Arbeitswelt der Zukunft : „Im Jahr 2025 können wir unter fünf Jobs wählen“

Warum immer mehr Berufstätige zu Projektarbeitern werden und Unternehmen Kinder- und Altenbetreuung anbieten, erklärt der Trendforscher Sven Gábor Jánszky.

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Im Bereich Forschung und Beratung für Unternehmen wird es richtig viele Stellen geben.
Im Bereich Forschung und Beratung für Unternehmen wird es richtig viele Stellen geben.Foto: alphaspirit Fotolia

Herr Jánszky, Sie prognostizieren, dass Berufstätige im Jahr 2025 alle zwei, drei Jahre projektbezogen das Unternehmen wechseln. 15 Arbeitgeber pro Biografie werden dann keine Seltenheit mehr sein. Werden wir alle zu Jobnomaden?

Nein. Wer in sich spürt, dass er in seinem Unternehmen bleiben will, der wird bleiben. Vierzig Prozent der Berufstätigen werden so ticken. Aber die anderen vierzig Prozent gehen, weil sie gehen wollen. Ob in der einen oder in der anderen Branche und an welchem Ort – das suchen sie sich aus.

Schon heute gibt es in Berlin viele Projektarbeiter. Sie wirken nicht alle so zufrieden. Was wird 2025 anders sein?

Wir werden unser Gefühl von Sicherheit in der Arbeitswelt verändern. Wir sind in einer Welt groß geworden, in der Arbeitslosigkeit das Schlimmste der Welt war. Man muss morgens zum Arbeitsamt und bekommt nie wieder einen Job, so unser Bild. In den nächsten zehn Jahren verschwinden aus demografischen Gründen 6,5 Millionen Menschen von unserem Arbeitsmarkt. Wir werden in einer Welt der Vollbeschäftigung leben. Wer sucht und halbwegs ordentlich ausgebildet ist, kann dann aus fünf oder zehn Joboptionen wählen. Egal ob er gekündigt wurde oder selbst gekündigt hat. Das gibt den Menschen Sicherheit.

Gilt diese Entwicklung für Europa oder nur für Deutschland?

Die niedrige Arbeitslosigkeit gilt für das mittlere Europa, vermutlich auch für Italien, Spanien und Frankreich. Dieses besonders starke demografische Minus ist aber ein deutscher Einzelfall und schon in der Schweiz so nicht zu beobachten.

Wird dann nicht Zuwanderung das demografische Minus ausgleichen?

Deutschland wird nicht von der Zuwanderung von qualifizierten Ausländern profitieren können. Das liegt an unserer Bürokratie, die es nicht einfach macht, nach Deutschland zu kommen. Für jemanden aus einem typischen Auswanderungsland wie Indien oder China ist es auch wegen der Sprache einfacher in ein englischsprachiges Land zu gehen.

Was heißt das für Unternehmer?

Dass sie echt ein Problem bekommen werden. Mit ihrer bisherigen Strategie Jobprofile nach dem eigenen Bedarf auszuschreiben, werden sie auf diesem Arbeitsmarkt keinen einzigen Menschen finden, der genau diesem Tätigkeitsprofil entspricht.

Das heißt?

Sie werden von Ihrem Wunschprofil ein Stück abschneiden und einen Menschen einstellen, der nicht so gut ausgebildet ist. Sie werden versuchen, ihm eine Aufgabe zu geben, die ihm halbwegs entspricht. Die Aufgaben, die er nicht erfüllen kann, werden sie an die Tätigkeit eines anderen Menschen andocken.

Wie verändert das ein Unternehmen?

Abteilungsgrenzen werden fluide, Verantwortungsbereiche wandern hin- und her. Es wird jemanden in der Personalabteilung geben müssen, der das steuert. Wenn nicht, läuft alles schief.

Wie werden Unternehmen die Jobnomaden halten?

Unternehmen werden zum Beispiel in Dienstleister für Pflege und Kinderbetreuung investieren, um ihre Mitarbeiter nicht nach zwei Jahren ziehen lassen zu müssen. Wenn der Headhunter anruft, werden Mitarbeiter absagen, weil ihre Kinder über ihr Unternehmen gut untergebracht sind und ihre Eltern gepflegt werden. Diese Bindungen werden sie nicht zerreißen wollen.

Wie werden wir in der Arbeitswelt 2025 eigentlich Kontakt zu anderen Menschen haben?

Natürlich wird alles etwas digitaler, aber an der zwischenmenschlichen Kommunikation wird sich wenig ändern. Projektarbeiter und –teams werden immer noch Räume brauchen, in denen sie zusammensitzen und miteinander reden. Ändern wird sich, wie die Technik für uns arbeitet. Die Geräte werden nicht mehr auf unsere Fragen warten, sondern uns passend zur jeweiligen Situation automatisch nützliche Informationen anbieten.

Wie kann ich mich dann als Berufstätige auf die Arbeitswelt von 2025 vorbereiten?

Was wollen Sie vorbereiten? Sie wissen nicht, wo Sie arbeiten werden. Sie wissen nur, dass Sie in ein Projekt gehen werden, bei dem Sie die größte persönliche Herausforderung spüren, das nach Ihren persönlichen Werten Sinn macht und bei dem es ein gutes Team gibt, das Sie weiterbringt. Das sind die Top 3-Entscheidungskriterien.

Keine Angst vor Arbeitslosigkeit – das gilt aber nicht für alle Branchen, oder?

Natürlich gibt es Branchen, in denen sich Geschäftsmodelle verändern. Zum Beispiel im Journalismus. Bestimmte Tätigkeiten sind nicht mehr erforderlich, dafür aber andere. Man muss schon eine realistische Abschätzung treffen, wo Geschäftsmodelle boomen und wo sie sich eher negativ entwickeln. In die universitäre Forschung wird wenig investiert, dort werden Gehälter nicht steigen. Die gleichen Fähigkeiten werden aber in Unternehmen teils händeringend gesucht. Im Bereich Forschung und Beratung für Unternehmen wird es richtig viele Jobs geben. Laut Trendanalyse investieren Unternehmen schon jetzt Millionen in neue Vertriebs- und Verkaufswege, in Kundendialog und Bezahlmodelle. Auch Dienstleistungen für Mobilität wie selbstfahrende Autos sind ein großes Thema.

Was raten Sie Ihrem Neffen, wenn er Sie fragt, was er nach der Schule machen soll?

Eine gute Bildung, die nicht auf Faktenwissen basiert, sondern auf Problemlösungskompetenz. Mit der Kompetenz, Dinge zu hinterfragen und zu reflektieren, ist man für viele Branchen gewappnet.

In Berlin haben überdurchschnittlich viele Jugendliche keinen Schulabschluss. Was hat die Arbeitswelt 2025 für sie zu bieten?

Hier wird es eine echte Schere geben. Wer schlecht ausgebildet ist, wird auch in dieser Zukunftswelt keine Chance haben. Deswegen ist es völlig inakzeptabel, dass Menschen ohne Abschluss von der Schule gehen. Daran muss man arbeiten. Ansonsten muss man sich etwas einfallen lassen, wie diese Menschen ohne Arbeit zu Geld kommen.

Denken Sie an ein Grundeinkommen?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Ich will das Grundeinkommen nicht als Allheilmittel darstellen, aber es ist tatsächlich eine Möglichkeit.

Für Niedrigqualifizierte gibt es auf diesem Arbeitsmarkt 2025 keine Chance?

Keine große. Auch Pflegeberufe werden Berufe, die auf einer guten Ausbildung basieren. Wir müssen uns von dem Gedanken verabschieden, dass es Berufe gibt, für die man keine Ausbildung braucht. Das wird es morgen nicht mehr geben.

Das Gespräch führte Katharina Ludwig

Arbeitsmarkt 2025: Sven Gábor Jánszky erforscht die Zukunft.
Arbeitsmarkt 2025: Sven Gábor Jánszky erforscht die Zukunft.Andreas Lander/2BAhead

Sven Gábor Jánszky (geb. 1973) ist Trendforscher, Autor und Unternehmensberater. In diesem Jahr ist sein mit Lothar Abicht verfasstes Buch „2025 – So arbeiten wir in der Zukunft“ erschienen.

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