5G - schnelle Netze für die Hauptstadt : Berlin auf dem Weg zur Datenmetropole

Für Zukunftsindustrien sind leistungsfähige Netze unerlässlich. Berlin will deshalb Schaufenster für 5G werden. Die Chancen stehen nicht schlecht.

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Gut sortiert. Die exponentiell wachsenden Datenmengen erfordern eine immer leistungsfähigere Infrastruktur.
Gut sortiert. Die exponentiell wachsenden Datenmengen erfordern eine immer leistungsfähigere Infrastruktur.Foto: picture alliance / dpa

Nicht München, nicht Stuttgart, nicht Ingolstadt. Seit Freitag kommt die Zukunft der deutschen Autoindustrie aus Berlin. Auch offiziell. Nachdem alle Kartellbehörden zugestimmt haben, übernehmen BMW, Daimler und Audi den digitalen Kartendienst Here für rund 2,5 Milliarden Euro von Nokia. Das Unternehmen mit Hauptsitz in der Invalidenstraße in Mitte ist so etwas wie eine Lebensversicherung für die etablierten Autohersteller aus dem Süden. Karten von Here werden bereits heute in vier von fünf Autos in Europa genutzt. Das Trio ist aber nicht nur an dem bestehenden Geschäft interessiert: Mit der Übernahme wollen die Hersteller vor allem verhindern, dass Schlüsseltechnologien für Assistenzsysteme, Navigation und autonomes Fahren in die Hände von Google oder Apple geraten.

Mindestens genauso wichtig wie für die deutsche Autobranche ist das Geschäft für das Land Berlin. Here beschäftigt weltweit rund 6000 Mitarbeiter – rund 1000 davon in der Bundeshauptstadt. Ein solches Unternehmen nun zumindest für die kommenden Jahre sicher am Standort zu wissen, ist für die Landesregierung und speziell Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU) von außerordentlicher Bedeutung. Passt es doch wunderbar zum mantraartig vorgetragenen Schlagwort von Berlin als Hauptstadt der Digitalisierung. Industrie und Berlin waren zwei Jahrzehnte lang entgegengesetzte Pole. Industrie 4.0, also die Digitalisierung der Wirtschaft, Kartentechnologien wie von Here als Basis für die selbstfahrenden BMW-, Mercedes- oder Audi-Fahrzeuge von morgen, sieht Yzer deshalb als große Chance für ein Comeback Berlins im industriellen Bereich.

50 Megabit reichen nicht aus

Autonomes Fahren, aber auch vernetzte Verkehrssysteme, Abfallentsorgung und Energieversorgung – all das funktioniert nicht ohne modernste Datenübertragung. Das wissen Yzer und auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD). Beide drängten deshalb in den vergangenen Monaten nicht nur bei öffentlichen Auftritten regelmäßig darauf, dass Berlin bei der Einführung der kommenden Mobilfunkgeneration ganz vorne dabei sein müsse.

Auf das derzeit aktive 4G, das die meisten Smartphonenutzer unter dem im Display eingeblendeten Namen LTE kennen, folgt bis zum Ende des Jahrzehnts 5G. Das schnelle Netz verspricht Geschwindigkeiten von einem Gigabit – also 1000 Megabit. Das Dilemma: Damit Autos untereinander und mit Verkehrsleitzentralen ständig kommunizieren, damit Waschmaschinen sich mit Trocknern verständigen, damit Mülltonnen der Leitzentrale melden können, dass sie überfüllt sind, und Maschinen in Industrieparks miteinander sprechen, sind Echtzeitdaten zwingend notwendig. Bei Übertragungsraten wie sie derzeit von der Bundesregierung angestrebt werden, ist ein solches Internet der Dinge nicht möglich. Bis 2018 sollen Daten flächendeckend mit einer Geschwindigkeit von 50 Megabit pro Sekunde übertragen werden. Bereits zwei Jahre später, schätzen Technologiekonzerne wie Cisco, werde es weltweit bis zu 50 Milliarden internetfähige Geräte geben.

Yzer und Müller wollen Höttges treffen

Damit Deutschland kein weißer Fleck auf der 5G-Landkarte bleibt, bereiten sich die Netzbetreiber hierzulande schon eine ganze Weile auf die Zukunft vor. Sie betreiben Testlabors in verschiedenen Städten – in Berlin ist beispielsweise die Deutsche Telekom mit T-Labs aktiv. Einen Standort, an dem das neue Netz ab 2020 zentral ausgerollt wird, gibt es aber für Deutschland noch nicht. Anders als etwa in Japan, wo Tokio als Ausrichter der Olympischen Spiele Referenzstandort sein soll.

Wirtschaftssenatorin Yzer geht deshalb in die Offensive. „Ich möchte, dass sich die Netzbetreiber zu Berlin als 5G-Standort bekennen.“ Mit Telekom-Chef Tim Höttges habe sie diesbezüglich bereits gesprochen. Anfang des Jahres soll es ein Treffen zwischen Müller, Yzer und Höttges geben, bei dem es unter anderem auch um die 5G-Pläne des Bonner Konzerns gehen werde. Auch mit Vodafone und Telefonica, Mutterkonzern der Marken O2 und E-Plus, liefen Gespräche „auf allen Ebenen“.

Name, Größe, Politik: Nichts spricht gegen Berlin

Bei den Konzernen selbst gibt man sich allerdings derzeit eher zurückhaltend. Das liegt unter anderem daran, dass noch gar nicht klar ist, welche Dienste, Leistungen und Standards unter dem Label 5G zusammengefasst werden. Erst ab dem kommenden Jahr werde intensiv mit umfassenden Tests begonnen, heißt es unter anderem bei der Telekom. Während Telefonica gerade in Barcelona ein 5G-Lab eingerichtet hat, wird Vodafone eine Testumgebung in Dresden schaffen. Dort betreiben die Düsseldorfer bereits ein Zukunftslabor. Konkrete Zu- oder Absagen an Berlin seien solche Signale allerdings keineswegs, betont ein Vodafone-Sprecher. Seriös werde man eine Aussage darüber, wo der neue Standard in Europa ausgerollt wird, erst in drei bis vier Jahren treffen können. Ein solcher Ort brauche einen klingenden Namen, eine Fläche von geeigneter Größe und politische Unterstützung vor Ort. Alles drei Kriterien, die nicht grundsätzlich gegen Berlin sprächen.

In der Berliner Wirtschaft hört man solche Töne gerne. „Ohne eine entsprechende Infrastruktur wird Berlin in den Bereichen Autonomes Fahren, Industrie 4.0 oder Internet der Dinge langfristig kaum punkten können“, sagt Marion Haß, IHK-Geschäftsführerin Innovation und Umwelt. Und auch bei Here heißt es, man begrüße Fortschritte in der Weiterentwicklung der Mobilfunknetze.

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