Welt : Wo die Neurosen blühen

Keine andere Stadt hat so viele Psychologen wie Buenos Aires: In TV-Shows wird therapiert, am Kiosk gibt es Freuds Schriften, und jeder Taxifahrer kennt sie. Warum ist das so? Eine Analyse.

Karen Na,orf

Daniela Dimov sitzt an einem der kleinen quadratischen Tische im Café, mit dem Rücken zu den Touristen. Vor ihr liegt ein abgegriffenes, grünes Buch, „Sigmund Freud, Gesammelte Werke Band V“, daneben steht ein Becher mit Erdbeeren und Schlagsahne. Dimov ist eine junge Frau mit „muchos psis“, „vielen Psys“, wie es in Argentinien heißt: Die 24-Jährige studiert Psychologie, ihr Vater ist Psychologe und sie selbst geht seit sieben Jahren zur Psychoanalyse, einmal oder wenn’s mal stressig wird auch mehrmals pro Woche. Aufgewachsen ist sie in „Villa Freud“, einem Viertel von Buenos Aires, in dem die Straßen von Bäumen gesäumt sind, in dem es großzügige Plätze gibt und Cafés.

Seit ein paar Minuten hört sie den Touristen am Nebentisch zu, die darüber reden, dass Buenos Aires die höchste Psychologendichte weltweit hat. Wie sie sich fragen, warum das so ist. Und wie sie ihren Reiseführer zitieren: Das Café, in dem sie gerade sitzen, befinde sich im Stadtteil „Villa Freud“ nach Sigmund Freud benannt, weil es hier besonders viele Psychologen gebe.

Wenige Minuten später hat sich Daniela Dimov zu den Touristen gesetzt. Denn schüchtern, das sind die Porteños, die Bewohner von Buenos Aires, nun wirklich nicht. Die Touristen fragen und die Argentinierin erzählt: Vom Café „Sigi“, benannt nach Freud. Von ihren Freundinnen, mit denen sie sich über die Sitzungen beim „analista“ austauscht. Von ihrer Prüfungsangst, über die sie mit ihrer Psychologin spricht. Dass Psychoanalyse und Psychologie in Buenos Aires oft wie Synonyme behandelt werden. Davon, dass sie später gerne selbst eine Praxis hätte, so wie ihr Vater.

Dabei mangelt es an Psychologen in Argentinien schon jetzt nicht: 795 Psychologen kommen in Buenos Aires auf 100 000 Einwohner, das ist Weltspitze – in New York sind es nur 100, in Berlin gerade mal 25. Seit vier Jahrzehnten ist der Berufsstand in Argentinien im Aufschwung: 1975 gab es 5750 Psychologen, 1995 waren es 39 000, inzwischen sind es mehr als 63 000, die meisten spezialisiert auf Psychoanalyse.

Donnerstagabend, Prime Time in Canal 12, einem der wichtigsten TV-Sender in Argentinien. Wie jeden Abend fassen vier Moderatoren den Klatsch des Tages zusammen: „RSM“, „Resumen de los medios“, heißt die Sendung. Heute geht es darum, dass ein Heidibuch in der Türkei zensiert wurde, weil ihre Unterhose auf einem Bild zu sehen ist. Und um ein argentinisches Showgirl, das sich mit der Promiwelt im gesamten Land streitet, aber niemand weiß, warum.

„Ich habe mich auch schon mal mit einer Freundin gestritten und weiß nicht mehr, was sie mir getan hat“, sagt Moderatorin Mariana, eine zierliche Frau mit blonden langen Haaren und einer piepsigen Stimme.

„Rolón, das musst Du aufschreiben!“, ruft Co-Moderator Humberto und schaut nach rechts zum Bühnenrand.

Dort sitzt wenige Meter entfernt ein Mann mit silberner Brille auf einem Sessel, hält einen Block auf den Knien, eifrig macht er sich Notizen. Seine Kleidung ist dezent, Anzughose, Hemd, nichts, was an die Welt des Showbiz anknüpft. Und doch ist der Mann in Argentinien ein Star: Gabriel Rolón, Psychologe, zwei Mal pro Woche im Radio auf „Rock und Pop“ zu hören und immer donnerstags im Fernsehen bei „RSM“. Er gibt seinem Berufsstand ein Gesicht in Argentinien, ist der Prototyp des Psychologen. Sein Buch „Geschichten vom Diwan“ kam im August 2007 heraus und ist bereits in der 8. Auflage, 70 000 Exemplare sind schon verkauft. In den meisten Buchläden liegt es gleich neben der Kasse.

Rolón beobachtet die Moderatoren während der gesamten Sendung. Am Ende analysiert er ihr Verhalten. „Mariana, Du sagst, Du erinnerst Dich nicht daran, was Deine Freundin Dir getan hat“, sagt er ruhig. „Du implizierst damit gleich Deine Unschuld. Vielleicht wäre es besser zu sagen: Ich weiß nicht, warum wir uns gestritten haben." Mariana ruft zurück: „Rolón, aber ich tu doch keinem was, bestimmt nicht!“ Sie plinkert mit den Augen. Der Psychologe geht darauf nicht ein, wendet sich dem Co-Moderator zu, dem er diagnostiziert, Angst vor Frauen zu haben.

Am nächsten Tag in seiner Praxis sitzt Gabriel Rolón auf einem schweren Ledersessel. „Im Radio berate ich ernsthaft oder verweise die Anrufer an einen Psychologen, die Sendung ist länger. Im Fernsehen ist meine Figur eher humorvoll zu sehen, ich versuche, komplexe Dinge in die Umgangssprache zu übersetzen“, sagt er. Neben ihm steht die schwarze Le-Corbusier-Liege, auf der seine Patienten Platz nehmen. Darüber hängt ein gerahmtes Poster mit Picassos Kriegsgemälde Guernica: Das Bild, sagt Rolón, stelle für ihn das Innenleben seiner Patienten dar.

Seit er im Fernsehen zu sehen ist, klingelt in Rolóns Praxis ständig das Telefon, 45 Patienten hat er zurzeit. Eigentlich viel zu viele, und er habe keine Zeit für neue Fälle, aber es falle ihm schwer, abzusagen – „wahrscheinlich“ sagt der Psychologe, Spezialist für Neurosen, Psychosen, Perversionen und die mediengerechte Aufbereitung von Psychothemen, „wahrscheinlich habe ich einen Schuldkomplex“.

Er kann die Gründe für den Boom der Psychoanalyse in Buenos Aires nur erahnen. „Wir sind alle Einwanderer. Wer in Buenos Aires wohnt, dessen Eltern sind entweder vor der Armut im Inland geflohen oder vor dem Krieg, etwa aus Italien, Spanien oder Deutschland. Familie, Liebe, Heimat – vieles blieb zurück“, sagt Rolón, der aus einer armen Familie aus der Provinz kommt. Er ist in einem Holzhaus mit Blechdach aufgewachsen, die Mutter war Hausfrau, der Vater Zimmermann. „Wir kennen seit der Geburt den Verlust, die Abwesenheit, diese Melancholie ist Teil unseres Daseins, und wir versuchen, sie zu erklären.“

Buenos Aires wird gerne mit New York verglichen, wenn es um die große Zahl der Psychologen geht. Aber, sagt Rolón, es gebe einen wichtigen Unterschied: „Hier in Buenos Aires gehen die Leute jahrelang zum Psychologen, in den USA gibt es einen größeren Bedarf an kürzeren, fokussierten Therapien.“ Das liege auch in der Natur des Porteños: „Wir fragen immer nach dem Warum. Wenn es Zeit braucht, bis wir es finden, nehmen wir sie uns.“

Ob man Taxifahrer oder Hotelportiers in Buenos Aires nach Sigmund Freud oder Jaques Lacán fragt – die Grundzüge der Psychoanalyse sind den meisten Argentiniern geläufig. Viele Zeitungskioske verkaufen Freuds Schriften, die Tageszeitung Página12 hat jeden Donnerstag eine Doppelseite für „Psychologie“ reserviert, im Fernsehen gab es schon vor Jahren ein Reality-Format, in dem eine Gruppentherapie gefilmt wurde. Es ist schick, sich analysieren zu lassen. „Morgen Nachmittag kann ich nicht, da geh ich zum Psychologen“, sagte kürzlich Horacio zu Clara auf einer Party, das Martiniglas in der Hand. Anstatt peinlich berührt „aha“ zu sagen, fragte die Angesprochene, eine Köchin, interessiert zurück: „Was für einen hast du denn? Freudianer oder Lacanianer?"

„In manchen Kreisen ist es ungewöhnlich, nicht zum Psychologen zu gehen“, sagt Mario Molina, Präsident der APBA, des Psychologenverbandes in Buenos Aires. Er sitzt in seinem Büro, schaut freundlich, trägt ein kariertes Hemd und trinkt Kaffee au dem Plastikbecher. „Der Porteño beschäftigt sich gerne mit sich selbst, er ist wie eine melancholische Tango-Figur immer auf der Suche. Und ihm ist wichtig, was andere über ihn denken.“

Die Präsenz von Psychologie-Themen durch die Medien hat sich auch in der Sprache niedergeschlagen: „Du bist ja völlig neurotisch, die ist hysterisch, ich bin depressiv, er reagierte phobisch – so reden hier schon Kinder“, sagt Molina, „mit der klinischen Bedeutung hat das nichts mehr zu tun, das ist einfach Umgangssprache.“

Vielleicht liegt der Auslöser für den Boom noch gar nicht so lange zurück. Zwischen 1976 und 1983, in der Militärdiktatur, durfte man über vieles nicht reden, musste aufpassen, in wessen Adressbuch man stand, damit man nicht entführt und ermordet wurde. Also, sagt Molina, beschäftigten die Menschen sich lieber mit sich selbst – und mit ihrem Innenleben.

In Molinas Büro, immerhin im 5. Stock, hört man das Brummen der Autos und Busse, das immer wieder von kleinen und größeren Hupkonzerten überlagert wird. Typisch für die Innenstadt: Stau. Überfüllte U-Bahnen. Die Ampel an der 16spurigen „Avenida 9 de Julio“, der breitesten Straße der Welt, zählt die Sekunden abwärts, die man noch hat, um die andere Seite lebend zu erreichen. Die Züge in die Vororte sind oft kaputt. Es regnet rein, die Sitze sind herausgerissen, selbst Stehplätze gibt es zu wenig. Von A nach B zu kommen kann in Buenos Aires den letzten Nerv kosten.

„Hier in Argentinien ist nichts vorhersehbar: Wer weiß, wann der Zug kommt. Wer weiß, ob ich morgen noch Arbeit habe. Wer weiß, wie es mit der Inflation weitergeht“, sagt Molina. Vor allem durch die katastrophale Wirtschaftskrise 2001 sei das Gefühl der Unsicherheit gestiegen: Seitdem gebe es verstärkt Panikattacken, Bindungsprobleme, Phobien, Magersucht.

Das klingt nach Arbeit für die vielen Psychologen in Buenos Aires. Molina überlegt kurz, bevor er sagt: „Jedes Jahr kommen 3200 neue Psychologen von den Universitäten dazu. Arbeit gibt es, aber mich beunruhigt die Ausrichtung der Absolventen.“ Argentinien brauche Psychologen in den Vororten, die sich mit Themen wie familiärer Gewalt oder Drogen beschäftigten, „nicht noch mehr Analytiker für die gebildete Mittelschicht.“

Anfang des Jahres, wenn auf der Südhalbkugel der Erde Sommer ist, verkaufen sich Bücher, die Psychothemen behandeln, besonders gut. Im Urlaub haben die Leute mehr Zeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Und so ist Gabriel Rolón, der Fernsehpsychologe, gerade überall in der Stadt zu sehen, in Anzeigen, als Werbung für sein Buch. Eigentlich analysiere er seine Patienten nur und mische sich nicht in ihr Privatleben ein. Aber einmal habe er so sogar eine Ehe gerettet, allein durch seine Medienpräsenz.

„Ein Patient saß in einem Café, er war verheiratet und wollte gerade eine Frau anrufen, mit der er flirtete.“ Eine Affäre war im Anmarsch. Sein Patient, sagt Rolón, hatte schon die Nummer gewählt. Dann aber kam ein Bus vorbei, mit einer Werbung für Rolóns Buch, darauf das Gesicht des Psychologen. Und sein Patient fuhr nach Hause. Zu seiner Frau.

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