkte gibt es. Irgendwann hat der Jugendliche den Sechsjährigen dann aufgefordert, das bei ihm auch zu machen, also ihn oral zu befriedigen. Die Mutter war schockiert. Sie wusste nicht mal, dass es derartige Spiele gibt. Der Jugendliche wiederum sagte, das Spiel sei im Netz frei zugänglich und war nur begrenzt einsichtig.

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