Arbeitsmarkt : Billiglöhne am Haken

DGB-Chef Michael Sommer wirbt für faire Arbeitsbedingungen und geht dafür auch auf den Schlachthof. Er sieht die Zukunft des Sozialsystems in Gefahr.

Alfons Frese

Bremen - Jetzt also die Sinnesorgane ausschalten. Und noch einmal tief einatmen und dann auf alles gefasst sein. „Wir gehen nicht in eine Parfümerie“, sagt Rüdiger Boschen. Boschen ist Betriebsleiter des Bremer Schlachthofs. Im Schlepptau hat er einen Trupp Journalisten, die den DGB-Vorsitzenden Michael Sommer bei seiner diesjährigen Sommerreise begleiten. Unterwegs durch deutsche Arbeitswelten, auf der Suche nach prekärer Beschäftigung, Billiglöhnern und Leiharbeitern.

Ein Schlachthof besteht eigentlich aus zwei Schlachthöfen. Dem eher schmutzigen Stallbereich, wo die Tiere angeliefert und untersucht werden und von wo aus sie ihren letzten Gang antreten. Und dem ziemlich sauberen Teil, in dem die toten Körper zerlegt werden. Vom Stall aus gehen die Tiere einen „Einzelgang“ entlang, an dessen Ende es einen Bolzenschuss ins Hirn gibt. Jetzt sind sie betäubt, werden an Haken gehängt und aufgeschlitzt. „Der Tod erfolgt durch Blutentzug“, sagt Boschen. Es sind einige tausend Liter, die im Bremer Schlachthof jeden Tag entzogen werden. „Wir schlachten Schweine mit Tempo 300 und Rinder mit 55“, erläutert Boschen die Produktivitätskennziffern. Jede Stunde sterben also 300 Schweine oder 55 Rinder. Das ist wettbewerbsfähig.

Die deutsche Fleischwirtschaft ist ins Gerede gekommen. Kaum eine andere Branche setzte in den vergangenen Jahren so viele Billigarbeitskräfte ein, vor allem aus Tschechien und Polen. „Sie haben uns verarscht“, sagt Matthias Brümmer, Chef der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) in der Region Oldenburg/Ostfriesland über die EU-Erweiterung im Mai 2004. Zwar sei der Zuzug von Arbeitskräften aus den neuen, östlichen EU-Ländern begrenzt worden. Doch indem die deutschen Fleischbetriebe Subunternehmen per Werkvertrag beauftragten, kamen eben die Billigkräfte aus dem Osten doch noch zum Einsatz in den deutschen Betrieben. Brümmer erzählt vom Geflügelkonzern Wiesenhof, wo es heute noch Stundenlöhne von 3,50 Euro gebe.

Die Schlachter in Bremen sind besser dran. Sie arbeiten im Akkord und kommen auf 2400 bis 3000 Euro im Monat. Für die Arbeit am Fließhaken. An diesem Nachmittag sind Rinder dran, Bullen, im Schnitt 18 Monate alt. Eine Wiese haben diese Tiere nie gesehen. Sie bleiben im Stall, bewegen sich kaum, damit so schnell wie möglich das Schlachtgewicht erreicht wird. Aktuell bleiben für den Bauern etwa 50 Euro als Gewinn von einem Stück Vieh übrig. Der Schweinemäster bekommt pro Kilo einen Preis von 1,50 Euro – das ist etwa die gleiche Größenordnung wie Mitte der 90er Jahre. Profitiert von der Entwicklung der vergangenen Jahre haben die Verbraucher. Die Fleischpreise sind entweder gesunken oder nur minimal gestiegen. Das gilt auch für den Lohn von Heinz Renken, der mit seinen Kollegen die Rindviecher in Bremen zerteilt. Das Einkommen hat sich in den vergangenen zehn Jahren nicht erhöht, aber der Urlaub ist von 30 auf 26 Tage geschrumpft. Am Haken arbeiten Spezialisten. Kurz nach der Tötung setzt einer die richtigen Schnitte, so dass eine Maschine das Fell möglichst makellos abzieht. Der Tierkörper fährt weiter zum nächsten Kollegen, der auf einem Aufzug steht und das Tier auseinandersägt, dann werden Magen und Gedärm und Organe entfernt.

Der Bremer Schlachthof gehört Josef Vosding, einem grauen, älteren Herrn, der an diesem Nachmittag den DGB-Chef nicht nur als Gastgeber erfreut. Vosding ist „ohne Wenn und Aber“ für einen gesetzlichen Mindestlohn. Sommer ist zufrieden. Mit dem Thema sieht er die Gewerkschaften mal wieder im Aufwind. „Der gesetzliche Mindestlohn ist mittlerweile in der Bevölkerung populär, und wir werden die Kampagne bis zum Ende führen.“ Daneben werde der DGB in den nächsten Monaten „die Einschränkung des Missbrauchs der Leiharbeit zum Thema machen“. Sommer erwartet einen entsprechenden Antrag auf dem bevorstehenden SPD-Parteitag und will das Thema demnächst auch mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) besprechen.

Vom „Fleischfleck“ spricht der NGG-Gewerkschafter Brümmer, wenn es um den Großraum Oldenburg geht. 8,2 Millionen Schweine werden in niedersächsischen Betrieben gemästet. Ein großer Teil der rund 100 000 Beschäftigten in der deutschen Fleischindustrie arbeitet hier – inklusive Leiharbeiter aus Osteuropa. Die Arbeit im Schlachthof Bremen wollte vor zwei Jahren eine Kolonne Tschechen übernehmen, die für etwa 1000 Euro weniger als ihre deutschen Kollegen die Tiere getötet und zerlegt hätten. „Das war ein riesiges Problem“, sagt Schlachthofbesitzer Vosding. Von der Betäubung bis zur Kühlung sind zwar weitgehend deutsche Fachkräfte bei ihm tätig, doch auch die sind angestellt bei einem Subunternehmer, was für den Schlachthof den „administrativen Aufwand“ minimiert. Immerhin, hat jedenfalls Vosding beobachtet, ist das Schlimmste offenbar überstanden. „Die Entwicklung läuft darauf hinaus, dass die Billigstlöhne passé sind“, sagt Vosding. „Es ist für ein Land wie die Bundesrepublik auch nicht in Ordnung, wenn solche Löhne gezahlt werden.“

Gravierender als die Lohnentwicklung ist für den Fleischer der Handel. Bereits heute werden 60 Prozent des Fleisches und der Fleischwaren bei Discountern wie Aldi und Lidl abgesetzt, abgepackte Ware für kleines Geld. „Auf den Ladenmetzger entfällt heute nur noch knapp ein Fünftel“, sagt Vosding, und stellt sich darauf ein, es künftig nur noch mit höchstens fünf Abnehmern zu tun zu haben – die entsprechenden Druck auf die Preise machen werden. Und am Ende der verbreiteten Geiz-ist-geil-Logik stehen dann eben auch die Arbeitskräfte.

Dem DGB-Chef schwant Böses. In Holland zum Beispiel gebe es immer weniger Zeitarbeiter oder Teilzeitbeschäftigte. „Die Menschen dort bieten sich inzwischen als Selbstständige an“, sagt Sommer. Etwa zehn Prozent der arbeitenden Bevölkerung verdinge sich dort auf diesem Wege, ohne Sozialversicherungsschutz. „Wir sehen erst die Spitze des Eisberges, was wir an prekärer Beschäftigung kennen“, schlussfolgert Sommer für die Verhältnisse in Deutschland. Die Spitze des Eisbergs: Das sind 650000 Vollzeitbeschäftigte, die so wenig verdienen, dass sie Hartz IV brauchen. Und das sind rund drei Millionen Vollzeitbeschäftigte, die weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Lohns bekommen, also weniger als 1250 Euro. Auch deshalb werde er nicht eher Ruhe geben, bis es einen gesetzlichen Mindestlohn in Deutschland gebe, sagt Sommer. Schlachthofbesitzer Vosding wünscht ihm viel Glück dabei.

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