Welt : Zaubern: Großer Effekt, einfaches Prinzip

Andreas Oswald

Vielleicht war es eine Märchenprinzessin aus Samarkand, die Copperfield ein paar Jedi-Ritter zur Hilfe schickte, vielleicht hat die Lottofee die Kugeln manipuliert, nachdem der Magier ihr in die Augen geblickt hat, vielleicht sind ihm die Zahlen auch einfach nur im Traum erschienen. Oder hatte er die Zahlen mit Zitronensäure aufs Blatt geschrieben, die auf Stimmen reagiert und sich zu neuen Zahlen formt? Oder hat das Pentagon eine völlig neue Waffe ausprobiert?

Ein Millionenpublikum sah am Samstagabend bei Gottschalk, wie der Magier David Copperfield angeblich die Lottozahlen richtig vorhergesagt hat.

Wie macht der das? Zauberkünstler, die die Show zu Hause im Fernsehen sahen, brachen in Gelächter aus. Ist es so einfach?

Copperfield, noch bis Dezember auf Deutschland-Tour, war aus seiner Vorstellung in München zugeschaltet. Er hat die Lottozahlen bereits am 17. Februar richtig "vorhergesagt". Sie standen auf dem Zettel mit Gottschalks Unterschrift, den der Zauberer vor den Augen der Zuschauer entfaltete.

Das mit Filzstift beschriebene Papier war zusammen mit einem von Copperfield besprochenen Tonband mit den Lottozahlen vom 13. Oktober in einem versiegelten Kästchen aufbewahrt worden. Es war zusätzlich in einem Plexiglas-Behältnis eingeschlossen und von einem Sicherheitsexperten mit Schäferhund bewacht worden. Die Öffnung überwachte ein Notar.

Copperfield gewann Zeit, indem er eine Frau aus dem Publikum auf die Bühne holte. Seine angeblich im Februar aufgenommene Tonbandstimme sagte sogar, dass er bereits gewusst habe, dass die Mitspielerin einen pinkfarbenen Pullover trage und ihre Mutter am 12. Juli Geburtstag habe. Gottschalks Kommentar zu Copperfields Lotto-Trick: "Warum er noch zaubert, wenn er die Lottozahlen voraussagen kann, weiß ich nicht."

Wolfram von Bodecker, Zauberkünstler in Berlin, der das Theatre Mimo Magique betreibt, sträubt sich wie die meisten seiner Zunft, Copperfields Trick zu verraten. Nur soviel sagt er: "Je größer der Effekt, desto einfacher ist meist das Prinzip."

Eine Absage erteilte von Bodecker der Erklärung, die der angebliche Zauber-Experte Robert Rau in der "Bild am Sonntag" lieferte. Rau hat in seinem Buch "Copperfield & Co." angebliche Kniffe Copperfields beschrieben. Seinen Trick mit den Lottozahlen will Rau damit erklären, dass ein Mitarbeiter Copperfields durch eine Öffnung im Bühnenboden über einen Teleskoparm den präparierten Boden der Truhe öffnete und den Zettel durch einen anderen mit den richtigen Lottozahlen ersetzte. Das sei geschehen, als Copperfield die Zuschauer ablenkte, indem er eine Frau auf die Bühne holte. Die Unterschrift von Gottschalk sei einfach kopiert worden.

Dass Copperfield das Publikum ablenkte, ist offenkundig. Das macht die Erklärung Raus aber noch nicht plausibel. Eine solche Aktion wäre sehr aufwendig. Außerdem sind nicht alle Zuschauer abgelenkt.

Ablenkung von der Ablenkung

Vielmehr könnte es sein, dass Copperfield den Eindruck erwecken wollte, er wolle das Publikum ablenken, tat es aber gar nicht. Wenn das Publikum denkt, es sei an einer bestimmten Stelle abgelenkt worden, kommt es nicht auf die Idee, an der richtigen Stelle aufzupassen. So kann die große Ablenkung eine übergeordnete Ablenkung von der kleinen Ablenkung sein. Von Bodecker weist darauf hin, dass komplizierte angebliche Erklärungen Teil des ganzen Spiels sein können, das die Zuschauer verwirrt.

Alle glauben, dass es sich um eine gigantische Täuschung handeln muss. Dabei würde ein kleiner Trick völlig ausreichen. Wie oft hat uns als Kind ein Zauberer damit beeindruckt, wenn er ein kleines Taschentuch aus der Hand hervorzauberte? Ein Zauberer kann auch einen Zettel hervorzaubern. Das ist nicht die schwerste der Übungen.

Andre Kursch, ein anderer Berliner Zauberer, verrät zwar auch nicht Copperfields Trick, steht dem Inszenierungsspiel des großen Magiers aber bei, indem er auf Nachfrage behauptet, den tollen Trick könne man für Geld in den USA kaufen. So lenkt jedes kleine Geschichtchen über die Tricks vom Trick ab und trägt zur Verzauberung des Publikums bei.

Kursch sagt, jeder könne den Trick anwenden, aber nicht jeder könne ihn so gut verkaufen wie Copperfield.

Wie schön, dass wir den Trick nicht erfahren. Wie groß wäre die Enttäuschung, wenn wir wüssten, wie einfach wir zu täuschen sind. Copperfield selbst sagt: "Sich abends ins Bett legen, sich konzentrieren, fest an sich glauben und einschlafen. Wenn man mitten in der Nacht erwacht, sofort die Zahlen aufschreiben."

So einfach ist es auch wieder nicht.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben