Allianz sucht nach neuen Anlagen : Buletten statt Bundesanleihen

Bundeswertpapiere kosten Geld und bringen nichts. Die Versicherungswirtschaft steht auf dem Kopf. Auch die Allianz geht neue Wege.

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Pausenhof für Autofahrer. An den Raststätten von Tank & Rast ist die Allianz beteiligt.
Pausenhof für Autofahrer. An den Raststätten von Tank & Rast ist die Allianz beteiligt.Foto: picture-alliance/ dpa

Seit 30 Jahren ist Dieter Wemmer im Versicherungsgeschäft. Eines hat der Finanzvorstand des Allianz-Konzerns dabei gelernt: „In meinem gesamten Berufsleben sind die Zinsen nur gesunken“, sagte Wemmer am Dienstag in Berlin. Unter Mario Draghi als Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) hat sich der Niedergang noch beschleunigt. 70 Prozent der deutschen Bundesanleihen haben inzwischen eine negative Rendite, Anleger, die ihr Geld in solche Papiere stecken, zahlen drauf.

Für die Versicherer, die ihre lebenslangen Garantien mit sicheren Staatspapieren unterlegen, sind solche Verhältnisse eine Katastrophe. Sie finden heute nur noch mit Mühe neue, rentierliche Zinsanlagen. 1,7 Prozent hat die Allianz im zweiten Quartal 2016 mit neuen Zinsanlagen erlöst, allerdings nicht mit Staatspapieren, sondern mit Unternehmensanleihen. Aber auch hier wird die Anlage schwieriger. Erste Papiere – Sanofi und Henkel – bewegen sich ebenfalls im Minusbereich.

Garantiezins sinkt

Die Versicherer stecken in der Klemme. Sie erwirtschaften weniger, müssen aber heute noch Verträge aus Vor-Wende-Zeiten erfüllen, in denen sie den Kunden lebenslange Garantiezinsen von vier Prozent versprochen haben. Neue Kunden können von solchen Quoten allerdings nur noch träumen. Heute liegt der Garantiezins bei 1,25 Prozent, für Verträge, die ab dem 1. Januar 2017 abgeschlossen werden, sinkt er gar auf 0,9 Prozent.

Möglicherweise schafft die Bundesregierung aber auch diesen Mickersatz noch ab, geprüft werden soll das im Jahr 2018. Damit regiert die Politik auf die neuen europäischen Eigenkapitalrichtlinien, die langlaufende Garantien teuer machen.

Kunden müssen mehr sparen, weil sie weniger bekommen

Die Zinsmisere bekommen auch die Kunden zu spüren. Wer mit 35 Jahren eine 30-jährige Lebensversicherung abschließt, jährlich 1000 Euro einzahlt und seinen 90. Geburtstag erlebt, bekommt ab dem 65. Lebensjahr jährlich 4500 Euro von der Versicherung ausgezahlt, wenn das Ersparte mit fünf Prozent verzinst wird. Sinkt der Zins auf ein Prozent, sind es nur noch 1500 Euro. Bei einem Minuszins von einem Prozent erhält der Versicherte 900 Euro und damit 100 Euro weniger, als er eingezahlt hat.

Neue Verträge ohne Garantien

Viele Versicherer haben sich inzwischen von lebenslangen Garantien verabschiedet. Zurich, Talanx, Generali und die Ergo bieten neue Verträge nur noch ohne Garantiezins, die Allianz fährt zwar noch zweigleisig, versucht ihren Kunden aber vor allem die neuen Flexi-Produkte „Perspektive“ und „Komfort-Dynamik“ schmackhaft zu machen. Den Verzicht auf feste Garantien versüßt die Allianz mit einem Zinsextra von 0,3 Prozent. Allerdings ist das nicht so viel, wenn man bedenkt, dass auch die klassische Garantievariante derzeit noch eine Gesamtverzinsung von 3,8 Prozent bringt.

Allianz sucht neue Geldanlagen

Um sich aus der EZB-Zinsfalle zu befreien, sucht Wemmer nach rentierlicheren Anlagen. Immobilien und erneuerbare Energien können bis zu sechs Prozent Rendite bringen, Infrastrukturinvestitionen bis zu acht, Unternehmensbeteiligungen sogar bis zu 12 Prozent, rechnet man bei der Allianz. Dennoch stecken von den 666 Milliarden Euro Anlagekapital derzeit erst 92 Milliarden Euro in alternativen Anlagen, 110 Milliarden Euro sollen es mittelfristig sein.

Während die Allianz in Tschechien ein Gasnetz besitzt und in London einen Abwassertunnel finanziert, tut man sich in Deutschland schwer. „Wir finden keine geeigneten Infrastrukturanlagen“, ärgert sich Wemmer. Außer der Autobahnraststättenkette „Tank&Rast“ hat der Versicherer hierzulande nicht viel im Portfolio. Anders sieht es bei Windparks aus, die man auch in Deutschland gern finanziert. Und was ist mit der Start-up-Branche? Wemmer ist vorsichtig: Man beteilige sich an Fonds, sagt er. Eine direkte Unternehmensfinanzierung ist dagegen auf Firmen aus dem Versicherungsumfeld beschränkt und dient eher der Unternehmensentwicklung als der Geldanlage.

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