Was Frauen wollen : Der neue Mann

Der Anti-Macho: Die neuen Männer sind lieb, empfindsam und zurückhaltend. Angeblich, weil Frauen das so wollen. Aber stimmt das? Unsere Autorin hat sich umgehört.

Constanze Bilogan
Mann oder Anti-Mann? Was wollen Frauen wirklich?
Mann oder Anti-Mann? Was wollen Frauen wirklich?Foto: dpa

Die Luft ist stickig, der kleine Raum überfüllt. Feuerzeuge nehmen der schwitzenden Menge das letzte bisschen Sauerstoff. Auf der Bühne steht Philipp Poisel, ein kleines schmächtiges Bürschchen mit Gitarre. Leise haucht er Worte ins Mikro, die Augenlider auf Halbmast, gedankenverloren. „Wo fängt dein Himmel an und wo hört er auf?“, gibt Philipp mir mit auf den Weg, ich bin nicht sicher, ob ich so viel Melancholie verkraften kann.

Wer sich eine Karte für ein Philipp-Poisel-Konzert kauft, weiß, was ihn erwartet. Ein bisschen Herzschmerz, sehr viel Schwermut und vor allem ein Mann, der weiblichen Beschützerinstinkt weckt. Ich möchte ihn in den Arm nehmen, ihm einen Tee machen und ihn von seinen Sorgen erzählen lassen. Was passiert aber, wenn ein Schmerzensmann wie Philipp Poisel plötzlich in Gestalt meines Dates vom Vorabend mir am Frühstückstisch gegenübersitzt? Wenn er mir die Tragödien seines Lebens auf dem Tischtuch ausbreitet und die Butter auf dem Toast von so viel Wehmut zu schmelzen beginnt? Ist das die neue Männlichkeit, von der jetzt alle reden? Oder einfach nur der Versuch einer umgekehrten Emanzipation?

Angeblich haben wir Frauen uns Männer immer so gewünscht. Wir wollen den Familientyp, der uns versteht, der sich endlich mal lossagt von der öden Steinzeit-Debatte, der Jagd nach Körperlichkeit. Tiefgründig sollte er sein, höflich, häuslich und, na klar – gut aussehend! Wünschen sich Frauen den Mann als bessere Frau, oder wie? Was wollen wir Frauen eigentlich wirklich?

Hirn aus, Instinkt an

Mein Freundeskreis ist geteilter Meinung. Isa, Studentin, könnte sich mit der neuen Männlichkeit durchaus anfreunden: „Manchmal wünsche ich mir schon, mich ,flammend‘ an die Brust meines Freundes zu werfen. Schlussendlich ist mein Bedürfnis, vom Partner verstanden zu werden, immer größer. Andererseits kann ich es nachvollziehen, dass die ständige Selbstreflexion meines Gegenübers mich in den Wahnsinn treiben kann.“

Unentschlossen. Auf einen Kuss vom feinfühligen Mann muss man lange warten.
Unentschlossen. Auf einen Kuss vom feinfühligen Mann muss man lange warten.Foto: picture alliance / Sodapix AG

Selbstreflexion ist das richtige Stichwort. Das, weswegen es bei so vielen Dates beim bloßen Reden bleibt: Der Mann hat Schiss, etwas falsch zu machen. In seinem Kopf geht das Rattern los. Und während Frau darauf wartet, endlich von ihm überfallen zu werden, überlegt er noch, ob er sie überfordern oder ihr zu nahe treten könnte. Schließlich ist auch er in vergangenen Beziehungen verletzt worden, das hat Wunden hinterlassen.

Hirn aus, Instinkt an. Gerade das typisch Männliche ist es, was mich an Männern reizt. Dabei müssen sie mich gar nicht immer verstehen und zum neuen besten Freund mutieren. Ein männlicher Mann – genau darum geht es doch in sogenannten Frauengesprächen immer wieder. Vielleicht wollen wir ja doch beim Küssen an die Wand gedrückt werden, eine Beziehung mit einem starken, dominanten aber einfühlsamen Mann erleben, die dann jedoch auch schnell wieder vorbei sein kann.

„Der Mann von 1900 kann nicht mehr der Mann von heute sein“, findet meine Freundin Marlene. „Menschenbilder verändern sich. Vielleicht sind die Männer heute weicher, aber man kann heute auch viel bequemer leben. Mann muss sich nicht mehr alleine um die Familie kümmern, ein Haus bauen oder das Geld nach Hause bringen. Diese ,männlichen‘ Aufgaben sind geteilt. Das entmännlicht einen Partner aber doch keinesfalls!“ Das heißt, mit schwindender Verantwortung hat mein Freund also mehr Zeit, sich selbst zu reflektieren, zur Gitarre zu greifen und mir die berüchtigten Mixtapes aufzunehmen, die die Probleme unserer Beziehung darstellen sollen?

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