Wirtschaft : Aktienexperten: Der Ruf vieler Börsengurus ist ruiniert

Tobias Moerschen

Ist Klaus Kaldemorgen ein Börsenstar? Fragt man den zurückhaltenden DWS-Fondsmanager selbst, dann lautet die Antwort eindeutig Nein. "Ich sehe meine Rolle nicht als Selbstdarsteller", wehrt der Chef der internationalen Aktienanlage beim Vermögensverwalter DWS ab, "und ich habe auch keine Kristallkugel". Trotzdem zählt Kaldemorgen, der unter anderem den fast 3,3 Milliarden Euro schweren Vermögensbildungsfonds I verwaltet, zu den wenigen Anlageprofis, deren Ansehen in der Börsenflaute nicht litt, sondern eher noch zunahm.

Andere Börsengurus sind dagegen so krass abgestürzt wie der Kurs vieler High-Tech-Aktien. So verschwand Kurt Ochner, einst als "Pate des Neuen Marktes" vergöttert und gefürchtet, nach seinem Rauswurf bei der Schweizer Privatbank Julius Bär in der Versenkung. Weltweit haben enttäuschte Investoren ihre einstigen Kultfiguren vom Sockel gestoßen. Zum Symbol für den Aufstieg und Fall der Internet-Gurus wurde Henry Blodget. Der blonde US-Analyst mit dem manischen Blick begründete seinen zeitweise legendären Ruf mit einer einzigen Prognose: Der Kurs der AmazonAktie werde sich mehr als verdoppeln auf 400 Dollar, prophezeite Blodget im Dezember 1998. Als die Titel des Internet-Händlers schon wenige Tage später das Kursziel durchbrachen, war der Star Blodget geboren. Doch seit dem Platzen der Internet-Blase ist Blodget zum Hassobjekt mutiert. Erst kürzlich zahlte sein Arbeitgeber Merrill Lynch sogar 400 000 Dollar Schadensersatz an einen Kunden, der durch Blodgets Tipps ein kleines Vermögen verloren hatte.

Genau umgekehrt entwickelte sich der Ruf der Investment-Legende Warren Buffett. Auf dem Höhepunkt des High-Tech-Fiebers boykottierten Studenten der US-Eliteuni Harvard eine Rede des Altmeisters. Seine bodenständige Strategie ("Investieren Sie nur in Unternehmen, die Sie verstehen") schien veraltet. Doch mit dem Ende des High-Tech-Booms kam Buffetts Comeback. Heute spitzen Anleger wieder die Ohren, wenn der Milliardär spricht.

Warum aber haben einige Aktienprofis die Kursflaute gut überstanden, während andere kläglich versagten? "Die wahren Stars zeichnen sich dadurch aus, dass sie ihre Leistung langfristig und messbar unter Beweis stellen", sagt Vermögensverwalter Eckhard Sauren. Er sucht für seine Dachfonds Experten, die in guten wie schlechten Zeiten Überdurchschnittliches leisten.

Zwei Warnsignale sollten Anleger bei (vermeintlichen) Börsengurus beachten, rät Sauren. "Wichtig ist, warum jemand zum Star geworden ist", sagt er. Basiert der Ruf wie bei Blodget auf wenigen, spektakulären Treffern, ist Vorsicht geboten. Saurens zweites Testkriterium: "Wahre Stars wissen, dass niemand den Markt präzise vorhersagen kann". Tatsächlich stolperten die meisten Kurzzeit-Gurus darüber, dass ihre Prognosen nach dem Platzen der High-Tech-Blase als heiße Luft verpufften. Das gilt für den Ex-Fernseh-Guru Egbert Prior ebenso wie für die New Yorker Internet-Analystin Mary Meeker der renommierten Investmentbank Morgan Stanley. Dagegen vermeiden DWS-Manager Kaldemorgen und Altmeister Buffett stets konkrete Aussagen zu künftigen Indexständen. "Ich werde nicht an meinen Prognosen gemessen, sondern an meinen Ergebnissen", sagt Kaldemorgen.

Warum folgen Anleger dennoch immer wieder vermeintlichen Gurus, die behaupten, den Stein der Weisen gefunden zu haben? "Es gibt ein großes Bedürfnis, sich an Personen zu orientieren - das war in der menschlichen Geschichte immer so", sagt Joachim Goldberg, Gründer und Chef des Beratungshauses Cognitrend. Cognitrend analysiert die Finanzmärkte mit Hilfe psychologischer Konzepte.

"Im Grunde erzählen die meisten Börsenstars den Anlegern einfach das, was sie hören wollen", sagt Goldberg. So habe im High-Tech-Boom jeder eine Bestätigung für seine riskanten Engagements gesucht. Und im Einbruch hätten viele gerne den Durchhalteparolen der Blodgets und Meekers geglaubt. "Erst als viele Anleger die Hoffnung auf eine Erholung aufgegeben und erste Verluste realisiert haben, setzte die Kritik an den früheren Stars ein", sagt Goldberg.

So gesehen ist es kein Zufall, dass heute Vertreter einer diversifizierten, sicherheitsorientierten Strategie beliebt sind. Schließlich konnten Anleger gerade mit diesem Ansatz ihre Verluste begrenzen. Ob die Investoren allerdings aus Schaden klug geworden sind, wird erst der nächste Kursaufschwung zeigen. Zwar wissen viele jetzt, dass die Jagd nach heißen Tipps bitter enden kann. Doch wenn die Kurse wieder klettern, könnte der Run nach dem neuesten Trend wieder zum Volkssport werden, fürchtet Psycho-Analyst Goldberg.

Neue, alte Gurus stehen schon bereit:Der Kulmbacher Zockerkönig Bernd Förtsch betreibt weiter seine Börsen-Hotlines, und auch Mister Neuer Markt Kurt Ochner bastelt an seinem Comeback. "Wenn der Neue Markt nach oben dreht, werde ich da sein", kündigt Ochner an. Wer ihm dann wieder blind folgt, weiß zumindest, worauf er sich einlässt.

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