Werbinich : Vier gewinnt

Krebs? Ich, in meinem Alter? Diese Mädchen und Jungs haben einen Film gedreht – und auch sonst viel vor

André Görke

An einem Vormittag im Potsdamer Sterncenter fing alles an. Mit der Übelkeit. Später kam die Chemotherapie. Dann das Kotzen und die Glatze. „Der ganze Mist halt“, sagt Sebastian und atmet tief durch.

Sebastian hatte Blutkrebs, Leukämie. Als er von der Diagnose erfuhr , war er 14 Jahre alt. „Das soll’s gewesen sein“, hat er den Arzt gefragt. „Mit 14, oder was?“

Die Mutter hatte ihn vom Sterncenter zur Kinderarztpraxis gefahren. Sebastian war beim Einkaufen übel geworden, „wegen des Fritteusenfetts nebenan beim Imbiss“, wie er damals glaubte. Nur: Die Mutter hatte nichts gerochen, kein Fett, gar nichts. Der Arzt hat ihn untersucht, ihm Blut abgenommen, und als Sebastian wieder zu Hause war und schlafen wollte, rief der Arzt an und sagte der Mutter: „Fahren Sie den Jungen ins Krankenhaus, da ist was nicht in Ordnung.“ An diesem Abend hat Sebastian erfahren, dass er Krebs hat.

Es gibt Statistiken, die sagen: Heute können drei von vier Kindern und Jugendlichen mit dieser bösartigen Erkrankung dauerhaft geheilt werden. Aber wer vertraut schon Zahlen, wenn es um sein Leben geht? Statistiken können dem einem Sicherheit vermitteln, und für den anderen sind sie nur ein makaberer Auszählreim.

Sebastian sitzt jetzt, ein Jahr später, im Virchow-Klinikum in Wedding. Kinderklinik, Haus 8, Etage 4: Draußen scheint die Sonne, vor dem Krankenhaus steht ein Imbisswagen, dessen Besitzer die Portion Pommes für 1,20 Euro verkauft. Sebastian muss oft hierher, zur Nachbehandlung. „Ich brauche noch ein bisschen, bis ich der Alte bin“, sagt er. Ein Film wurde über ihn und seine Krankheit gedreht, und der wird erstmals in drei Wochen gezeigt. Der Film trägt den Titel „Wir für euch“.

Wir: das sind auch Lydia, Carina und Dominik, auch sie hatten Krebs, auch sie sind nicht viel älter als Sebastian.

Mit „euch“ sind andere Kranke gemeint, denen sie Mut machen wollen, ein bisschen die Ängste nehmen und Fragen beantworten, die sie nicht zu stellen wagen. Es ist ein Dokumentarfilm über eine Krankheit, die so unerwartet über die Jugendlichen herfiel und die den Alltag einfach so beendet hat. Jährlich erkranken fast 2000 Kinder und Jugendliche an Krebs.

Als es Dominik, 18, noch schlecht ging, konnte er nicht einmal seinen Speichel herunterschlucken, so groß war der Schmerz. Die Zunge hielt er irgendwie in der Luft, damit sie nirgendwo anstieß, nicht am Zahnfleisch und nicht an den Innenseiten der Wangen. Dominik litt an einer Schleimhautentzündung im Mund, auch sie war eine Folge der Bestrahlung. Wie sich so was anfühlt? Einen kochend heißen Teller Hühnersuppe mit einem Schwung den Rachen hinunterkippen, so fühlt sich das an, sagt er: „Wie eine Verbrennung.“ Er konnte nicht reden, nicht trinken, er wollte nicht schlucken, aber ausspucken – das tat genauso weh. Einen Tag lang dauerte der Schmerz, dann noch einen und noch einen. Nach einer Woche hat sich Dominik an Babybrei herangewagt.

Die Geschichte von Dominik, der aus dem Südwesten Berlins kommt und gestern seinen Geburtstag feierte, begann ähnlich banal wie die von Sebastian und der Übelkeit an der Imbissbude. Dominik klagte über Muskelkater im Unterarm, obwohl er gar keinen Sport getrieben hatte. Eines Tages ist er zum Arzt gefahren. „Ich wollte mir eine Sportbefreiung holen, für die Schule“, sagt er. „Als ich wieder draußen war, hatte ich eine Sportbefreiung für die Ewigkeit.“

Operation, Bestrahlung, Chemotherapie, Tabletten, Kotzen. Früher, da hat Dominik von teuren Autos geträumt. „Was für ein Schwachsinn“, sagt er heute.

Die chemische Flüssigkeit, die durch seinen Körper floss und Infektionserreger und bösartige Tumorzellen bekämpfen sollte, hat ihn zu einem anderen Menschen werden lassen. Einem Menschen, der von den einfachen Dingen träumt.

Bevor Dominik in die Klinik eingeliefert wurde, wollte er Comiczeichner werden, so einer wie die bei Marvel, die Figuren wie Spider-Man oder Hulk erschufen. Helden, die stark sind und unverletzlich. „Ich will jetzt in der Medizin arbeiten“, sagt er heute. Abitur machen, studieren, anderen helfen. Wie die auf der Station, all die Ärzte und Krankenpfleger in ihren blauen und weißen Kitteln, die Jugendlichen das zu erklären versuchen, was sie nicht verstehen können. Eigentlich ist Krebs eine Krankheit im Alter, oder? Eine, die Opa und Oma erwischt, und nicht zuerst die Kinder und Enkel.

Lydia ist 16 Jahre alt, an ihrem Hüftknochen befindet sich eine 30 Zentimeter lange Narbe. „Das steckte das Biest drin“, sagt sie. Das Biest ist der Knochenkrebs.

Sie ist in einem Dorf groß geworden, nördlich von Berlin. Sie hat jeden Tag frische Luft gerochen, den Wald und die Wiesen, sie lag viel in der Sonne. „Und von einem auf den anderen Tag bleibt das Fenster zu“, sagt sie. Keine Kraft und keine Lust, sich zu bewegen. Und weil die Ärzte bei so einer Chemotherapie einen dicken Plastikschlauch unter die Brust schieben, der dann quer durch den Oberkörper verläuft, war auch Baden nicht mehr drin. Als die Behandlung vorbei war, hat sie als Erstes die Badezimmertür abgeschlossen, Kerzen angezündet, ist in die warme Wanne gestiegen, hat das Wasser gespürt und das Badeöl gerochen. Ja, Badeöl, „und Sonnencreme!“, sagt sie. „Wirklich, ich habe den Geruch von Sonnencreme vermisst.“

An diesen sterilen Geruch im Krankenhaus gewöhnt man sich nur langsam. An heulende Mütter, die das erste Mal in ihrem Leben völlig hilflos neben dem Kind stehen, gewöhnt man sich nie. Auch das erzählen sie hier.

In mehr als 60 Krebskliniken in Deutschland arbeiten heute Psychologen. Sie klären auf, geben Halt – nicht nur den Patienten, auch den Eltern.

Das äußere Zeichen der Krankheit ist der Haarausfall, die Glatze. Schuld sind die Medikamente, nicht die Krankheit, aber was macht das schon für einen Unterschied? Du liegst im Bett, fährst mit der Hand durch die Haare und sie kommen einfach mit. Lydia hatte schwarzes, langes Haar. Als sie ihre Haare kämmte und dicke Strähnen im Kamm stecken blieben, musste sie weinen. Lydia ist zum Frisör gegangen, hat sich die Haare abschneiden lassen, dafür auch noch Geld bezahlt und den Zopf in eine Plastiktüte gesteckt. „Ich habe Tücher getragen.“ Auf die Perücke hatte sie keine Lust, darunter habe sie nur geschwitzt, außerdem seien die Haare nicht so weich gewesen. „An der Perücke haben eher meine Freunde Gefallen gefunden“, sagt sie.

Carina ist die vierte, sie ist 15 Jahre, aus dem Westen Berlins. Auch sie: Knochenkrebs, im Bein. Sie ist in dem Film oft auf Krücken zu sehen, aber sie lacht viel, wie die anderen auch. Es muss ja vorangehen, man ist erst 15. Da hat man nicht das halbe Leben vor sich, sondern noch viel mehr. „Wir müssen Jugendlichen die Ängste nehmen“, sagt die Psychologin Anja Neise, die das Filmprojekt auf ihrer Station unterstützt hat. „Es geht um Aufklärung, darum, Mut zu machen.“ Fast ein Jahr waren die vier in Behandlung, vier weitere Jahre müssen die Jugendlichen jetzt noch zur Nachuntersuchung.

Sie laufen durch die Klinik und fragen Ärzte, was eine Chemotherapie ist und ob man etwa immer stark sein müsse. Die Kamera ist dabei. Was ist ein Kateter? Muss ich sterben? Das Video könne man vielleicht in ganz Deutschland vertreiben, sagt die Psychologin. Allein in Haus 8, Etage 4, der Kinderklinik gibt es 100 Neuanmeldungen im Jahr.

Sebastian hatte 30 Kilo abgenommen, einen Monat lang nichts gegessen. 30 Kilo! „Na ja“, sagt er und grinst. „Mir hat das ja nicht geschadet, oder?“ Sebastian war ziemlich dick. Seitdem er halbwegs gesund ist, hat er zugenommen. Zehn Kilo. An der Imbissbude in Potsdam war er auch schon.

Willkommen zurück im Leben.

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