ARBEIT FÜR SENIOREN : Mit der Rente kommt das Fernweh

Von wegen Ruhestand: Immer mehr Senioren zieht es zur Arbeit ins Ausland – drei Beispiele.

Claudia Obmann
Auf zu neuen Horizonten. Agenturen vermitteln abenteuerlustigen Senioren passende Jobs rund um den Globus.
Auf zu neuen Horizonten. Agenturen vermitteln abenteuerlustigen Senioren passende Jobs rund um den Globus.Foto: Andrea Lehmkuhl/Fotolia

ALS ERSATZ-OMA IN AUSTRALIEN

Von einem Au-pair-Einsatz hat Barbara Hartel schon in den 1960er-Jahren geträumt, als Schülerin. Ein Jahr Paris sollte es sein. „Doch meine Eltern waren strikt dagegen“, erzählt die heute 65-Jährige. Gut 50 Jahre später hat die Diplom-Kauffrau ihren Jugendtraum vom Au-pair-Leben im Ausland doch noch verwirklicht. Aber statt in die französische Hauptstadt zog die Rentnerin im Mai vom verregneten Darmstadt ins sonnige Australien.

Im 5000-Seelen-Städtchen Blackstone in der Nähe der Ostküsten-Metropole Brisbane suchte ein berufstätiges Paar aus Deutschland eine Betreuerin für seine zwei kleinen Kinder. Sie wandten sich an die Hamburger Vermittlungsagentur „Granny Aupair“. Barbara Hartel, geschieden und selbst Mutter von drei erwachsenen Söhnen, hatte kurz vor Beginn ihrer Rente einen Fernsehbeitrag über diese Agentur gesehen, die Frauen über 50 als Leih-Omas in 40 Länder vermittelt – und gedacht: „Das wär auch was für mich.“ Sie stellte ihr Profil online und sichtete die Gesuche von Familien aus aller Welt, mailte und skypte mit Interessenten. Bei Familie Krebs in Australien stimmte die Chemie.

Neun Monate lang ist Hartel für die vierjährige Anna und den zweijährigen Bernie Ersatzoma. Kost und Logis sind frei, sie erhält ein kleines Taschengeld. Regulär arbeiten darf sie mit ihrem Touristenvisum in Australien nicht. Hartel kümmert sich um die Kinder, „die meine Enkel sein könnten“ und übt schon mal für die eigenen, auf die sie hofft. Sie liest den beiden Märchen vor oder geht mit ihnen zum Spielplatz, Picknick im Gepäck. Aber am liebsten planschen die Kleinen im Swimmingpool im Garten. Montags und mittwochs gehen sie in den Kindergarten.

Dann hat die passionierte Radfahrerin, die schon Hunderte von Kilometern in Schottland und Frankreich zurückgelegt hat, ebenso Zeit wie am Wochenende, um ihr Zuhause auf Zeit zu erkunden. Per Zug fuhr sie kreuz und quer durch den Kontinent. Erstaunt war sie, wie freundlich die Australier sind – und wie hilfsbereit die Schaffner. „Jedem Passagier tragen sie den Koffer an den Platz und helfen beim Aussteigen.“

Nur einmal fühlte sie sich in ihrem Idyll am anderen Ende der Welt aufgeschreckt: Als nach wochenlanger Hitze nur zwei Straßen entfernt plötzlich ein Buschbrand ausbrach. „Da hatte ich Angst“, erzählt die Deutsche. Schlagartig wurde ihr die Verantwortung für zwei fremde Kinder bewusst. „Ich konnte die Lage nicht einschätzen, wusste nicht, ob ich uns drei in Sicherheit bringen und wohin ich mich dazu wenden sollte.“ Aufgeregt rief sie die Mutter der Kinder bei der Arbeit an, die wiederum den Nachbarn mobilisierte, um Hartel zu beruhigen und beizustehen. Zu einer Evakuierung kam es glücklicherweise nicht. „Aber etwa eine Woche lang war die Feuerwehr im Einsatz, denn im ehemaligen Kohleabbaugebiet, auf dem die Häuser stehen, brannte es sogar unter der Erde“, erzählt sie.

Inzwischen ist mehr als die Hälfte ihrer Zeit in Australien um. Die rüstige Rentnerin schmiedet schon neue Pläne: Wenn sie zurück nach Deutschland kommt, will sie ihre Wohnung auflösen und sich die nächste Au-pair-Stelle suchen – in Kanada.

IM EHRENAMT UM DIE WELT

Als sie mit 55 Jahren in den Ruhestand verabschiedet wurde, versuchte es Wera Thurner mit Reisen gegen die Langeweile. In Israel kam die Ex-Produktionsleiterin eines Bademodenherstellers mit einer 65-jährigen Deutschen ins Gespräch, die ihre Wohnung untervermietet hatte, um in einem Hospiz in Jerusalem zu arbeiten. „Für mich war es völlig neu, dass man in diesem Alter noch so etwas Sinnvolles machen kann“, erzählt die gelernte Schneiderin und Bekleidungstechnikerin aus Augsburg. „Die Idee, mich selbst ehrenamtlich zu engagieren, ließ mich nicht mehr los.“

Als ihr eine Freundin erzählte, dass in Sri Lanka nach dem Tsunami von 2004 Helfer für den Wiederaufbau gesucht würden, war Thurner sofort dabei. Sechs Wochen sollte ihr Einsatz dauern, es wurde ein Vierteljahr. „Dort mitanzupacken, um den Menschen zu helfen, hat mir wahnsinnig Spaß gemacht“, sagt sie. Sie lernte einen deutschen Bäckermeister im Ruhestand kennen, der von den Einheimischen beim deutschen Senior Expert Service (SES) angefordert worden war. Expertise einbringen, nicht nur aushelfen – das gefiel Thurner so gut, dass sie, zurück zu Hause, sofort ihr eigenes Profil beim SES hinterlegte.

Ihr Know-how ist gefragt: Seit 2011 wurde die heute 66-Jährige bereits zehnmal angefordert. Ihre Projekte dauern zwischen drei und sechs Wochen und führten sie nach Syrien, Bulgarien, Usbekistan, Sri Lanka, Weißrussland und zuletzt nach Simbabwe. Sie hat in einem Ausbildungszentrum der Vereinten Nationen auf Sri Lanka dafür gesorgt, dass die Schneiderausbildung verbessert wurde. In Bulgarien, wo bekannte Modefirmen für den deutschen Markt fertigen lassen und sie schon zum vierten Mal war, geht es immer wieder um Qualitätssicherung. In Bulawayo, der zweitgrößten Stadt in Simbabwe, half sie einem Betrieb, die Produktion von Damenbekleidung für die Einheimischen zu optimieren.

Die Seniorin ist ganz in ihrem Element, ihr Einsatz an exotischen Orten inzwischen Routine. Sie genießt die Anerkennung in der Fremde und zu Hause. „Mein Mann und meine Tochter sind stolz auf mich.“ Klar, auch sie war aufgeregt vor ihrem ersten Einsatz als Expertin, damals im syrischen Aleppo. Ihr Englisch hatte sie im VHS-Kurs aufgefrischt. Zwischen zwei und sechs Monaten hat sie jeweils Zeit zur Vorbereitung, bevor ein neues Projekt losgeht. Von den Syrern wurde sie damals behandelt „wie eine Prinzessin“: Ihre Auftraggeber zeigten ihr abends die Altstadt und luden sie ins Restaurant ein. Heute ist alles, was sie damals aufzubauen half vom Bürgerkrieg zerstört.

Viel öfter aber scheitern die Textilproduzenten im Ausland, die Thurner um Hilfe bitten, an so simplen Dingen wie dreckigen Fertigungsstätten, ungelernten Mitarbeitern oder dem fehlenden Interesse, nachhaltig zu arbeiten. Das frustriert die Deutsche. Wenn sie dann nach Feierabend allein in ihrer Unterkunft sitzt, „können sich auch drei Wochen ganz schön ziehen“. Dann frage sie sich schon: „Wofür tue ich mir das eigentlich an?“ In solchen Situationen hilft ihr eines am besten: Notebook an und mit der Familie in Deutschland skypen.

PROJEKTARBEIT IN DER KARIBIK

Filmheld Lawrence von Arabien war der Auslöser für Ulrich Spittlers Fernweh. „Die Wüstenabenteuer des britischen Geheimagenten haben mich mit 15 Jahren so begeistert, dass ich dachte: Ich will auch was von der Welt sehen“, erzählt der 62-Jährige. Und tatsächlich, mit 27 Jahren führte sein erster Auslandseinsatz den jungen Maschinenbau-Ingenieur aus Düsseldorf nach Saudi-Arabien. Dort erwarteten ihn harte Arbeit bei extremer Hitze und höchstem Termindruck, kaum Kontakt zu Freunden und Familie und noch weniger Abwechslung wegen der religiösen Vorschriften. Um sich abzulenken, kaufte er sich ein altes Motorrad und durchquerte in der Freizeit wie sein Idol die Wüste.

Für seinen Arbeitgeber hat der Maschinenbau-Konstrukteur in 25 Jahren in Indonesien, Afrika, Südamerika und Indien Großanlagen errichtet. Als sich sein Unternehmen auflöste, fühlte er sich zu jung, um die Füße hochzulegen. Ein Job im Büro? Zu langweilig. Spittler machte sich 2012 selbstständig und registrierte sich beim Personaldienstleister Emagine, der Freiberufler in High-Tech-Projekte weltweit vermittelt. Seine Frau hatte Verständnis und ließ ihn erneut ziehen. Seit Februar 2013 arbeitet der Deutsche auf der französischen Karibikinsel Guadeloupe, wo er die Montage der mechanischen Ausrüstung eines neuen Dieselkraftwerks verantwortet.

Jedes zweite Wochenende hat er komplett frei, sonst muss der Deutsche auch samstags ran. An einem seiner freien Tage war er mit einem Motorboot unterwegs. Das Meer war rau, riss ihn von den Füßen. Er kam ins Krankenhaus. Nach einer Woche war seine Rückenverletzung glücklicherweise verheilt. Und wenn es Komplikationen gegeben hätte? Der Weltenbummler bleibt gelassen: „Dann wird man eben ausgeflogen.“ HB

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