Wikileaks : Der Fall Assange: Wem das Kondom platzt

Was Schwedens Justiz dem Wikileaks-Gründer Julian Assange konkret vorwirft – und was Verschwörungstheoretiker behaupten.

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Wunsch nach Wahrheit. Wie hier in Melbourne protestierten am Freitag tausende Australier gegen die Inhaftierung von Assange.
Wunsch nach Wahrheit. Wie hier in Melbourne protestierten am Freitag tausende Australier gegen die Inhaftierung von Assange.Foto: AFP

Claes Borgström ist Anwalt der mutmaßlichen Vergewaltigungsopfer von Julian Assange. Nun richtet er anklagende Worte gegen die Presse und Assange. Die würden seine Mandantinnen bei dem, was sie durchmachen mussten, zutiefst kränken, sagt er. Seine Mandantinnen sind die inzwischen namentlich in Schwedens Medien genannte 31-jährige Anna A. und die 21-jährige Sofia W. Der Anwalt sagte: „Assange lügt, wenn er sagt, dass meine Klientinnen eine von den USA gesteuerte Verschwörung gegen ihn und Wikileaks eingehen. Er weiß ganz genau, dass sie nicht solche Verbindungen haben. Meine Mandantinnen sind zwei gewöhnliche schwedische Mädchen, die Assange für dessen Arbeit bewunderten. Nun stehen sie unter unglaublich starkem Druck, mit den Medien im Geleit und ständigen Anrufen.“

Bei dem kürzlich von einer schwedischen Berufungsinstanz auf „minderschwere Vergewaltigung“ herabgesetzten Verdacht gegen Assange geht es vor allem darum, dass beide Frauen – so gab es die Justiz bekannt – freiwilligen Sex mit ihm hatten. Beide Frauen hatten sich unabhängig voneinander jeweils aktiv um ein Treffen mit Julian Assange bemüht und zeigten ihm neben politischem Interesse an dessen Arbeit auch ihr sexuelles Interesse. Unbestritten ist auch, dass beide jeweils nach dem Sex mit Assange äußerst hilfsbereit Kontakt hatten. Eines der Opfer, Anna A., organisierte eine Party für Assange, das war am Abend nach dem Sex, schickte eine Message an ihre Freunde, ob sie beim Organisieren helfen könnten. Auch Sofia W., die sich um ein Date mit Assange in der Altstadt von Stockholm bemüht hatte, verbrachte mit Assange am Tag nach dem Sex bei ihr zu Hause einen romantischen einvernehmlichen Vormittag. All das ist durch SMS, Twittermeldungen und Mails der Frauen belegt. Ihnen war es wichtig, ihren Freunden – auch in den Tagen nach dem Sex – mitzuteilen, dass sie mit einem Prominenten in engem und gutem Kontakt stehen.

Wikileaks und Julian Assange
"Don't shoot the messenger" - oder gehört Assange endlich nach Schweden ausgeliefert, um sich in einem rechtsstaatlichen Verfahren den Vorwürfen sexueller Übergriffe zu stellen?Weitere Bilder anzeigen
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16.08.2012 14:48"Don't shoot the messenger" - oder gehört Assange endlich nach Schweden ausgeliefert, um sich in einem rechtsstaatlichen Verfahren...

Wenn das so ist, warum will ihn die schwedische Justiz wegen minderschwerer Vergewaltigung zur Rechenschaft ziehen? In beiden Fällen platzte beim Sex das Kondom. Beide Frauen trafen sich später und stellten folgerichtig fest, dass es seltsam war, dass Julian Assange ständig die Kondome platzten. Die beiden Frauen kamen zum Fazit, dass sie a) einen gemeinsamen Liebhaber hatten und b) dass Julian Assange die Kondome beim Beischlaf absichtlich eingerissen haben muss oder sie sogar schon zuvor einritzte, so dass sie platzen würden. Beide Frauen haben es erst nach dem Beischlaf bemerkt und gedacht, so etwas könne eben passieren. Als sie eine Systematik dahinter vermuteten, wurde es für sie zu einer Straftat. Der ersten Staatsanwältin reichten die vorgetragenen Vorwürfe nicht aus, sie ließ den Vorgang fallen. Dann trat die Staatsanwältin Marianne Ny auf, die als Feministin bekannt ist.

Assanges schwedischer Anwalt sagte, dass eine Auslieferung von Großbritannien nach Schweden höchst wahrscheinlich sei. Schwedens Außenminister Carl Bildt schloss seinerseits eine anschließende Auslieferung in die USA aus.

Julian Assange.
Julian Assange.Foto: dapd

Assange und viele seiner Mitstreiter sehen ein CIA-Komplott hinter den Anschuldigungen. Die Webseite „Question everything“ führt aus, dass eine der Frauen – Anna A. – Kontakte zu einer Anti-Castro-Gruppe habe. Sie habe ihre Abschlussarbeit in Politologie über die Opposition in Kuba verfasst. Dieser Text wurde in der Zeitschrift „Revista de Asignaturas Cubanas“ veröffentlicht, von der es heißt, sie werde von einer US-finanzierten Organisation herausgebracht, die von einem Mann geleitet werde, der CIA-Kontakte habe. Auch die Chefanklägerin, so heißt es da, habe Kontakte zu diesem Mann und einer antikubanischen Organisation.

Solche Verschwörungstheorien verdecken wohl eher, worum es in Wirklichkeit geht. In Schweden, wo die CIA-Story zwar zur Kenntnis genommen, aber wenig beachtet wird, gibt es zwei andere Theorien. Die eine ist sehr einfach. Danach geht es um einen privaten Konflikt zwischen Assange und den beiden Frauen, wobei er sich mutmaßlich falsch verhalten hat, weil er absichtlich – oder auch nicht – zweimal ein Kondom platzen ließ. Nach dieser Theorie gibt es keinerlei politischen Hintergrund und Gerichte müssen darüber befinden, ob es sich um eine minderschwere Vergewaltigung handelt oder nicht.

Es gibt aber noch eine Theorie, die viel Beachtung findet. Danach führen die Spuren der beiden Frauen in die feministische Fraktion der mächtigen Sozialdemokratischen Partei und deren Kreise. Anna A., die sich als Feministin betätigt, beschrieb in ihrem Blog in mehreren Stufen, wie man sich am effektivsten an einem Mann rächt. Den Beitrag vom Januar hat sie inzwischen entfernt. Genauso wie Twitterbeiträge, in denen sie von Julian Assange schwärmt.

In Schweden gilt seit 2005 ein neues Gesetz, das von einem erweiterten Vergewaltigungsbegriff ausgeht. In einer Erläuterung des Justizministeriums heißt es zwischen vielen Punkten unter anderem, es gelte als Vergewaltigung, wenn jemand eine andere Person beim Sex „auf unpassende Weise ausnutzt“.

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