Urlaub mit Freunden : Wenn Freundschaft baden geht

Nichts belastet eine Clique mehr als ein gemeinsamer Urlaub. Unsere Autorin hat das selbst erlebt. Ein Erfahrungsbericht

Jacqueline Möller
Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Nächste Woche beginnen die Herbstferien, bei meinen Klassenkameraden sind sie schon seit Wochen Gesprächsthema. Sie haben Pläne geschmiedet, sich über die besten Bahnverbindungen ausgetauscht, die Wettervorhersagen genau verfolgt – und überlegt, mit wem sie gerne wegfahren würden. Neulich fragte mich ein Mitschüler, ob ich mit ein paar Leuten meines Jahrgangs nach Amsterdam kommen möchte. Urlaub mit Freunden? Eigentlich hatte ich davon vorerst genug.

Schuld daran war eine Reise nach Südfrankreich vergangenen Sommer. Mit Jan, Felix und Lea wollte ich für eine Woche in die Nähe von Nizza fahren, um dort zu campen. Schon im Voraus hatten wir uns geschworen: Das wird der beste Urlaub unseres Lebens. Was sollte schon schiefgehen? Wir vier kannten uns ewig, verbrachten jede Minute zusammen und waren eine eingeschworene Clique.

Der Tag der Abreise begann hektisch. Ich war gerade dabei, schnell noch die letzten Sachen in meine Tasche zu stopfen, als ich das Hupen von draußen hörte. „Wo bleibst du, wir wollen endlich fahren“, rief eine tiefe Stimme. Ich verließ überstürzt das Haus und hastete zum Auto, wo Jan, Felix und Lea auf mich warteten. Eilig drückte ich jedem von ihnen einen Begrüßungskuss auf die Wange, dann ging es auch schon los.

Mit jedem Kilometer, den wir uns unserem Reiseziel näherten, stieg meine Vorfreude auf den gemeinsamen Urlaub, auf die gemeinsame Zeit. Jan, der Partylöwe, liebte es, abends auszugehen, er tat das fast täglich. Mit ihm würde man vermutlich im trostlosesten Dorf eine rauschende Party veranstalten können. Lea, die Kreative, hatte ein Faible fürs Fotografieren, für sie waren auch die banalsten Dinge Kunst. Und Felix, der Trendsetter, hatte ein gutes Gespür für Mode und angesagte Labels. Ich mochte sie alle gleichermaßen.

Wir kannten uns ewig und verstanden uns gut. Was sollte schon schieflaufen?

Beim Aufbau unserer Zelte bahnten sich die ersten Konflikte an. Wer würde im kleineren Zelt schlafen? Wer würde die aufblasbare Matratze bekommen? Wer muss am nächsten Tag die Versorgungslage im nächstgelegenen Supermarkt sichern? Wir einigten uns irgendwie, über die gefundene Lösung konnte sich keiner beklagen.

An den ersten beiden Tagen verlief alles noch harmonisch. Wir lachten, hatten Spaß und verstanden uns gut. Keine Unstimmigkeiten, kein Streit, nichts. Wir lästerten sogar über die Jugendlichen aus dem Nachbarzelt, die sich bereits am Tag ihrer Ankunft lautstarke Wortgefechte lieferten. So was würde uns nie passieren, da waren wir uns sicher. Dass auch bei uns die Stimmung schnell kippen würde, war da noch nicht absehbar.

Es fing damit an, dass mir Jan mit seiner ewig guten Laune zunehmend auf die Nerven ging. Ständig beschäftigte ihn die Frage, wo wir am Abend hingehen sollten, alles musste genau geplant werden. Pläne hatte auch Lea. Sie wollte alle Museen und Galerien der Umgebung erkunden. Sehr zum Unmut von Felix. „Hätten wir den Fokus auf den kulturellen Aspekt gesetzt, hätten wir uns mit Sicherheit nicht für einen Campingurlaub entschieden“, maulte er sie an, als sie wieder einmal einen gemeinsamen Ausstellungsbesuch vorschlug. Ich war derselben Meinung. Lea bekam daraufhin zusehends schlechtere Laune. Demonstrativ warf sie Felix’ Zeitschriften, die überall im Zelt herumlagen und die ihm heilig waren, in den Müll. Es folgte ein emotionaler Disput, der noch schlimmer war als der unserer Nachbarn wenige Tage zuvor.

Die Stimmung war dahin. Es half auch nichts, dass wir uns zwischenzeitlich immer wieder beteuerten, wie sehr wir uns doch alle amüsierten. Der Urlaub enthüllte immer mehr negative Eigenschaften, die wir wie durch ein Brennglas verstärkt wahrnahmen. Plötzlich bemerkte man an den anderen Macken, die einem bis dahin nicht aufgefallen waren. So wollte Felix jeden Morgen Sport treiben, seine körperliche Fitness ging ihm über alles. Dass der Rest der Gruppe lieber länger schlafen wollte, dafür hatte er kein Verständnis. Und wie Lea ihren Ordnungsfimmel all die Jahre vor mir verheimlichen konnte, ist mir bis heute schleierhaft – sie war regelrecht besessen davon, das Zelt penibel ordentlich zu halten. Jan hingegen hatte einen anderen Spleen: Er wollte jeden Tag Punkt eins mittagessen gehen, auch wenn das Frühstück keine Stunde zurücklag.

Plötzlich bemerkt man Macken, die einem nie aufgefallen sind

Ich musste an einen Artikel denken, den ich kurz zuvor gelesen hatte. Darin stand, dass die meisten Ehen nach einem gemeinsamen Urlaub auseinandergehen. Vermutlich verhält es sich bei Freundschaften ähnlich. Warum die Stimmung kippte, wurde mir erst später bewusst: Es fehlte uns schlichtweg an Rückzugsmöglichkeiten. Im ersten gemeinsamen Urlaub ausgerechnet zu campen, war eine denkbar ungünstige Entscheidung. Das permanente Aufeinanderhocken und der Zwang, alles gemeinsam zu machen, waren belastend. Gleichzeitig wollte sich niemand dem Verdacht aussetzen, eine Spaßbremse zu sein, bloß weil er etwas Privatheit beanspruchte.

Wie nicht anders zu erwarten, verlief der Rest des Urlaubs völlig verkrampft. Lea vergrub sich immer mehr in ihre Fotoarbeit, streifte allein durch die Gegend. Felix hatte die angesagtesten Bars und Cafés in der Nähe ausfindig gemacht und verbrachte nun die meiste Zeit mit Leuten aus Köln, die er auf dem Campingplatz kennengelernt hatte. Und Jan lebte nur noch nachts richtig auf – tagsüber wollte er so wenig wie möglich mit uns zu tun haben. Ich selbst las die meiste Zeit oder machte Strandspaziergänge.

Die Zeit wollte einfach nicht vergehen, aber den Urlaub abzubrechen wäre niemals infrage gekommen, denn das hätte vermutlich das Ende unserer Freundschaft bedeutet. Also taten wir so, als wäre nichts gewesen, als wäre alles bestens. Heimlich sehnte aber wohl jeder das Ende herbei.

Die ganze Heimfahrt über wechselten wir kein Wort, als ob wir ein Schweigegelübde abgelegt hätten. Ich war froh, als wir nach einer gefühlten Ewigkeit bei meinem Elternhaus ankamen und ich aus dem Auto steigen konnte. Der Abschied fiel dementsprechend steif aus. „War ein toller Urlaub!“, sagte ich, drehte mich um und ging. Eins war uns in diesem Moment klar: Wir brauchten nun erst einmal Abstand. Urlaub vom Urlaub.

Es vergingen ein paar Wochen, bevor wir uns das nächste Mal trafen und über das Erlebte sprachen. Unser Fazit: Beim nächsten Mal sollten Nähe und Abstand richtig dosiert sein. Und außerdem sollte sich niemand einem Gruppenzwang verpflichtet fühlen. Befreundet sind Jan, Lea, Felix und ich immer noch. Aber unseren nächsten gemeinsamen Urlaub werden wir besser planen.

Und die Herbstferien? Nach reiflicher Überlegung habe ich beschlossen, sie doch nicht mit meinen Mitschülern in Amsterdam zu verbringen. Stattdessen werde ich mit meinen Eltern nach Barcelona fahren.

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