Andrea Nahles und Flüchtlinge : Arbeitsministerin erwartet 460.000 zusätzliche Hartz-IV-Empfänger

Viele arbeitslose Flüchtlinge, aber mehr Jobs für Deutsche: Damit rechnet Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles im kommenden Jahr. Mehrkosten: bis 3,3 Milliarden Euro.

Flüchtlinge warten vor dem Lageso in Berlin - Andrea Nahles rechnet mit einem deutlichen Anstieg von Hartz-IV-Empfängern im kommenden Jahr aufgrund des Flüchtlingsstroms.
Flüchtlinge warten vor dem Lageso in Berlin - Andrea Nahles rechnet mit einem deutlichen Anstieg von Hartz-IV-Empfängern im...Foto: REUTERS

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) rechnet wegen des Flüchtlingszustroms im kommenden Jahr mit einem "deutlichen Anstieg" der Arbeitslosenzahlen - allerdings nicht für Einheimische, wie sie der "Passauer Neuen Presse" sagte. Durch die Flüchtlingshilfen würden etwa im Wohnungsbau, der Betreuung und in anderen Bereichen viele neue Jobs geschaffen.

"Bei den Einheimischen werden wir daher weiterhin einen Rückgang der Erwerbslosigkeit erleben", sagte sie voraus. Ansteigen dürften durch die vielen Flüchtlinge, von denen die meisten zunächst keine Arbeit haben, die Hartz-IV-Ausgaben. "Unsere Schätzungen besagen, dass es bis zu 460.000 Menschen zusätzlich sein könnten", sagte die SPD-Politikerin.

Das koste 1,8 bis 3,3 Milliarden Euro - für Lebensunterhaltsleistungen und Arbeitsmarktförderung. Zulasten deutscher Langzeitarbeitloser gehe das aber nicht. Bei den Job-Centern sieht Nahles wegen der immens gewachsenen Anforderungen zur Vermittlungen von Flüchtlingen in Arbeit einen hohen Bedarf an zusätzlichen Stellen. "Wir werden in den Job-Centern noch sehr viel mehr Personal brauchen." Sie werde in den Haushaltsverhandlungen für 2800 zusätzliche Stellen eintreten, kündigte Nahles an.

Die Ausgaben zur Bewältigung des Flüchtlingszustrom werden der deutschen Wirtschaft nach Auffassung aller Experten auf kurze Sicht einen Wachstumsimpuls geben. In einer Umfrage des Mittelstandsverbandes BVMW sagten neun von zehn befragten mittelständischen Firmeninhabern und Chefs, deutsche Sprachkenntnisse seien für sie die Kernvoraussetzung, um einen Flüchtling einzustellen.

Angela Merkel: Vor allem junge Menschen in Arbeitswelt integrieren

Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht für einige Flüchtlinge in Deutschland eine gute Job-Perspektive. "Für einen Teil derjenigen, die zu uns kommen, wird das recht gut gehen", sagte die Kanzlerin in ihrer wöchentlichen Videobotschaft vom Samstag. Es werde aber auch viele geben, die zwar in Deutschland bleiben dürften, auf dem Arbeitsmarkt aber keine guten Aussichten hätten.

"Hier müssen wir insbesondere bei jungen Menschen schauen, dass wir sie trotzdem schnell in Arbeit bekommen", fordert sie. Merkel verwies auf verschiedene Instrumente zur Integration der Menschen aus anderen Ländern. Dazu zählten Integrationskurse, vor allem aber auch Sprachkurse in Deutsch.

Gastronomie und Lebensmittelindustrie bietet viele Stellen - auch ohne Ausbildung

Auch die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) sieht gute Job-Chancen für Asylbewerber, vor allem in der Gastronomie und der Lebensmittelindustrie. Auch hier gilt jedoch: Junge Flüchtlinge müssten als Voraussetzung schnell Sprachkenntnisse erwerben, sagte der NGG-Landesvorsitzende Thomas Gauger der Deutschen Presse-Agentur. "In der Gastronomie werden Fachkräfte gesucht." Freie Ausbildungsstellen gebe es auch in der Lebensmittel- und Süßwarenindustrie. Chancen hätten interessierte Flüchtlinge zudem im Bäckereihandwerk. "Wenn wir den Menschen eine Perspektive auf Dauer geben wollen, brauchen sie eine Ausbildung", betonte Gauger.

Jobs bietet die Gastronomie auch ohne Ausbildung. Hilfskräfte müssten aber Sprachkurse belegen, um vorwärtszukommen. Gauger bekräftigte, dass es ein Unterschreiten des Mindestlohns für Flüchtlinge nicht geben dürfe. "Gesellschaftspolitisch wäre das eine Katastrophe." Ein Unterschreiten der Untergrenze hatte kürzlich auch die Bundesvorsitzende Michaela Rosenberger abgelehnt. Mehrere CDU-Politiker hatten zuvor Ausnahmen vom Mindestlohn für Flüchtlinge ins Gespräch gebracht. (Reuters, dpa)

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