Aktienprofi Jens Ehrhardt im Interview : „Man sollte 2016 noch nicht abschreiben“

Vermögensverwalter Jens Ehrhardt, ist seit fast 50 Jahren am Markt. Er glaubt nicht an den ganz großen Crash, empfiehlt aber dennoch, Gold zu kaufen.

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Jens Ehrhardt (73) ist einer der renommiertesten Vermögensverwalter Deutschlands und seit fast 50 Jahren im Geschäft.
Jens Ehrhardt (73) ist einer der renommiertesten Vermögensverwalter Deutschlands und seit fast 50 Jahren im Geschäft.Foto: promo

Herr Ehrhardt, wenn die Regel gilt, dass man an der Kursentwicklung im Januar den Trend für das Jahr ablesen kann, dann sieht es 2016 düster aus, oder?


Wie immer gibt es an der Börse viele Ausnahmen von der Regel. Ich beschäftige mich seit fast 50 Jahren mit dem Aktienmarkt und kenne keine Regel, die lückenlos gilt. Vielleicht mit einer Ausnahme: „The trend is your friend“ – Folge dem Trend. Damit fährt man oft richtig.


Das heißt aktuell: Auf weiter fallende Kurse setzen?


Das Bild ist verschwommen. Im Januar 2008, zum Beginn der Finanzkrise, ging es auch steil bergab – und dabei blieb es. Der Jahresanfang 2016 ist noch schlechter, der Dax hat fast 20 Prozent verloren. Aber im Unterschied zu damals geben heute die Notenbanken den Ton an. Hier sehe ich momentan das größte Risiko – aber auch die größte Chance. Man sollte 2016 noch nicht abschreiben.


Das Ifo-Institut berichtet, dass die Unternehmen „erschrocken ins neue Jahr blicken“. Was ist so erschreckend? Der Export läuft doch prima.


Mit den leicht gesunkenen Geschäftserwartungen und der Lage an einigen Exportmärkten kann man diese massiven Kursrückgänge nicht erklären. In den USA ist das produzierende Gewerbe schwach, aber der Konsum- und Dienstleistungsbereich läuft sehr gut – also fast 90 Prozent der US-Wirtschaftsleistung.


Was kann die Geldpolitik noch tun? Die US-Notenbank Fed hat im Dezember die Zinsen angehoben – das war Gift für die Aktienkurse.


Es war ein Fehler. Das scheint auch die Fed nun zu erkennen. Sie fährt momentan einen Schlingerkurs, der die Märkte verunsichert, nicht nur in Amerika, sondern überproportional auch in den Schwellenländern. Ich schließe allerdings nicht aus, dass sich Notenbankchefin Janet Yellen noch korrigiert und es mit den Kursen im zweiten Halbjahr doch nach oben geht.


Ist denkbar, dass die Zinsen in den USA sogar wieder sinken?


Wahrscheinlich nicht so schnell. Das wäre zu blamabel. Wenn die Fed jetzt zurückrudert, interpretieren die Märkte dies als Signal, dass die US-Wirtschaft doch schwächer als gedacht läuft. Ein bisschen Zeit muss vergehen. Aber ich könnte mir vorstellen, dass im zweiten Halbjahr die US-Geldpolitik wieder lockerer wird.


Der Dollar-Kurs ist schon gefallen.


Zum Glück. Im starken Dollar liegt die eigentliche Gefahr des Bremsmanövers der US-Notenbank. Er verhagelt die Weltwirtschaft und führt zu Deflation – also genau zum Gegenteil dessen, was die Notenbanken mit ihrem billigen Geld auslösen wollten. Rund zehn Billionen Dollar sind außerhalb der USA an Dollar-Schulden aufgenommen worden. Steigt nun der Dollar, steigen auch die Schulden. Mit der Folge, dass Unternehmen weniger investieren. Außerdem fließt Kapital zurück in die USA, mit gravierenden Folgen für die Schwellenländer. China zum Beispiel kämpft gegen diese Kapitalflucht, indem es Dollars im großen Stil verkauft, um die eigene Währung zu stützen. Das gelingt zum Glück, muss man sagen. Denn eine starke Abwertung des chinesischen Yuan wäre gefährlich.

Warum?


Weil es die Kaufkraft und den Lebensstandard der Chinesen bremsen würde – und damit die Nachfrage nach Gütern aus Europa und den USA.


Chinas Schwäche wird als wichtigster Grund für den sinkenden Ölpreis genannt.


China ist nur ein Grund. Es ist vor allem das Überangebot an Öl, das den Preis drückt. Und hier kommen wieder die Zinsen ins Spiel: Weil die Öl-Firmen günstige Kredite bekommen haben, haben sie mehr investiert und Öl gefördert. Das hat zum Preisverfall beigetragen.


Aber ist billiges Öl nicht eigentlich gut für die Konjunktur und eine Stimulanz für steigende Kurse?


Weil niemand so richtig weiß, warum die Aktienkurse so schnell gefallen sind, wird das Öl als Ursache dafür genannt. Dabei ist es eigentlich so, dass die Konsumenten und Unternehmen weltweit zwei Billionen Dollar weniger für Sprit, Energie und Rohstoffe ausgeben müssen. Das billige Öl wirkt wie eine Steuersenkung, allerdings nicht sofort. Kurzfristig überwiegen die Nachteile, weil Ölexporteure wie Russland oder Saudi-Arabien und die großen Ölkonzerne weniger verdienen und investieren. Wenn die Staatsfonds aus der Golf-Region ihre Aktienbestände auflösen, dann könnte es ernst werden.


Die Unsicherheit ist vor allem an den Bankenaktien ablesbar. Der Kurs der Deutschen Bank ist vergangene Woche kollabiert. Ist das Papier jetzt ein Schnäppchen?


Ich würde generell bei europäischen Bankaktien vorsichtig sein, auch bei der Deutschen Bank. Wenn das Institut schon öffentlich erklärt, dass es genug Geld hat, um seine Anleihen zu bedienen, dann macht das keinen besonders guten Eindruck. Außerdem weiß man nicht, welche juristischen Risiken noch in den USA schlummern. Eine alte Börsenweisheit besagt: Greife nicht in ein fallendes Messer.

Stichwort Risiken in den USA. Hat die VW-Aktie das Gröbste hinter sich?

Ich wäre auch bei VW-Aktien vorsichtig. Die Erschütterungen waren zu groß.

Hat der Abgasskandal den gesamten Aktienmarkt irritiert?

Er hat auf die Stimmung gedrückt. Man hatte den Eindruck, jetzt gerät „Made in Germany“ in Gefahr. Das muss nicht stimmen, aber diese Sorge kam sehr unerwartet auf. VW ist ein deutsches Schlüsselunternehmen. Dass der Konzern vor allem die US-Verbraucher offensichtlich für dumm verkauft hat, rächt sich jetzt gewaltig. Einigen VW-Managern in den USA droht ja sogar Gefängnis. Etwas ähnliches gab es schon einmal bei Zuliefererfirmen von japanischen Autobauern.

Nach diesem schwachen Start ins Börsenjahr: Woran können sich Anleger halten in den kommenden Monaten?

Im Unterschied zur Finanzkrise, die wir kommen gesehen hatten, kann man diesmal nicht richtig sagen, woher die Börsen-Baisse kommt. Ich habe mal zurückgeschaut und nur das Jahr 1962 gefunden, in dem es unter ähnlichen Rahmenbedingungen – keine US-Rezession und niedrige Zinsen – so steil nach unten ging. Das macht es so schwierig, es gibt wenig Vergleichbares. Und deshalb haben auch viele Leute noch nicht verkauft. Womöglich spielen auch geopolitische Gründe eine Rolle – übrigens auch 1962, im Jahr der Kuba-Krise.


Und heute?


China, die Ukraine, Syrien.


Hilft es Anlegern, wenn sie die „sicheren Häfen“ ansteuern – Gold, Immobilien?


Immobilien bleiben attraktiv, solange die Zinsen niedrig sind. Wenn die Europäische Zentralbank die Zinsen erhöht, könnte es schwierig werden. Immobilien sind allerdings teuer, zumal in Städten wie München mit lächerlich niedrigen Renditen. Aber der Markt bleibt interessant.

Und Gold?

Wenige sind beim Gold wieder eingestiegen. Seit 2011 ist der Wert der Feinunze eigentlich nur gefallen und die Skepsis war groß. Nun steigen die Notierungen wieder und ich glaube, dass sich Gold aus mehreren Gründen 2016 lohnen könnte. Zum einen ploppt die Banken-Krise wieder auf, nicht nur in Europa, sondern auch in Asien. Dort ist man außerdem schneller bereit, in Gold zu investieren, um auf der sicheren Seite zu sein. Auch die Deflation als Indikator für eine Wirtschaftskrise könnte Anleger ins Gold treiben, das ja eigentlich ein Investment gegen die Inflation ist. Hinzu kommt die Diskussion um ein Ende oder die Beschränkung von Bargeld-Zahlungen. Da greift vielleicht mancher lieber gleich zum Gold als Ersatzgeld.

Der Preis ist zuletzt schon kräftig auf mehr als 1200 Dollar gestiegen. Geht es wieder hoch bis auf die alten Rekorde?


Nein, das glaube ich nicht. Aber warum nicht bis auf 1400 Dollar?


Wo sehen Sie den Dax Ende des Jahres? 12 000 Punkte, an die Sie kürzlich noch geglaubt haben, wären ein Sprung von fast 40 Prozent…


Ich hatte damit gerechnet, dass sich der Dax auf einem etwas höheren Niveau einpendelt. Nun ist er noch tiefer gefallen und die alten Rekordstände sind unwahrscheinlich geworden. Aber warten wir mal ab, was die Notenbanken machen. Wenn die Geldpolitik überall wieder lockerer wird, sind die Aktien schnell wieder oben. Was soll man auch mit dem Geld machen, wenn man verkauft? Soll man Staatsanleihen kaufen, die meistens Negativzinsen bringen?

Kaufen Sie momentan Aktien?

Wir sind vorsichtig optimistisch und nutzen das aktuelle Umfeld vereinzelt für Nachkäufe. Aber um nochmals die Börsenweisheit zu zitieren: Ich greife auch nicht ins fallende Messer. Wie gesagt: Trends setzen sich fort – auch nach unten. Die Stimmungsindikatoren deuten an, dass es nicht mehr sehr viel weiter abwärts gehen sollte. Wir brauchen aber einen neuen Impuls der Notenbanken und der Fiskalpolitik.

Schluss mit der schwarzen Null und mehr öffentliche Investitionen?


Die Weltwirtschaft braucht in der aktuellen Situation billiges Geld und öffentliche Defizite – sonst wird es ungemütlich.

Das Gespräch führte Henrik Mortsiefer

ZUR PERSON

Jens Ehrhardt (73) ist einer der erfahrensten deutschen Vermögensverwalter. Bereits seit den 1960er Jahren beschäftigt sich der gebürtige Hamburger mit den Märkten. Erhardt ist Gründer, Hauptaktionär und Vorstandsvorsitzender der Gesellschaft DJE Kapital AG, die für ihre Kunden elf Milliarden Euro verwaltet. Ehrhardt promovierte 1974 zum Thema „Kursbestimmungsfaktoren am Aktienmarkt unter besonderer Berücksichtigung monetärer Determinanten“. Im gleichen Jahr startete er seine Karriere als bankenunabhängiger Vermögensverwalter.

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