Abgas-Skandal und Führungskampf : Volkswagen schockiert die Welt

Der Aufsichtsrat will VW-Chef Martin Winterkorn durch Porsche-Chef Müller ersetzen. Doch Winterkorn will nicht gehen.

von und
Volkswagen-Chef Martin Winterkorn kann nach Meinung von Autofachmann Dudenhöffer angesichts des Abgas-Skandals in den USA nicht im Amt bleiben. Foto: Uli Deck/dpa
Volkswagen-Chef Martin Winterkorn kann nach Meinung von Autofachmann Dudenhöffer angesichts des Abgas-Skandals in den USA nicht im...Foto: Uli Deck/dpa

Volkswagen-Chef Martin Winterkorn will nicht zurücktreten, obwohl er nicht mehr das Vertrauen seines Aufsichtsrates genießt. In einem Videoauftritt bat Winterkorn am Dienstag öffentlich um Entschuldigung. „Die Unregelmäßigkeiten bei Dieselmotoren unseres Konzerns widersprechen allem, für was Volkswagen steht. Auch ich habe zum jetzigen Zeitpunkt nicht die Antworten auf alle Fragen.“ Der 68-Jährige betonte: „Es tut mir unendlich leid, dass wir dieses Vertrauen enttäuscht haben. Ich entschuldige mich in aller Form bei unseren Kunden, bei den Behörden und der gesamten Öffentlichkeit für das Fehlverhalten.“

Porsche-Chef Matthias Müller als möglicher Nachfolger im Gespräch

Nach Tagesspiegel-Informationen soll Winterkorn gleichwohl an diesem Freitag als Vorstandsvorsitzender des größten Autokonzerns der Welt abgelöst werden. Dies verlautete am Dienstag aus Aufsichtsratskreisen. Winterkorn habe nach dem Dieselabgasbetrug in den USA nicht mehr das Vertrauen des Kontrollgremiums, hieß es. Nachfolger des 68-Jährigen soll den Kreisen zufolge Porsche-Chef Matthias Müller (62) werden. An diesem Mittwoch tagt das Präsidium des VW-Aufsichtsrates, am Freitag das gesamte 20-köpfige Gremium.

Der Konzern-Chef will "Transparenz und Offenheit"

Winterkorn versprach in seiner Videobotschaft umfassende Aufklärung. „Wir klären das auf“, sagte er. „Ich gebe Ihnen mein Wort, bei all dem werden wir mit der nötigen Transparenz und Offenheit vorgehen.“ Eine solche Manipulation dürfe es nie wieder geben.

Mit einem erneuten Kurseinbruch von bis zu 20 Prozent reagierte die VW-Aktie am Dienstag auf eine Gewinnwarnung des Unternehmens. Damit büßte der Konzern seit Bekanntwerden des Abgas-Skandals zeitweise knapp 27 Milliarden Euro an Börsenwert ein. Im dritten Quartal würden rund 6,5 Milliarden Euro „ergebniswirksam zurückgestellt“, hatte VW mitgeteilt und zugegeben, dass in weiteren Dieselautos Abgaswerte mit einer speziellen Software manipuliert worden seien. Betroffen sind demnach weltweit etwa elf Millionen Fahrzeuge. In den Milliardenrückstellungen sind mögliche Strafzahlungen und Schadenersatzansprüche von Anlegern sowie Kosten für die Rücknahme unverkäuflicher Autos noch nicht enthalten. Der Wolfsburger Konzern hat zugegeben, in den USA Abgaswerte von fast einer halben Million Dieselfahrzeuge manipuliert zu haben. Nach Angaben der US-Umweltbehörde EPA entwickelte Volkswagen eine Software, mit der Vorgaben zur Luftreinhaltung zwar bei Tests, nicht aber beim normalen Betrieb der Dieselautos erfüllt wurden.

Regierungen befassen sich mit Abgas-Skandal

Neben den USA forderten auch andere Länder Aufklärung, ob Diesel-VW auf ihren Straßen mehr Schadstoffe ausstoßen als vom Hersteller angegeben. Die Affäre wird für den Konzern auch strafrechtliche Folgen haben. In den USA laufen bereits entsprechende Ermittlungen gegen den deutschen Autobauer. In mit den Vorgängen vertrauten Kreisen wurden entsprechende Berichte bestätigt. Die Untersuchungen leitet demnach die Umweltabteilung des US-Justizministeriums. Mit dem VW-Skandal wird sich auch ein Ausschuss des US-Kongresses befassen.

Die US-Regierung zeigte sich „ziemlich besorgt“ über das Verhalten des Autobauers. Letztlich sei es aber Aufgabe der EPA, ihre Regelungen durchzusetzen und gegebenenfalls Ermittlungen anzustoßen, sagte ein Sprecher von Präsident Barack Obama in Washington.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) forderte „volle Transparenz“. „Ich hoffe, dass möglichst schnell die Fakten auch auf den Tisch kommen“, sagte Merkel am Rande des Besuchs des finnischen Regierungschefs Juha Sipilä. Volkswagen müsse „angesichts der schwierigen Lage“ den „gesamten Vorgang“ aufklären. Der Bundesregierung ist schon länger bekannt, dass Autohersteller bei Abgastests Abschalteinrichtungen benutzen können, wie sie VW in den USA eingesetzt hat. Dies geht aus der Antwort des Verkehrsministeriums auf eine Kleine Anfrage der Grünen hervor, die dem Tagesspiegel vorliegt.

Dobrindt informiert am Mittwoch den Verkehrsausschuss über Informationen

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) setzte am Dienstag eine Untersuchungskommission ein. Die Kommission unter Leitung von Verkehrsstaatssekretär Michael Odenwald werde noch diese Woche nach Wolfsburg reisen, sagte Dobrindt am Dienstag in Berlin. Zuvor hatte er angekündigt, sämtliche Dieselmodelle von Volkswagen auf dem deutschen Markt überprüfen lassen zu wollen. Der Minister wird an diesem Mittwoch im Verkehrsausschuss des Bundestages über seine Informationen in der VW-Affäre berichten. Das teilt der Ausschussvorsitzende, der SPD-Politiker Martin Burkert, mit. „Das Label ,Made in Germany‘ hat schwer gelitten“, sagte Burkert. „Wir müssen jetzt wissen, ob auch in Deutschland manipuliert wurde.“ (mit rtr/dpa)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben