Arbeit der Zukunft : Recht auf Homeoffice und Auszeiten

Gewerkschaftsnahe Fachleute haben diskutiert, wie eine soziale Arbeitswelt aussehen könnte. Arbeitnehmer bräuchten „Luftlöcher im Lebensverlauf“.

Die Arbeitnehmer sollen ein Recht auf Homeoffice haben.
Die Arbeitnehmer sollen ein Recht auf Homeoffice haben.Foto: picture alliance / dpa

Zwei Monate im Jahr können sich die Beraterinnen und Berater bei McKinsey eine Auszeit nehmen, über ihren Jahresurlaub hinaus, ohne einen Grund zu nennen. Ein Mitarbeiter hat währenddessen eine Klavierkonzertreise gemacht, ein anderer einen Jagdschein. Aus Sicht einer gewerkschaftsnahen Expertenkommission sollte bald jeder das Recht auf eine solche Pause haben. Arbeitnehmer bräuchten „Luftlöcher im Lebensverlauf“, heißt es in ihrem am Mittwoch vorgestellten Abschlussbericht.

32 Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Gewerkschaften, Wirtschaft und Politik haben auf Initiative der Hans-Böckler-Stiftung in den vergangenen zwei Jahren diskutiert, wie eine soziale und gesunde Arbeitswelt der Zukunft aussehen könnte. „Wie man es besser nicht machen sollte, zeigt der Blick in die USA. Dort hat man es allein dem Silicon Valley überlassen, den Weg in die Digitalisierung vorzugeben“, sagte der DGB–Vorsitzende Reiner Hoffmann.

Mit der Konsequenz, dass dort eine Technikfixierung vorherrsche, und Geschäftsideen entwickelt würden, die nur auf maximale Marktmacht abzielten. „Wir haben ein anderes Ziel: Die Frage zu klären, wie technische Innovationen in sozialen Fortschritt münden, der möglichst vielen Menschen zugute kommt“, meinte Hoffman, der die Kommission mit der Soziologin Kerstin Jürgens geleitet hat.

Den "Arbeitnehmer" neu definieren

Neben der Digitalisierung würden der demografische Wandel, die veränderten Lebensentwürfe von Frauen und Männern, neue Ansprüche an die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und die Zuwanderung die Arbeitsmarktpolitik der kommenden Jahre prägen.

Zu den 54 Handlungsempfehlungen der Expertengruppe zählen da folgende Ideen: Die Begriffe von Arbeitnehmer und Betrieb müssten neu definiert werden, weil es längst nicht mehr nur den typischen Vollzeitbeschäftigten gebe, der täglich acht Stunden im Büro sitzt oder in der Halle am Fließband steht. Wegen der wachsenden Plattformökonomie gebe es beispielsweise immer mehr Solo-Selbstständige, die kaum abgesichert sind. Smartphones und Laptops machten es möglich, nicht mehr am immergleichen Ort, sondern von zu Hause oder einem Café aus zu arbeiten.

Zeiten, die zum Privatleben passen

Die Kommission empfiehlt deswegen einen rechtlichen Anspruch auf mobiles Arbeiten. „Die Begründungspflicht für eine Ablehnung sollte beim Arbeitgeber liegen“, steht in dem Bericht – wenngleich niemand zum Homeoffice gezwungen werden dürfte.

Außerdem pocht die Kommission auf eine Flexibilisierung der Arbeitszeit. Betriebe sollten alle paar Jahre dazu aufgefordert werden, die Wünsche ihrer Beschäftigten zu erfragen und für sie individuelle Modelle zu entwickeln. Dadurch könnten die Mitarbeiter – passend zu ihrem Privatleben – besser mitgestalten, wann sie kommen und gehen. Auch dort, wo es weder Vorgaben durch Tarifverträge noch Personal- oder Betriebsräte gibt. Zum Schutz seien allerdings „klare Regelungen nötig“, wer wann erreichbar ist.

Mehr Geld für soziale Dienstleistungen

Prognosen zufolge seien die sozialen Dienstleistungen die größte Wachstumsbrache der nächsten Zeit. Erstens gingen die geburtenstarken Jahrgänge auf das Rentenalter zu, was zu einem steigenden Bedarf in der Pflege führe. Zweitens seien immer mehr berufstätige Eltern auf eine gute Kinderbetreuung angewiesen. Deswegen brauche es, so die Kommission, eine größere Wertschätzung und bessere Bezahlung in dem Bereich.

Auch im Bildungssektor müssten die Arbeitsbedingungen verbessert werden, um die Menschen auf die sich stets verändernden Anforderungen an sie vorzubereiten und ein effektives lebenslanges Lernen zu ermöglichen.

„Die Arbeitswelt bringt nicht weniger, sondern nur andere Formen der Beanspruchung mit sich“, heißt es in dem Bericht weiter. Seit der Jahrtausendwende würden die Krankschreibungen aufgrund mentaler Erschöpfung eine besondere Aufmerksamkeit bekommen. Ursachen seien ein permanenter Zeit-, Leistungs- und Wettbewerbsdruck, eine zu dünne Personaldecke, unerreichbare Zielvorgaben, fehlende Gestaltungsspielräume und mangelnde Anerkennung. Mit ihren Angestellten zusammen sollten Unternehmen überlegen, wie sie die Arbeit besser organisieren – und auf einer „Risikolandkarte“ festhalten, was die Beschäftigten genau psychisch belastet.

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