2017 endet das Branntweinmonopol : Brennereien kämpfen ums Überleben

Noch gibt es 20 000 Kleinbrennereien in Deutschland – jetzt müssen sie um ihre Existenz bangen. Was das Ende des Branntweinmonopols schon heute für die Hersteller bedeutet.

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Schwarzweißaufnahme. 22 Mitarbeiter vor einem Ladengeschäft mit der Überschrift "Destillation"
Früher brannten viele Kneipen Schnäpse und Liköre selbst – auch in der Köpenicker Straße in Berlin. Das Foto stammt aus der Zeit...Foto: bpk

Berlin - In Offenbach sitzen sie auf gepackten Koffern. Oder Schnapskisten. Dort, in der Bundesmonopolverwaltung für Branntwein, wird es bald nichts mehr zu verwalten geben. Auch Ulrich Metzen, der die Behörde derzeit stellvertretend leitet, wird in absehbarer Zeit eine neue Aufgabe brauchen. Bislang verteilt er die staatlichen Gelder an die rund 550 landwirtschaftlichen Brennereien, die ihren Rohalkohol aus Kartoffeln oder Getreide an die Monopolbehörde abliefern müssen. Wobei es „dürfen“ besser trifft. Denn seit Jahrzehnten stützt der Staat die heimischen Betriebe, indem er ihnen den Alkohol zu einem Preis abkauft, von dem sie auf dem freien Markt nur träumen könnten. Etwa 150 Euro bekommen die sogenannten Verschlussbrenner für den Hektoliter. Die Hälfte schießt der Finanzminister, dem die Monopolverwaltung untersteht, zu. Insgesamt sind das rund 80 Millionen Euro im Jahr.

Ab Oktober müssen die Brennereien selbst gucken, wo sie ihren Rohalkohol loswerden, der veredelt nicht nur im Schnapsglas landet, sondern auch Verwendung in der Pharmaindustrie oder der Essigproduktion findet. Das ist ein weiterer Schritt zur Abschaffung des staatlichen Branntweinmonopols. Der Bund setzt damit eine Vorgabe der EU um, die den Markt europaweit liberalisiert sehen will. Augenblicklich rechnet Ulrich Metzen aus, wie hoch die Ausgleichszahlungen an die betroffenen Unternehmen sind: Um den Betrieben einen sanften Übergang zu ermöglichen, bekommen sie für die kommenden fünf Jahre noch ein finanzielles Trostpflaster, das sich an ihrer bisherigen Jahresproduktion orientiert. 2017 ist dann endgültig Schluss.

Damit endet etwas, das vor bald 100 Jahren begann. Im Juli 1918, noch während des Ersten Weltkriegs, erhob das Deutsche Reich ein Monopol auf Produktion und Vertrieb von Hochprozentigem. Das sollte die unkontrollierte Herstellung von Branntwein einschränken. Vor allem aber sollte die damit verbundene Steuer dem bankrotten Land neue Einnahmen erschließen. Das Gebäude der Reichsmonopolverwaltung in der Ringbahnstraße in Berlin-Tempelhof steht noch. Die Monopolverwalter hingegen zogen in den 50er Jahren nach Offenbach. Noch immer bringt die Branntweinsteuer dem Finanzminister gutes Geld. Rund 2,1 Milliarden Euro landen jährlich aus dem Verkauf von Schnaps in der Staatskasse, dreimal so viel wie aus dem Verkauf von Bier.

Fünf Liter Schnaps trinkt jeder Deutsche im Jahr

Bis zu 90 Prozent der landwirtschaftlichen Brennereien hierzulande werden ihre Produktion von Rohalkohol weitgehend einstellen, schätzen Branchenkenner. Durch den geringen Anreiz für Investitionen in den vergangenen Jahren sind die Betriebe auf dem Weltmarkt nicht konkurrenzfähig. Verbraucher werden davon zunächst wohl nicht viel mitbekommen. Der Alkoholmarkt gilt als gesättigt und die Großbrennereien, die mit ihren industriell aromatisierten Schnäpsen und Likören den Markt beherrschen, sind auf den teuren Alkohol aus Deutschland nicht angewiesen. Hinzu kommt der nachlassende Durst. Im Durchschnitt trinkt jeder Bundesbürger gut 135 Liter alkoholhaltige Getränke jährlich. Knapp fünfeinhalb Liter davon sind Spirituosen. Insgesamt ist der Trend zum Alkohol aber rückläufig. Bei Schnäpsen ist der Konsum beispielsweise seit 2005 um 0,3 Liter gesunken. Mittelfristig könnten die Konsumenten die Veränderungen im Markt allerdings sehr wohl zu spüren bekommen; denn vom Ende des Monopols sind auch zehntausende Klein- und Obstbrenner – im Zolljargon: Abfindungsbrennereien – betroffen, die vor allem in Süddeutschland aktiv sind. Mit ihren jeweils 1200 bis 1500 Flaschen, die sie aus der erlaubten Höchstmenge von 300 Litern Alkohol brennen, sorgen sie vor allem für die Vielfalt. Sie verkaufen die Schnäpse und Liköre in Hofläden oder über regionale Supermärkte.

Der Ausblick: Zahl der Brennereien halbiert

„Das Ende des Monopols stellt auch für diese Brennereien einen tiefen Einschnitt dar“, sagt Gerald Erdrich, Geschäftsführer des Bundesverbands der Klein- und Obstbrenner. Und das, obwohl sie auch nach 2017 in den Genuss eines reduzierten Steuersatzes kommen. Inzwischen gehe zwar bis zur Hälfte der Produktion in den versteuerten Verkauf. Doch vom nun unverkäuflichen Rest ließen sich nach Rechnung des Verbands acht Millionen weitere Flaschen abfüllen. Ein solches Angebot sei selbst bei zunehmender Nachfrage nach regionalen Produkten illusorisch. Die Folge: „Wenn wir Glück haben, bleiben von den derzeit gut 20 000 betrieblichen Kleinbrennereien vielleicht 15 000 übrig“, schätzt Erdrich. Vor einigen Jahren waren es noch 30 000.

Die Belegschaft der Monopolverwaltung schrumpft schon seit Jahrzehnten. Von den rund 600, die dort in den 70er Jahren Dienst taten, bleiben ab Januar nicht mehr als 25. Sie sollen die Behörde in den kommenden Jahren abwickeln.

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