Wohnen : Wie der Buddha ins Bad kam

Würden sich Thais, Inder oder Chinesen ein schmuckes Kruzifix übers Klo hängen? Eher nicht. Warum stellen sich dann viele Deutsche auf einmal Buddha-Figuren ins Haus?

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Fragwürdiges Accessoire: Buddha-Statue in deutschem Badezimmer
Fragwürdiges Accessoire: Buddha-Statue in deutschem BadezimmerFoto: picture-alliance/beyond/Junos

Ein Jahr ist es her, da fiel er mir in einem billigen und ziemlich verkramten Geschäft zuerst auf. Dieser Laden bot auf zwei Etagen praktisch alles für den Haushalt, Notwendiges wie Dekoratives. Zwischen Töpfen, Weinregalen, Kissen, Besen, Vasen, Gartenfackeln, Werkzeugkoffern, Duftkerzen und Deckenflutern stand da also: ein Buddhakopf. Seine Lippen hatte der Erleuchtete zu einem Lächeln verzogen, die Ohrläppchen hingen tief herunter, mit halb verschlossenen Augen blickte er mich an. Wahrscheinlich war die schwarze, 20 Zentimeter hohe Büste aus Kunststein oder Ton gefertigt, so genau weiß ich es nicht mehr.

Sehr viel besser erinnere ich mich daran, wie mich dieser Buddha in den Wochen danach verfolgte. Man muss dazu sagen, dass ich vor anderthalb Jahren in eine größere Wohnung gezogen bin und mich bei dieser Gelegenheit neu eingerichtet habe. Und so besuchte ich Möbelhäuser, Baumärkte, kleinere Einrichtungsläden und diverse Internetseiten. Und dabei begegnete er mir immer wieder: mal schlanker, mal bedenklich übergewichtig, mal in Weiß und mal in Gold, mal jünger, mal greisenhaft und mal alterslos, mal aus Holz und mal aus Metall gefertigt, mal fürs Regal und mal für den Rand des Gartenteichs bestimmt, mal im Lotossitz und in Meditation versunken, dann wieder bloß als Büste, und schließlich stehend oder liegend auf Postern, Reliefs und safranfarbenen Leinwanddrucken.

Allein der Otto-Versand, um nur ein Beispiel zu nennen, bietet 26 verschiedene Buddha-Figuren an (buddhistische Mönche nicht mitgezählt), vom Modell „Happy Buddha“ über den „Lachenden Buddha“ bis zum „Ruhenden Buddha“ sowie Buddhas aus den Kollektionen „Wohntraum“, „Casa“ und „Home Affaire“. Es handelt sich zwar noch nicht um ein Massenphänomen, aber fest steht: Gut 2400 Jahre nach Siddhartha Gautama zieht der weise Mann aus Asien in immer mehr deutsche Häuser und Gärten ein.

Klar, könnte man sagen, der Buddhismus erfreut sich hierzulande ja auch uneingeschränkter und zudem wachsender Beliebtheit. Der Dalai Lama hat den Status eines Popstars, füllt Hallen und Stadien. Sind die Buddhas also Teil einer Sinnsuche, die den Westen nach Jahrhunderten der Säkularisierung erfasst hat? Stehen sie für eine neu erwachte Spiritualität? Ich glaube nicht. Jedenfalls wäre es die erste religiöse Bewegung, die ihren Anfang in Obi- (Steinzeug-Buddha, witterungsbeständig, 49,99 Euro), Roller- (Dekofigur, 15 cm hoch, 5,99 Euro) und Butlers-Filialen (Buddha mit Teelichthalter, 29,90 Euro) genommen hat.

Man könnte die Buddhas auch als Zeichen des heraufziehenden asiatischen Jahrhunderts deuten, in dem sich die alten kulturellen Kräfteverhältnisse umkehren. Die meisten Asiaten wohnen heute nicht mehr in traditionellen Häusern und richten sich eher westlich ein; gerne spotten Westler darüber, dass man in Asien westliches Kulturgut ohne Verständnis für den Inhalt importiere – auf die Idee, Deko-Kruzifixe an die Wand zu hängen und Marienstatuen in den Schrank zu stellen, dürfte aber noch kaum jemand gekommen sein zwischen Delhi und Tokio.

Gegen die Theorie von der neuen kulturellen Dominanz Asiens spricht allerdings, dass das Buddha-Phänomen im Kern so neu gar nicht ist. Im 18. Jahrhundert gab es eine Zeit, während der in Europa alles Fernöstliche als letzter Schrei galt, Porzellan zum Beispiel oder Möbel und Tapeten im chinesischen Stil. Das ging so weit, dass man ganze Gebäude in eben jenem Stil errichtete. 1790 wurde in München der Chinesische Turm fertiggestellt, und bereits von 1755 bis 1764 hatte Friedrich der Große das Chinesische Haus im Park Sanssouci bauen lassen. Chinoiserie nannte man diese Mode. Sie gründete einerseits auf der Begeisterung für fremde Ästhetik, andererseits auf einem verklärten Bild von China. Das Kaiserreich galt vielen Aufklärern, nicht zuletzt Friedrichs langjährigem Vertrauten Voltaire, als Utopia: ein nicht christliches, friedliches und hochzivilisiertes Land, regiert von gelehrten Beamten. Was man sich selbst wünschte, das projizierte man aufs Fremde.

So furchtbar viel hat sich seit dem Exotismus jener Tage nicht verändert. Außer vielleicht der Geschwindigkeit, mit der kulturelle Versatzstücke mittlerweile um die Welt reisen und Tausende Kilometer von zu Hause entfernt eine neue Bedeutung erlangen. Hinzu kommt: Damals war es eine kleine Elite Adeliger und gebildeter Bürger, die Trends kreierte und sich exklusive, chinesisch inspirierte Gegenstände entwerfen ließ. In den demokratisch-kapitalistischen Gesellschaften der Gegenwart, im Zeitalter der industriellen Reproduzierbarkeit, entscheiden dagegen die konsumierenden Massen. Und die wünschen sich offenbar Buddhas. Und zwar auffällig oft fürs Badezimmer.

Um zu diesem Schluss zu kommen, muss man nicht mal sogenannte Wellness-Oasen besuchen, die häufig mit Buddhas dekoriert sind. Es reicht ein Blick auf wandtattoo4all.de. Wandtattoos sind ebenfalls ein Deko-Trend, großflächige Aufkleber, die als Schmuck angebracht werden und sich leicht wieder ablösen lassen. In der Kategorie Badezimmer finden sich auf der erwähnten Internetseite gleich zwei Buddha-Bilder – inmitten anderer Motive, die vielsagende Titel wie „Pipi Lounge“, „Seepferd“, „Aufhübschzone“ oder „WC Deckel Aufkleber Stinktier“ tragen. Zum Motiv „Relax“ heißt es dort übrigens: „Schöne Weisheit von Konfuzius für die Wand: Relax. In der Ruhe liegt die Kraft“.

Der Frauensender Sixx bewirbt sein wöchentliches „Sixx Magazin“ – laut dem TV-Kanal eine Mischung aus „Lifestyle, Beauty, Wellness und Service“ – mit den denkwürdigen Worten: „Von A wie Abschminken bis Z wie Zen-Buddhismus“. Schwer vorstellbar, dass Sixx auch Sendungen „von A wie Apostolische Gemeinschaft bis Z wie Zupfen der Augenbrauen“ zeigen würde.

2002 kam es in Schweden sogar zum Eklat, weil sich in einer Ikea-Broschüre eine goldene Klobrille mit einem meditierenden Buddha darauf fand. „Entwerfe die schönste Toilettenbrille selbst!“ stand darüber. Tausende Gläubige protestierten – allerdings Hindus, die sich nicht nur über die Verwendung des Buddhas ärgerten, den sie auch verehren, sondern vor allem darüber, dass dieser im Begleitartikel als Hindu-Gottheit Shiva bezeichnet wurde.

Dass sich sonst wenig Widerstand gegen die Buddhas in der Toilette regt, mag an der großen Friedfertigkeit liegen, die man dem Buddhismus so gerne nachsagt. Und friedfertig mag er ja auch sein, zumindest im Vergleich mit anderen Religionen, was „aber nicht bedeutet, dass nicht auch mit Argumenten aus dem Buddhismus Gewalt gerechtfertigt worden wäre“, wie der Münchner Religionswissenschaftler Michael von Brück schreibt.

Die klischierte Vorstellung von buddhistischer Harmonie, Sanftheit und Ruhe ist es wohl auch, die selbst Leute, die wenig bis gar nichts vom Buddhismus wissen, veranlasst, sich Buddhas ins Bad zu stellen. Noch stärker als andere Wohnräume oder ein Garten ist das Badezimmer ein Rückzugsort – und wird es immer mehr: Früher hielt man sich dort so lange auf, wie es eben sein musste, in jüngster Zeit geht der Trend hin zu größeren, komfortableren Bädern, in denen man durchaus Zeit verbringen möchte. Und lehrt nicht der Buddhismus „den Blick nach innen, mittels einer durch meditative Schulung völlig konzentrierten und gebündelten Aufmerksamkeit“, wie es bei von Brück weiter heißt? Und hat nicht das Bad in einer Wanne etwas Meditatives, Beruhigendes? Und ist der Buddhismus nicht beheimatet, wo auch Wohltuendes wie Ayurveda und Feng Shui entstand?

So glaubt der moderne westliche Mensch am anderen Ende der Welt zu finden, was er dringend sucht: Entschleunigung und Muße, vulgo Wellness. Dass er dafür kulturelle Anleihen ausgerechnet in Asien nimmt, dem Kontinent mit der derzeit größten Beschleunigung, ist natürlich ein Treppenwitz der Geschichte. Und dass für flauschiges Wohlbefinden im Schaumbad eine Religion Pate steht, die Leben als Leiden begreift und das Ende aller Begierden idealisiert, entbehrt auch nicht der Ironie.

Als sich Arbeiter im 19. Jahrhundert in ihren Schrebergärten einrichteten, stellten sie Tonzwerge auf – womöglich eine Reminiszenz an die beim Adel beliebten Gnom-Figuren aus Stein. Die Zwerge wurden zum Symbol für die Sehnsucht nach einer kleinen heilen und sehr gemütlichen Welt, einer Scholle, auf die man sich nach der harten körperlichen Arbeit des Industriezeitalters zurückziehen konnte. Vielen gelten sie deshalb als piefig, ein Schicksal, das dem Buddha vielleicht noch bevorsteht. Noch repräsentiert er eine Gemütlichkeit, die perfekt in unsere Zeit passt, nicht nur, weil sie so international daherkommt. Denn in große wie kleine „Wellness-Oasen“ flüchten sich Menschen vor dem Stress und anderen Zumutungen der globalisierten Welt. An ihrer Seite: Buddha, der postmoderne Gartenzwerg.

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