20 Jahre Treuhandgründung : Eine Frage des Vermögens

Sie haben das Ende der DDR vorausgesagt. Und einen Plan zur Verwandlung von Volkseigentum in Privateigentum entworfen, den Vorläufer der Treuhandanstalt, die am 17. Juni 1990 ins Leben gerufen wurde. Heute sagen die beiden Forscher: Es wird bald wieder eine Zeitenwende geben.

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Die Privatisierungsmaschine. Heute vor 20 Jahren entstand die Treuhand. Hier eine Pressekonferenz von 1990. In der Mitte der später ermordete Präsident Detlev Rohwedder.
Die Privatisierungsmaschine. Heute vor 20 Jahren entstand die Treuhand. Hier eine Pressekonferenz von 1990. In der Mitte der...Foto: dpa

Sie standen weit vorn, am Bug der Gegenwart sozusagen, und was sie sahen, war, noch weit hinter dem Horizont: die Zukunft. Sie wandten sich um, setzten sich an einen Tisch, der rund war, setzten die Besatzung in Kenntnis und setzten Segel, und schnell standen sie wieder auf und gingen abermals nach vorn. Doch die Zukunft war weg, überholt, sie lag nun hinter ihnen, sie war plötzlich Vergangenheit geworden. Sie mussten konstatieren: Die Gegenwart war viel zu schnell. „Ja, so dynamisch war das damals“, sagt Doktor Matthias Artzt. „Ja, schwindelerregend“, sagt Doktor Gerd Gebhardt. Ist heute wieder so.

Artzt und Gebhardt haben einst die Treuhand erfunden. Im Januar und Februar 1990 dachten sie darüber nach, wie die DDR-Wirtschaft und die BRD-Wirtschaft ineinander aufgehen könnten. Dass die beiden Wirtschaften dies tun würden, war ihnen klar, sie sahen das kommen, unweigerlich, zu einer Zeit, als die allermeisten anderen in Ost-Berlin und der übrigen DDR noch an eine Zukunft auf getrennten Wegen glaubten. Sie schrieben ihre Erfindung auf ein Blatt Papier und legten sie am 12. Februar 1990 auf den Runden Tisch. Und einen Tag später schon sahen Artzt und Gebhardt, dass die Gegenwart über sie hinweggerast war, sie war schneller gewesen als ihre Gedanken. Mit dem, was die DDR-Volkskammer schließlich am 17. Juni 1990, vor 20 Jahren, als „Gesetz zur Privatisierung und Reorganisation des volkseigenen Vermögens (Treuhandgesetz)“ beschloss, hatte ihre Erfindung dann nicht mehr viel zu tun.

Die Treuhandanstalt: 12.000 verwaltete Unternehmen, 8000 davon privatisiert und kommunalisiert, 4000 liquidiert. Vier Millionen verwaltete Arbeitsplätze im Jahr 1990, Ende 1994 – am Auflösungstag der Anstalt – eineinhalb Millionen privatisierte. Privatisierungserlöse: 60 Milliarden D-Mark. Ausgaben: weit mehr als 300 Milliarden. Und, auch das gehört zur Treuhand-Bilanz, ein ermordeter Verwaltungsratsvorsitzender und Präsident. Detlev Karsten Rohwedder.

Artzt und Gebhardt sitzen in einer Wohnung in der Berliner Chausseestraße. Es sind die Tage, nachdem die Euro-Länder sich auf einen Rettungsplan für Griechenland geeinigt haben. Wieder also – so wie 20 Jahre zuvor die DDR – stand ein Staat vor der Zahlungsunfähigkeit, wieder handelten Regierungen schneller, als Gedanken gedacht werden konnten, wieder rast die Gegenwart. So sehr, dass sie gar nicht da zu sein scheint.

Diese Wohnung hier ist selbst so ein merkwürdig gegenwartsloser Ort. Sie liegt in einem unscheinbaren Haus in einer Straße, die eine Durchfahrtsstraße ist und die nur eine Vergangenheit und eine Zukunft zu haben scheint. Ein paar hundert Meter südlich liegt die einst prominenteste Chausseestraßenadresse, die Hausnummer 131. Wolf Biermann lebte hier, als er noch DDR-Bürger war; wer damals Chausseestraße sagte, meinte Biermann. Im Norden steht der Rohbau für die künftige Zentrale des Bundesnachrichtendienstes. So gigantisch, dass jetzt schon absehbar ist: Wer künftig Chausseestraße sagen wird, wird den Geheimdienst meinen. Wer heute Chausseestraße sagt, meint gar nichts.

Es ist Abend, Artzt und Gebhardt sind müde. Sie haben einen Arbeitstag in Potsdamer Ministerien hinter sich. Artzt – er trägt Hausschuhe, er ist der Gastgeber – arbeitet im Ministerium für Wirtschaft, Gebhardt in dem für Infrastruktur und Landwirtschaft. Als sie dann aber anfangen, sich zu erinnern, daran, wie es vor 20 Jahren war, als sie sich mit ihren fünf Mitstreitern in dieser Wohnung trafen und sich Gedanken machten und nach vorn sahen, als sie erzählen, was das alles mit heute zu tun hat, weiten sich ihre Augen. Es gibt so viel zu sagen, dass beide am liebsten gleichzeitig sprechen würden, was aber nicht geht, denn dann verstünde man ja nichts. Also sprechen sie einzeln und schnell und fallen sich gegenseitig ins Wort. „Ich möchte wenigstens zwei Aspekte ergänzen ...“, sagt Gebhardt, „... lass mich doch mal zu Ende“, sagt Artzt.

Dass die beiden Männer Dinge sehen, die andere Menschen nicht sehen, liegt an der Art und Weise, mit der sie auf die Welt schauen. Sie sind Anhänger der Lehre von der Selbstorganisation. Selbstorganisation ist so eine Art Spezialisierungsrichtung der Systemtheorie, sich selbst organisierende Systeme findet man in der Chemie, in der Biologie und Physik und in Gesellschaften. Die Grundannahme: Chaos und Turbulenz sind Ursache von Ordnung. Chaos und Turbulenz. Als es mit der DDR zu Ende ging, waren Artzt und Gebhardt in ihrem Element.

Artzt ist 59 Jahre alt und Verfahrenstechnik-Ingenieur, er promovierte als Mathematiker, arbeitete an der Akademie der Wissenschaften der DDR, studierte dann noch Theologie und Philosophie. Gebhardt ist 60, Physiker und Naturphilosoph, er forschte an der Berliner Humboldt-Universität. 1982 hat er angefangen, an seiner Dissertation zu arbeiten, und festgestellt, dass die DDR höchstwahrscheinlich 1988 aufhören wird zu existieren. So deutlich konnte er das damals aber nicht sagen. Gebhardt nahm seine Wissenschaftlersprache und sagte: Was eintreten wird, ist eine Bruchstelle in der Evolution.

Forscherrunde. Matthias Artzt (Mitte) mit Gerd Gebhardt (ganz rechts) und drei weiteren Kollegen in seiner Wohnung in der Berliner Chausseestraße.
Forscherrunde. Matthias Artzt (Mitte) mit Gerd Gebhardt (ganz rechts) und drei weiteren Kollegen in seiner Wohnung in der Berliner...Foto: privat

Damals also, als die DDR an ihre evolutionäre Bruchstelle gekommen war, passierte Folgendes: Turbulenz und Chaos und Taumel und sich selbst organisierende Kräfte begannen, an einer neuen Ordnung zu arbeiten. Bundeskanzler Helmut Kohl gehörte zu den Ersten. Er hatte Ende November einen damals waghalsig erscheinenden „10-Punkte-Plan“ entworfen. Der Plan, obwohl er im Grunde nur eine Vertragsgemeinschaft der beiden Länder in Aussicht stellte, bestenfalls eine Konföderation, gab aus heutiger Sicht den Weg zu einer schnellen deutschen Einheit vor. Artzt und Gebhardt sahen das damals schon so, „Evolutionsprozesse sind an Weggabelungen blind“, sagt Gebhardt, „dort laufen sie nicht auf ein bestimmtes inhaltliches Ziel zu. Aber danach eröffnen sie eine bestimmte neue Bahn, und wenn sie einmal im Gange sind, dann entfalten sie eine beispiellose Wucht.“ Kohl, das wussten sie womöglich besser als er selbst, hatte etwas angestoßen, was nicht mehr aufzuhalten war.

Anfang Januar 1990 sagte der US-amerikanische Präsident George Bush senior, er habe nichts gegen eine deutsche Einheit einzuwenden. Es sollte aber eine Einheit im Sinne des bundesdeutschen Grundgesetzartikels 23 sein, ein Beitritt der DDR zur BRD, ein Anschluss. Damit war eine Wiedervereinigung im Sinne des Grundgesetzartikels 146 ausgeschlossen, der für irgendwann und sehr allgemein – und damit auch für den Fall einer Wiedervereinigung – eine neue Verfassung vorsah. Nun kannte aber das bundesdeutsche Grundgesetz die DDR-Rechtskonstruktion „Volkseigentum“ nicht. Dieses Volkseigentum also, dachten Artzt und Gebhardt, musste umgewandelt werden in etwas, was dieses Grundgesetz kannte. Privateigentum. Artzt und Gebhardt dachten an Anteilsscheine für jeden DDR-Bürger. Das war der zentrale Punkt.

Sie schrieben das auf, gemeinsam mit dem mittlerweile gestorbenen Theologen Wolfgang Ullmann, dem Dritten im Bunde. Der Runde Tisch, jenes Gesprächsgremium aus Bürgerrechtlern, Oppositionellen und DDR-Regierung, akzeptierte die Idee und empfahl die sofortige Gründung einer Treuhandgesellschaft, die Gründung eines Nachlassverwalters gewissermaßen, der sich um die Abwicklung dieser Volkseigentums-Privateigentums-Transformation kümmern sollte.

In der Zwischenzeit war aber auch noch etwas anderes passiert. Horst Köhler, ein Staatssekretär im Bonner Finanzministerium, beauftragte Thilo Sarrazin, den Leiter des Ministeriumsreferats Nationale Währungsfragen, damit, ein Konzept für die schnelle Einführung der D-Mark in der DDR zum Kurs 1:1 zu erarbeiten. Der tat das, Köhler überzeugte Finanzminister Theo Waigel, und der wiederum Kohl. Wirtschaftswissenschaftler warnten davor, doch Kohl sah offenbar keine andere Möglichkeit, den Auswandererstrom aus der DDR zu bremsen. Am 13. Februar setzte er den DDR-Ministerpräsidenten Hans Modrow von dem Konzept in Kenntnis. Die Sache war in der Welt, einen Tag nach Artzts und Gebhardts Treuhandanstaltsidee, wiederum mit Wucht, nicht aufzuhalten. Das stärkere System hatte sich durchgesetzt.

Es hatte sich durchgesetzt um den Preis, dass die DDR-Wirtschaft vom Tag dieser Währungsunion an wertlos sein würde. Weil sie keine Kunden mehr finden würde, die bereit wären, für ihre Produkte mit D-Mark zu zahlen.

Artzt und Gebhardt wussten das, sie hatten hier einen Informationsvorsprung vor den Bonner Ministerialen, sie kannten die DDR-Wirtschaft schließlich. Die volkseigenen Grundstücke würden zwar immer noch einen Wert haben, aber die volkseigene Industrie eben nicht mehr. Das DDR-Vermögen würde halbiert, und die Anteilsscheinidee damit auch. Endgültig begraben wurde sie dann am 17. Juni von der Volkskammer. Die Schaffung von ostdeutschem Privateigentum sah das Gesetz nicht mehr vor.

Doch halt, alles viel zu schnell, noch mal zurück. Staatssekretär Köhler?

Seit dem letzten Treffen mit Matthias Artzt und Gerd Gebhardt sind ein paar Wochen vergangen. Die Euro-Länder haben sich in der Zwischenzeit auf einen Rettungsplan für jene unter ihnen geeinigt, die wegen ihrer Schulden handlungsunfähig werden könnten. Und am Tag zuvor ist der Bundespräsident zurückgetreten.

Diesmal trägt Gebhardt Hausschuhe, an diesem Tag ist er der Gastgeber. Wir müssen über Köhler reden.

„Nehmen wir doch mal ernst, was über ihn geschrieben wird“, sagt Artzt. „Unterstellen wir mal, er sei auch bei seiner Entscheidung noch pflichtbewusst und Finanzexperte.“

Artzt sitzt am Esstisch, er beugt sich vor. „Was hätte er noch sagen, machen sollen – ohne politische Entscheidungen grundlegend infrage zu stellen? Zur Finanzkrise zum Beispiel? Alles, was ihr jetzt macht, ist nicht zu verantworten? Sich gegen Europas Staatschefs stellen? Da dies das Amt nicht zulässt, bleibt nur der Absprung. Möglicherweise sieht er das Desaster, auf das wir zulaufen. Wir sehen das auch. Und das ist viel größer als das mit der DDR damals.“

Gebhardt sagt: „Ja, um den Faktor 100. Und es gibt kein auffangendes System.“

„Falls es also keine subjektive Befindlichkeit sein sollte“, sagt Gebhardt, „dann ist der Rücktritt eine Kapitulation der Macht des rationalen Arguments, das Köhler ja erklärtermaßen verkörpert hatte.“

„Zum ersten Mal in diesem Jahrhundert“, sagt Artzt. „Eine Warnung.“

„Zäsur“, sagt Gebhardt.

Das Desaster. Verschuldete Staaten verschulden sich, damit sie Geld an Automobilkonzerne geben können, damit die Gewinne machen, damit die Steuern zahlen. Verschuldete Staaten schaffen neues Geld, das sie an Banken geben können, damit die nicht zusammenbrechen, sondern auch Gewinne machen und Steuern zahlen. Verschuldete Staaten verschulden sich und schaffen neues Geld, um damit einen verschuldeten Staat oder eine Währung zu retten. Die Summen werden größer, die Abstände zwischen den einzelnen Rettungsaktionen kürzer.

Würde man das in einem Diagramm darstellen, bekäme man eine immer steiler ansteigende Kurve, sie zeigt eine „beschleunigt beschleunigte Beschleunigung“, sagt Gebhardt. Er geht zu seinem Computer, sucht etwas. Nach einer Weile findet er so eine Kurve, es ist die DDR-Prognose aus seiner Doktorarbeit. Und dann gibt es da noch eine weitere, zum Verwechseln ähnlich. Sie zeigt die Entwicklung der marktwirtschaftlich organisierten Welt.

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