• Zurück an den Herd?: Traditionelle Geschlechterrollen werden wieder beliebter

Zurück an den Herd? : Traditionelle Geschlechterrollen werden wieder beliebter

Männer bringen das Geld nach Hause, Frauen kümmern sich um Haushalt und Kinder. Wissenschaftler erklären nun, warum immer mehr Männer und Frauen finden, es sei genug für die Gleichstellung getan worden.

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Klassisches Rollenbild: Die Frau kümmert sich um Haushalt und Kinder.
Klassisches Rollenbild: Die Frau kümmert sich um Haushalt und Kinder.Foto: dpa

Viele Artikel, empörte Aktivisten und hitzige Diskussionen im Internet: Die Studie „Wie tickt der Mann?“, die das Allensbacher Institut für Demoskopie in dieser Woche veröffentlichte, hat Aufsehen erregt. Anlass für die Empörung gab vor allem ein Ergebnis: Fast zwei Drittel der Männer (64 Prozent) findet der Studie zufolge, dass es mit der Gleichberechtigung der Frauen mittlerweile reicht. Mehr als jeder vierte Mann findet sogar, in den vergangenen Jahren sei mit der Gleichstellungspolitik übertrieben worden.

Dass das Ergebnis überraschend ist, zeigt ein Blick in frühere, vergleichbare Umfragen. 1996, ebenfalls in einer Allensbach-Umfrage, sagten nur 44 Prozent der Männer, die Gleichstellung von Mann und Frau sei in Deutschland „weitgehend verwirklicht“. 2008 waren es mit 42 Prozent ähnlich viele. Die „Es-reicht-mit-der-Gleichstellung!“-Fraktion ist also in kurzer Zeit um gut zwanzig Prozentpunkte gewachsen. Und, ebenfalls überraschend: Auch bei den Frauen wächst diese Fraktion. Zwar fühlt sich der aktuellen Allensbach-Umfrage zufolge immer noch jede zweite Frau nicht gleichberechtigt. 2008 und 1996 allerdings waren es 72 Prozent – also ebenfalls gut 20 Prozentpunkte mehr.

Ist es zwischen den Geschlechtern gerechter als früher?

Daraus ließe sich nun schlussfolgern: In Deutschland geht es zwischen den Geschlechtern gerechter zu als früher. Zahlen des Statistischen Bundesamts belegen anderes: Im Jahre 2013 verdienen Männer deutlich mehr als Frauen. Der männliche Durchschnittslohn ist um 22 Prozent höher. Männer gelangen eher in die Chefetagen. Nur vier Prozent aller Vorstands- und 13 Prozent aller Aufsichtsratsposten in den 200 größten deutschen Unternehmen sind von Frauen besetzt. Im Gegenzug sind bei denen, die ganz wenig verdienen, die Frauen klar in der Mehrheit.

Wieso sich dennoch weniger Frauen und Männer darüber empören als früher, dafür haben Wissenschaftler andere Erklärungen. Die gestiegene Zufriedenheit sei nicht darauf zurückzuführen, dass es in Deutschland gerechter zugehe, sondern darauf, dass sich weniger Menschen über die Ungerechtigkeit empören. „Traditionelle Geschlechterrollen werden in Teilen der Gesellschaft wieder beliebter“, sagt die Bochumer Soziologieprofessorin Katja Sabisch. Dies zeige sich etwa an zuletzt eingeführten familienpolitischen Leistungen wie das von der noch amtierenden schwarz-gelben Regierung eingeführte Betreuungsgeld. Dieses steigere die Wahrscheinlichkeit, dass ein Elternteil nicht oder nur in geringem Umfang arbeitet – in der Regel die Frau. „Das ist ganz klar ein Schritt zurück zum traditionellen Familienbild.“ Außerdem gebe es mittlerweile zunehmend Müdigkeit und Ablehnung für klassische Gleichstellungsthemen, weil diese nicht sachlich diskutiert würden. „In der Diskussion um die Frauenquote wurde ständig der Eindruck erweckt, sie benachteilige Männer. Dabei stimmt das gar nicht“, kritisiert die Soziologin. Der Tübinger Soziologe Reinhard Winter stimmt dem zu. „Die Debatte um die Quote wurde einfach als Gleichmacherei abgeschmettert.“

Der Männerforscher hat noch eine weitere Erklärung für die zunehmende männliche Ablehnung von Gleichstellungspolitik. Viele Männer plagten Nöte, die im gesellschaftlichen Diskurs keine Rolle spielen. Ein gutes Beispiel dafür sei die Gesundheitspolitik. Männer sterben etwa sieben Jahre früher als Frauen, die Zahl der Todesfälle am Arbeitsplatz ist bei Männern sehr viel höher, wie auch ihre Selbstmordrate. Aufgegriffen würden solche Probleme aber nicht, sagt Winter. Hinzu komme, dass sich viele Männer von traditionellen Erwartungen unter Druck gesetzt fühlten. Viele dächten immer noch, sie müssten allein ihre Familie ernähren. „Wer das nicht schafft, der hält sich oft für einen Versager.“ Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch die Allensbach-Studie. 71 Prozent der Männer gaben dort an, von ihnen werde erwartet, für den Familienunterhalt zu sorgen. Allerdings stimmen dem nur 60 Prozent der Frauen zu. Auch Erfolg im Beruf und Durchsetzungsstärke bei Männern finden Frauen weniger wichtig, als die Männer das selbst glauben. „Diesem eingebildeten Erwartungsdruck muss man entgegenwirken“, sagt Winter.

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